Ein nasskalter Dienstag im November. Menschenleere Straßen in Monschau, gefüllt nur von einem Printen- und Marzipanduft, wie man ihn vielleicht in der Printenstadt Aachen erwarten würde, aber nicht in Monschau. Das liege daran, dass sie gerade alle Printen bücken, sagt die nette Printenbäckerin, und dass der Geruch unten im Tal hängen bleibe. Gerade wird der Weihnachtsmarkt aufgebaut, die Arbeiter sprechen Rumänisch, sonst hat sich in der Woche vor dem Start des Marktes niemand hierher verirrt.

Im Kunst- und Kulturzentrum ist es menschenleer. Das hatte ich gehofft. Eine eigentümliche Stimmung hängt in den Räumen der ersten Etage. Ein Soundteppich aus Wortfetzen aus Bjørn Melhus’ Video „I’m not your enemy“, das in Endlosschleife in einem verdunkelten Raum vor sich hinläuft, außerdem undefinierbare weitere Soundcollagen aus weiteren alten Fernsehgeräten. „Schnee von gestern“, das sind auch „Patient 2“ und „Patient 3“, zwei Schneemänner aus glasierter Keramik von Künstler Thomas Rentmeister. Haltbar und doch Vergänglichkeit andeutend in geheizten Räumen. Daneben ein Fernsehgerät, wie es heute niemand mehr in seine Wohnung lässt, ein veraltetes Modell. Das weiße Rauschen hat die gleichen Farben wie der Blick durchs Fenster dahinter auf die kahlen Äste eines Baumes kurz vor dem Winter.
In der Mitte des größeren Zimmers im Erdgeschoss befindet sich eine große weiße Fläche mit Nadeln darin – oder Skistöcken? Kunst darf man nicht anfassen. Ich mache es trotzdem. Ich bücke mich und fasse ganz vorsichtig an den Rand. Es ist Zucker. 500 Kilogramm Zucker, ergossen in den Raum, Schnee von gestern die Möglichkeit, ihn noch zum Printenbacken zu verwenden. Ein Wohnzimmer ist in der hintersten Ecke in einem kleinen Raum aufgebaut. Die Möblierung ist nicht mehr up to date, nur Menschen um die 80 würden so etwas in ihren Räumen haben, nie ausgetauscht. Oder Retro-Fans. Der Fernseher in der Mitte des Zimmers zeigt weißes Rauschen. Weitere TV-Geräte im Zimmer sind lediglich Attrappen aus Keramik.
Wandel, Veränderung, das sind die Themen, die die Künstler Bjørn Melhus und Thomas Rentmeister auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Passend zur Jahreszeit geht es unterschwellig auch um Konsum, was gestern hip war, ist heute schon passé.

Und dann wäre da noch das kleine Kabinett in der zweiten Etage, bespielt von der Aachener Fotografin Andrea Borowski. Als Meisterin der Inszenierung setzt sie ihre Familie – sich selbst, Mann und Tochter – seit 2010 jedes Jahr in einem aufwendigen Weihnachtsmotiv fotografisch in Szene. Die (heilige) Familie, gruppiert um den Tannenbaum, jedes Detail sitzt – jedes Kostüm, jede Strumpfhose, jeder Baumschmuck, die Brille des Gatten und die Fönwelle.
Auch im Kabinett hat sie nichts dem Zufall überlassen. In zweitägiger Arbeit wurde der Raum tapeziert, Auslegeware schmückt den Boden. Und da hängt die Serie, bisher acht Fotografien. Das Motiv 2017 ist hier erstmals zu sehen.
Ach, so lange ist es schon her, dass das Töchterlein an Mamas Rockzipfel hing? Jetzt ist sie fast schon eine junge Dame.
Darauf ein Stück Nugat aus der Bonbonniere. Ach, schon steinhart. Noch ein Relikt von der Vernissage. Alles auch schon wieder Schnee von gestern.
„Schnee von gestern“ ist zu sehen bis zum 22.12., Andrea Borowski zeigt ihre Fotoarbeiten bis zum 17.12. im KuK Monschau.

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