23. Internationales Kurzfilmfestival Leuven


Wir hätten doch die Badehandtücher mitnehmen sollen. Im Winter. Zu einem Filmfestival. Es ist Anfang Dezember, und das Wetter ist von der Freibadsaison so weit entfernt wie der Pluto von der Erde. Bei der Ankunft in Leuven peitscht der Regen durch die Straßen, es ist windig und kalt. Ein winziges heiß temperiertes Plätzchen – darf man in diesem Fall von einem Hot Spot reden? – wäre eine willkommene Aufwärmung. Es befindet sich im Innenhof des Kunst- und Kulturzentrums STUK, Austragungsort des Kurzfilmfestivals Leuven, das wir an diesem verlängerten zweiten Adventswochenende besuchen. Eine runde Holztonne, etwa zwei Meter hoch und sechs Meter lang, dahinter einige Absperrwände und provisorische Umkleidekabinen. Die Lösung des Rätsels: Es ist eine finnische Sauna – und ein Minikino, denn auch hier werden rund 15-minütige Blöcke mit Kurzfilmen gezeigt. Mit finnischen Filmen, denn die Heimat von Birkenwäldern und Kaurismäki ist diesjähriges Partnerland des Festivals.

Natürlich waren die Filme auch in den anderen, weniger offensiv klimatisierten Filmsälen des STUK zu sehen, so wie insgesamt rund 200 Filme vom 3. bis zum 9. Dezember. Das International Shortfilm Festival Leuven, so der offizielle Name, hat sich in den letzten 23 Jahren zu einem der renommiertesten Outputs des zeitgenössischen anspruchsvollen Films im Kurzformat entwickelt und zieht mittlerweile jährlich rund 10.000 Besucher an.
Im Fokus von Filmemachern und Zuschauern stehen besonders die etwa 70 Filme im offiziellen europäischen und flämischen Wettbewerb, denn hier winken nicht nur Ruhm, Ehre und ein Preisgeld, sondern die jeweiligen Jury-Gewinner qualifizieren sich automatisch für die Longlist der Academy Awards 2019 in der Kategorie „Bester Kurzfilm“. In der European Competition ging der Preis in diesem Jahr an „Le Bleu Blanc Rouge de mes cheveux“ von Josza Anjembe über eine 17-jährige Französin mit kamerunischen Wurzeln, die gegen den Widerstand ihres Vaters die französische Staatsangehörigkeit beantragen will. Bei den flämischen Beiträgen gewann „May Day“ von Fedrik De Beul und Olivier Magis, ein Film über ein unorthodoxes Job-Casting in Brüssel, nicht nur den Jury-Preis in der Kategorie „Best Flemish Live Action Short“, sondern auch den Publikumspreis.

Neben den Filmen im Wettbewerb waren selbstredend viele Beiträge aus Finnland zu sehen, daneben Blöcke mit Animationsfilmen, preisgekrönte Oscar-Shorts, Kurzfilme für Kinder und Meilensteine der Kurzfilmgeschichte wie Buñuels „Un Chien Andalou“, „Die Reise zum Mond“ von Georges Méliès aus dem Jahre 1902 oder „La Jetée“ von Chris Marker. Während die einzelnen Filmblöcke mit in der Regel fünf Filmen im letzten Jahr rund eine Stunde dauerten, lag die Laufzeit in diesem Jahr mit über 90 Minuten deutlich darüber. Das machte die logistische Planung des Nachmittags und Abends nicht unbedingt einfacher, denn schließlich sollte für eine rudimentäre Nahrungsaufnahme zwischendurch auch noch etwas Zeit bleiben. Letztes gelang dann äußerst erfolgreich am Samstag beim Besuch eines kleinen, wunderbaren indisch-nepalesischen Restaurants nur einen Steinwurf vom Festivalgebäude entfernt.
Zurück zum Film: Das Niveau ist insgesamt sehr hoch, die Filmblöcke und das Programm generell sind gut kuratiert und die Säle warten mit hochwertiger Bild- und Tontechnik auf. Wir immer bleiben leider viel zu viele uns interessant erscheinende Beiträge ungesehen, aber so ist das nun mal. Ein Highlight zum Schluss war auf jeden Fall eine Werkschau des Belgiers Gilles Coulier mit drei Kurzfilmen und zwei Musikvideos. Die lakonische, unprätentiöse Erzählweise des 31-jährigen Filmemachers aus Gent, der in diesem Jahr Jury-Mitglied ist und soeben seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „Cargo“ fertiggestellt hat, hat nachhaltig beeindruckt.

Und was macht man vor und nach dem Filmprogramm in Leuven, der Universitäts- und Brauereistadt mit 100.000 Einwohnern, rund 25 Kilometer von Brüssel entfernt? Das STUK-Kulturzentrum liegt in unmittelbarer Nähe der wirklich ultraschnuckligen, zauberhaften historischen Altstadt, die besonders zur Weihnachtszeit ein surreal pittoreskes Flair verströmt. Das liegt nicht nur an dem mit zuckersüßen bunten Lichtern dermaßen überstrahlenden gotischen Rathaus, das vermutlich selbst in Disneyland etwas over the top wäre, sondern an den vielen kleinen Gassen und Plätzen, den unzähligen Cafés und Kneipen, Restaurants und Läden. Viel Volk war auf den Straßen bei eisigen Temperaturen bis spät in die Nacht unterwegs, die Atmosphäre ist angenehm entspannt, kaum Autos im Stadtkern, dafür umso mehr Fahrräder. Dazu ein Markt auf der Hauptstraße Richtung Bahnhof am Freitagvormittag mit unzähligen Ständen: ein überbordendes Angebot an Gemüse, Fleisch- und Käsespezialitäten, Brot, Gebäck und Patisserie-Leckereien, neben sich sogar das vielzitierte Schlaraffenland ausnimmt wie ein DDR-Konsumladen kurz nach Ladenschluss. Take this, Aachen.

Speaking of which – bei der offiziellen Anschlussfeier des Festivals in der großen Cafeteria des STUK am Samstagabend lernen wir zufällig einen Belgier mit Karlsruher Migrationshintergrund kennen, der als ehrenamtlicher Helfer beim Festival mitarbeitet und selbst gelegentlich im gleichen Saal Soulpartys veranstaltet – unter anderem auch schon mal mit einem DJ aus Aachen. Wir plaudern angeregt bei Bier und Wein über den verflossenen Jakobshof und die Szene allgemein in Aachen – zwischendurch werden als Snacks kleine Frittentüten gereicht, wir sind schließlich in Belgien – und erfahren, dass unser Gesprächspartner beim Festival just für die Sauna-Sektion im Hof zuständig war. Die wir natürlich leider nicht betreten haben. Wie konnten wir nur so unprofessionell agieren in Sachen investigativer Journalismus. Für das nächste Jahr geloben wir Besserung. Wer weiß, was außer filmischen und kulinarischen Highlights dann sonst noch Heißes auf dem Programm steht.

Festivalseite: www.kortfilmfestival.be/

Foto: Sebastien Segers

zurück Meine schöne innere Sonne
weiter Ein Teller Buntes