Zu Besuch hinter der Supermarkttheke

Morgens um 8:00 Uhr im Supermarkt. Die Türe wurde gerade aufgeschlossen, das Licht ist noch gedämpft, überall in den Reihen stehen Rollwagen und eifrige Mitarbeiter/-innen befüllen die Regale. Kunden verirren sich noch wenige in diese gerade erwachende Einkaufswelt. Die Fleischtheke liegt hinten durch und ist schon prall befüllt. Heute besuche ich Heiko Kroll, Metzgermeister bei Rewe Stenten, an seinem Arbeitsplatz.

Leider bin ich zu spät. Die 15 Kilo Bratwurst für den heutigen Tag sind schon fertig zubereitet. Kroll ist bereits seit 5:30 Uhr an seinem Arbeitsplatz. Die Bratwurst wird also tatsächlich hier hergestellt – aus Schweinefleisch aus der Eifel. Die Jacke hätte ich besser angelassen, denn als Erstes nimmt Kroll mich mit in die Kühlkammer. Bei einem Grad Innentemperatur fällt mir der Stoff ein, aus dem Krimis gemacht werden. Erfrieren da nicht regelmäßig die Opfer hinter zugeschlagenen Türen? Eine Türe habe ich jedoch gar nicht durchschritten, sondern Kunststoffbahnen wie im Schwimmbad, wenn man vom Innenbereich nach draußen schwimmt.
Heiko Kroll macht gerade Hackfleisch. Ich fotografiere. Plötzlich kommen ihm Zweifel. Hätte er für das Foto besser Handschuhe angezogen? Aus Hygienegründen sei dies nicht nötig, jedoch würden einige Kunden das denken und deshalb Handschuhe an den Mitarbeitern sehen wollen. Ich bin gegen Augenwischerei, und so lässt Heiko Kroll die Handschuhe aus wie an seinen anderen Arbeitstagen auch. Als das Hackfleisch fertig ist, schneidet Kroll Fleisch für Geschnetzeltes, danach bereitet er Frikadellen für die heiße Theke zu. Gleich werden die ersten Studenten eintreffen und sich für den Tag an der Uni eindecken.

Seit 30 Jahren ist Heiko Kroll in seinem Traumberuf, seit er mit 16 mit der Lehre begonnen hat. Schon Opa und Onkel hatten diesen Beruf ergriffen und so war es für ihn naheliegend. Die ersten Jahre hat er im Schlachthof Aachen gearbeitet. Manche Bekannte hätten ihn damals gefragt, wie er das könne. Selber schlachten sei für ihn jedoch kein Problem gewesen, auch wenn er die ersten Tage noch von den Geräuschen der Tiere, beispielsweise dem Quieken der Schweine, geträumt habe. Als der Schlachthof 2002 schloss, weil kleinere Schlachthöfe sich nicht mehr tragen, seit es immer weniger Metzgereien, aber immer höhere Auflagen gibt, wechselte Kroll zum Familienbetrieb Rewe Stenten. Hier wird natürlich nicht selber geschlachtet. Schlachten gehört heute nicht zwangsläufig zum Berufsbild des Metzgers. Heute macht man eine verkaufsbetonte oder produktionsbetonte Ausbildung.

 

 

Der Familienbetrieb Stenten, bei dem drei Generationen unter einem Dach arbeiten, achtet seit jeher darauf, mit Anbietern aus der Region zusammenzuarbeiten. So wird ausschließlich regionales Schweinefleisch eingekauft, das aus der Eifel stammt. Geschlachtet werden die Tiere im letzten verbliebenen Schlachthof der Region, in Eschweiler. „Das Rindfleisch in Form von Limousin-Rindern hat unser Händler selber in Stolberg auf der Weide laufen“, erklärt der Metzgermeister. Die Wurstwaren außer der Bratwurst kommen zu 90 Prozent ebenfalls aus der Region und werden bei kleineren lokalen Metzgereien produziert. Hier zählt für Rewe Stenten neben dem regionalen Aspekt die Frische. Außerdem sollen kleinere Betriebe unterstützt werden: „Als Aachener sollte man zusammenhalten“ ist das Motto.

Das 16-köpfige Team hinter der Theke sorgt dafür, dass die Kunden gut beraten werden. Neue Ideen haben die Mitarbeiter zudem. Heiko Kroll und Kollege Patrick Corbusier erklären als „Die Steaker“ auf ihrem YouTube-Kanal neuerdings die Finessen der Fleischzubereitung. Das Gesamtpaket der Angebote überzeugte die Jury von Lebensmittel Praxis und ließ Stenten auf den vorderen Rängen landen.
Für heute habe ich genug gesehen und kaufe zum Testen noch ein paar frische Bratwürste. Beim Kochen denke ich über Kaufentscheidungen nach. Wie immer verlangen die zahlreichen Angebote nach einem aufgeklärten Kunden. Aber wie aufgeklärt kann man als Kunde wirklich sein? Es bleibt die Qual der Wahl. Für Regionales an die Fleischtheke? Im Kühlregal zur Bioware greifen, die aber wahrscheinlich längere Transportwege hinter sich hat und mehr Verpackung aufweist? Darf es besonders günstig sein? Dann bleibt wohl nur die Ware aus Massentierhaltung übrig. Oder ganz bewusst: Fleisch nur vom Biobauern, der noch selber schlachtet (davon gibt es in Bezug auf Rind einen um Aachen)? Oder doch ganz drauf verzichten? Und wo kommt überhaupt das ganze Gemüse her?
Text & Fotos: Birgit Franchy

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