Ein Parforceritt von Eckhard Heck durch die aktuellen Expositionen

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Blicke, die bleiben

Eine monothematische Fotoausstellung könnte zäh sein, ist es aber in diesem Fall nicht. Bereits zum zweiten Mal (nach „Aufbrüche – Bilder aus Deutschland“, 2013) schöpft das Museum aus dem Bestand, der ihm vom Sammlerehepaar Fricke bereits zu Lebzeiten vermacht wurde, und hat sich für „Blicke, die bleiben“ gänzlich auf das Thema Porträt kapriziert. Herausgekommen ist eine bemerkenswerte Auswahl von etwa 100 Arbeiten. Kuratorin Sylvia Böhmer hat sich für eine Zusammenstellung in Themenblöcken entschieden. Mal geht es um ein Konvolut einer Künstlerin oder eines Künstlers, mal um den formalen Ansatz, mal um die Inhalte. Über allem aber schwebt diese eindringliche Dualität: Blick durch die Kamera – Blick in die Kamera. Wie viele Facetten das haben kann, zeigt die Ausstellung vornehmlich in Schwarzweiß. Ein Besuch und die Anschaffung des Kataloges sind unbedingt empfehlenswert. In einer (kostenlosen!) Broschüre, die von Dr. Christiane Fricke verfasst wurde, sind Kurzbiografien zu allen porträtierten Personen zusammengestellt.
Suermondt-Ludwig-Museum, Noch bis 14. Januar 2018. Im Rahmen der Ausstellung finden Führungen unter dem Titel „Der persönliche Blick“ statt. Auch diese sind sehr zu empfehlen.

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Noemi Weber / Nobuyuki Osaki:

Forschungsprojekt „Die Erfindung der Neuen Wilden“
Noemi Weber benutzt oft das Wort Resonanz, wenn sie ihre Arbeiten erklärt, die auf den ersten Blick monolithisch und massiv wirken, auf den zweiten Blick aber fragile Membranen und Reflektoren sind. Webers Objekte sind im allerbesten Sinne Kulisse. Verschiebbar und wandelbar. Die Ausstellung gleicht einer Inszenierung. Ich denke, Noemi Weber könnte auch großartige Luftschiffe bauen oder sowas.
Nobuyuki Osaki hält filmisch fest, wie sich Bilder verflüssigen. Ein Bergidyll löst sich vor unseren Augen auf. Wir realisieren, dass es sich dabei nicht um eine digitale Bearbeitung handelt, sondern um die tatsächliche physische Auflösung. Wir fühlen wir uns ertappt, weil unsere Sehgewohnheiten entlarvt wurden, und sind plötzlich sehr neugierig. Wie hat er das bloß gemacht? Hintergründig, inspirierend und voller Melancholie, wie Nobuyuki Osaki über den Begriff des Originals nachdenkt.
Einen Stern Abzug gibt es für Titel und Thema der Ausstellung. Der Bezug auf die Neuen Wilden wirkt konstruiert und ist für mich nicht nachvollziehbar.
Ludwig Forum, noch bis 25. Februar 2018


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Digital Games – Kunst und Computerspiele

Für das Souterrain des LUFO kuratiert Prof. Dr. Stephan Schwingeler (media Akademie – Hochschule Stuttgart) eine wundervolle kleine Show mit digitalen Spielen, die anhand von gerade mal zehn Exponaten einen erstaunlich breiten Überblick zum Thema bietet. Erwartungsgemäß brechen die Arbeiten mit den Mustern hinlänglich bekannter Ego-Shooter oder Wirtschaftssimulationen. Die vorgestellten Games zeigen, welches Potenzial, künstlerisch betrachtet, im Medium Computerspiel steckt. Sie stellen quasi den Counterstrike zum üblichen Procedere dar, denn hier geht es meist sehr friedlich und eher kontemplativ als konfrontativ zu. Dafür haben die Spiele geradezu magische Qualitäten, die man in kommerziellen Produkten (noch) eher selten findet. Die Ausstellung ist nicht nur wegen der hochkarätigen Künstler (u. a. Bill Viola und David OReilly) sehenswert, sondern vor allem, weil sie einen hervorragenden Einblick in diese junge Kunstform bietet. Sie hat eigentlich sechs Punkte verdient. Beglückend, was Andreas Beitin da in atemberaubendem Tempo im LUFO gerade alles vorantreibt.
Ludwig Forum, noch bis 15. April 2018


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Emma Talbot: Open Thoughts

Emma Talbot wurde 1969, als die Hippiebewegung gerade ihren Zenit erreichte, in Worcestershire in den englischen Midlands geboren. Vielleicht schwappt der Zeitgeist jener Jahre in ihre Biografie hinein und tritt nun als entferntes Echo zutage. Als eine von vielen Schichten übereinandergehäufter Popkultur, auf die Talbot zeichnerisch ihre aktuelle Lebensrealität appliziert. Ein spezifischer Frust, der viele ihrer Generation prägte, spiegelt sich in einer Form der Verlorenheit in ihren Arbeiten wider, die mir so bekannt vorkommt wie eine gut eingetragene Jacke.
Neuer Aachener Kunstverein. Schnell, schnell. Nur noch bis 3. Dezember 2017!

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Alemannia 1933 bis 1945

Fußball zwischen Sport und Politik
Mit zahlreichen Artefakten und speziell anhand zweier Biografien veranschaulicht die Ausstellung, welche Auswirkungen die Gleichschaltung von Sport und Medien ab 1933 in Deutschland hatte. Reinhold Münzenberg, der Arier, wird zum gefeierten Star der Alemannia und wird bis heute als Sportler verehrt. Max Salomon, der Jude, macht im März 1933 sein letztes Spiel für die Mannschaft. Über Vaals flieht er nach Belgien, wird schließlich in Frankreich interniert und 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er vermutlich bei einem Arbeitseinsatz stirbt. Über ihn ist so gut wie nichts bekannt. Dass nun an das Schicksal Max Salomons erinnert und dieses Kapitel in Aachen aufgearbeitet wird, ist ein gutes Zeichen. Ganz besonders, weil die von einem breiten bürgerschaftlichen Engagement mitgetragene Ausstellung auf Anregung der Alemannia-Fan-IG hin zustande kam.
Internationales Zeitungsmuseum, noch bis 15. April 2018

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