Als hätte er es geahnt: Justement als wir beschlossen, die nächste MOVIE-Ausgabe der Wurst zu widmen, bombte ein Künstler eine Serie von Wurstbildern an die Wände der Stadt. Die Szene rätselte, wer sich hinter dem Symbol verbirgt. Über Umwege machten wir ihn ausfindig. HNRX, ein junger Künstler aus Österreich, hatte Aachen auf der Durchreise gestreift und sein Markenzeichen hinterlassen. Weil ihm – allen Unkenrufen zum Trotz – unsere Kleinstadt an der Grenze zu Holland und Belgien gefiel, kam er wieder, um zwei Fassaden mit seinen Werken zu veredeln. Wir haben ihm Asyl angeboten.

Rom, Venedig, Bologna, Mailand, Florenz, Neapel, Amsterdam, Heerlen, Breda, Rotterdam, Den Haag, Gent, Antwerpen, Doel, Brüssel, Paris, Köln – das sind ein paar der Stationen, die HNRX in diesem Jahr absolviert hat. Und Aachen. Zu jeder Stadt hat er etwas zu erzählen, überall kennt er die Szene und kann genau sagen, welche Stadt aufgeschlossen für Street Art ist und welche nicht.
Der 24-jährige Künstler aus Innsbruck ist seit vier Jahren nahezu ununterbrochen auf Europatour, um zu malen. Schon im Kindergarten habe er gezeichnet, während die anderen Kinder gespielt haben – und das sei immer so geblieben. HNRX sieht sich als Künstler, der seine Arbeit möglichst groß in den öffentlichen Raum bringen will. Und das gelingt ihm auf beeindruckende Weise. In Österreich und darüber hinaus hat er sich einen guten Namen gemacht. Im Monat nimmt er ein bis drei feste Aufträge an, von denen er seine Reisen und die anderen mehr oder weniger legalen Arbeiten finanziert. Verbiegen kommt für ihn dabei nicht in Frage. Auch bei Aufträgen behält er das Zepter in der Hand, macht Vorschläge für die Fassade und lehnt kommerzielle Entwürfe mit Logos oder Firmenelementen kategorisch ab. Er kann es sich erlauben. Hat er die Aufträge abgewickelt, macht er sich wieder auf die Reise. An seinen Zielorten läuft er durch die Städte und klingelt dort, wo er sich eine Fassadengestaltung vorstellen kann. Sagt der Eigentümer zu, geht alles ganz schnell. Beim örtlichen Baumaschinenverleih wird ein Gerüst bestellt und dann wird gearbeitet.

Arbeiten, nicht feiern

HNRX malt wie ein Besessener. Zwölf Stunden am Tag mit einer Fünfminutenpause sind sein normales Pensum. Aufstehen zwischen sechs und sieben und Malerequipment schwingen bis in die Abendstunden sind Erfüllung für ihn. Im Skizzenbuch entsteht ein Entwurf, und dieser wird ohne Hilfsmittel auf die riesige Wand übertragen. Obwohl HNRX mit dem Gesicht quasi vor der Wand klebt und nicht ständig durch Abstandnehmen das Gesamtwerk sieht, macht er keine Fehler, ist sicher in den Proportionen, selbst wenn er auf mehreren Stockwerken eines Gerüstes oder auf einem 40 Meter hohen Kran herumturnt. Motive an die Wand zu projizieren kommt ihm nicht in den Sinn. Ein bis drei Tage dauert die Arbeit, dann ist ein Werk vollendet. Es darf eiskalt sein, es darf sogar zweimal am Tag regnen, ein bisschen Hagel sei auch noch ok, im Notfall malt er im Dunkeln weiter und im Anschluss wäscht er noch das Gerüst sauber. Feiern gehen? Fehlanzeige. Am nächsten Morgen geht es um 7 Uhr wieder aus den Federn. Auch am Wochenende.

 

Zwischen Luxussuite und Flüchtlingscamp
Ansprüche stellt HNRX kaum, er nimmt das Leben, wie es kommt, und hat eine sehr entspannte Grundeinstellung. Wird er für eine Wandgestaltung gebucht, kann es sein, dass der Kunde ein Zimmer im 5-Sterne-Hotel für ihn bereitstellt, eine große Suite mit Sauna auf dem Zimmer. Ist der Auftrag beendet, folgt vielleicht die Übernachtung auf der Straße, in Bahnhöfen oder gemeinsam mit Flüchtlingen in einem wilden Lager. In Frankreich wollte ihm die Polizei einmal nicht abnehmen, dass sein österreichischer Pass echt ist, als man ihn im Flüchtlingscamp aufgriff. Oft schläft er im Hostel oder gleich bei den Menschen, deren Haus er gerade gestaltet. Angst kennt er kaum. Nur in einem Geisterdorf bei Doel, in dem ständig eine Patrouille fuhr, habe er Angst gehabt. Ansonsten könne er keine Filme mit FSK über 12 schauen. Aber da er sowieso nicht mehr fernsieht, ist das auch egal. Er hat kein Smartphone und lebt seit Jahren vegan. Sein kompletter Hausstand samt Malerutensilien und Klamotten passt auf ein kleines Wägelchen. Seine zahlreichen Skizzenbücher – er füllt eines in drei Monaten – bewahrt er bei seinen Eltern auf.

Wurst und vegan

Sein Markenzeichen, die „Wurscht“, stammt noch aus der Zeit, als er kein Veganer war. Wurst malen mag er trotzdem noch. Menschen zu missionieren liegt ihm fern, Bemerkungen über den Kühlschrankinhalt seiner Gastleute (bei uns: Wurst – wegen des aktuellen Heftes) spart er sich, legt seinen Salat einfach daneben. Er beschäftigt sich in seinen Motiven mit Alltagsgegenständen und Lebensmitteln, bringt sie in neue Zusammenhänge, kombiniert mit abstrakten Formen. Dem Betrachter sollen die Werke Spaß machen, denn den solle man haben im Leben, das aber dennoch jederzeit zu hinterfragen sei.

Luxus und Verzicht

Er selbst empfindet seinen Lebensstil als Luxus und dennoch Verzicht. Der Verzicht bezieht sich auf die Abwesenheit eines geregelten Lebens. Das strebt HNRX jedoch gar nicht nicht an. Er hat sich gegen ein Studium entschieden. Der Erfolg gibt ihm recht. In Innsbruck, Wien, München oder Zürich hatte er schon beeindruckende Einzelausstellungen, verkauft dort auch Bilder, die er zwischendurch auf Karton produziert, wenn er auf Zwischenstopp in der Heimat ist oder sich für ein paar Monate in einer Stadt einmietet. Die Ausstellungen sind Gesamtkunstwerke, gestaltet mit viel Aufwand – geöffnet meist nur einen Tag. Wie lang er das alles machen wolle, wisse er nicht, es ist ihm aber auch egal. Kurse habe er auch schon gegeben. Auch wenn das gut ankomme, sei das nichts für ihn, das könne er noch machen, wenn er 50 sei, außerdem verdiene man damit zu wenig. Er wolle reisen, im nächsten Jahr wird er sich ein paar Monate in Hamburg niederlassen, dann folgen vielleicht die USA oder Australien.

Und Aachen?

Obwohl er schon von einem Kollegen aus Aachen darauf vorbereitet worden sei, dass diese Stadt schwierig sei, tutet er nicht in das gleiche Horn: „Aachen ist cool, das wusste ich schon, als ich aus dem Zug ausgestiegen bin.“ Bekanntschaft mit dem berühmten Ordnungsamt hat er nicht gemacht, obwohl er an einem Wochentag ein dreistöckiges Gerüst an einem Haus an einer Hauptverkehrsstraße aufgebaut hat. „Schnell sein und professionell wirken“ ist sein Motto. Innerhalb eines Tages war das Gerüst aufgebaut, das Bild vollendet, das Gerüst gewaschen und am nächsten Morgen abgeholt. Und während ich den Artikel schreibe, ist HNRX schon dabei, Bristol mit Würsten zu bomben oder die nächste Fassade zu organisieren.

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