In unserer letzten Ausgabe haben wir über Wurst berichtet. Schon bei der Recherche ist uns aufgefallen, dass Hintergrundinfos nicht leicht zu bekommen sind. Unsere Fragen drehten sich hauptsächlich um den Punkt: Wo kommt das Fleisch eigentlich her? Aus der Region? Was bedeutet das? Und wo werden die Tiere geschlachtet, wenn doch immer mehr Schlachthöfe im Laufe der Jahre geschlossen wurden? Kommt nicht doch fast alles vom gleichen Händler und vom gleichen Schlachthof und wieso gibt es immer wieder neue Skandale? Wir planten schon eine Vor-Ort-Recherche, wurden aber von den Ereignissen überrannt. Die SOKO Tierschutz hat sich in diesem Jahr ausgerechnet unsere beiden Schlachthöfe Düren und Eschweiler vorgenommen und in beiden eklatante Mängel entdeckt. Anzeigen wurden erstattet. Wir haben Friedrich Mülln um eine Stellungnahme gebeten. Mülln ist seit seinem 13. Lebensjahr Veganer, da er durch die Arbeit seines Vaters die Fleischbranche schon als Kind kennenlernte. Er arbeitet für verschiedene Tierschutzorganisationen, deren Arbeit ihm jedoch noch nicht ehrlich genug erschien. Seit fünf Jahren leitet er den Verein SOKO Tierschutz e. V.
Sein Verein hat bereits mehrere Schlachthöfe und auch ehemalige „Bio-Musterhöfe“ zu Fall gebracht. Er und seine Mitstreiter melden sich als Hilfsarbeiter bei den Schlachthöfen an. Teils müssen sie noch nicht einmal ihren Nachnamen nennen, dürfen aber nach einer kurzen Einweisung sogar schon Tiere betäuben. Bei ihrer Arbeit filmen sie den Schlachtvorgang im Betrieb und die Arbeit darum herum. Mülln nimmt den Verbraucher in die Pflicht.

Sie belasten den Schlachthof Düren schwer, sagen aber gleichzeitig: „Wir registrieren immer wieder die gleichen Probleme. Die Betäubung funktioniert nicht. Nirgendwo.“ Kann ich also davon ausgehen, dass es im Grunde überall so zugeht?
Die Probleme, die im Schlachthof Düren zu sehen waren, sind tatsächlich überall die gleichen, wenn auch nicht in dieser Masse. Aber Betäubungsprobleme, Gewalt, Stress und technisches Versagen sind an der Tagesordnung.

Was ist dann grundsätzlich falsch am System?
Tiere töten verroht und stumpft ab, zudem stehen die Menschen unter Druck und alleine der Akt des Tötens ist und war nie angenehm oder friedlich. Diese Probleme verstärken und bündeln sich, wenn das Ganze große Ausmaße annimmt.

In der Region gibt es einen Biobauern, der selber auf der Weide schlachten darf. Kann der Verbraucher davon ausgehen, dass so etwas wenigstens verträglich abläuft.
Ich kenne diesen Hof nicht. Aber uns sind Fälle bekannt, wo auch der Schuss auf der Weide zum Drama wurde, setzt er doch einen perfekten Treffer voraus. Wir wollen fragen, ob man diese ganzen Risiken überhaupt braucht, denn sie lassen sich mit einer pflanzlichen Ernährung gesund, lecker und nachhaltig ausschalten.

Warum wird es so wenigen Bauern gestattet, im kleinen Rahmen wirklich selber zu schlachten?
Es erfordert theoretisch einen Jagdschein und ist in Bezug auf Hygiene problematisch. Es gibt hohe Auflagen für die Verarbeitung von Schlachtkörpern.

Sie sagen, dass der schlimmste Hof vor Düren einer war, der von Metzgern, Biobauern und Hofläden gegründet wurde. Der Verbraucher wird doch genau auf solche Erzeuger alle Hoffnungen setzen. Warum funktioniert auch das nicht?
Weil Schlachthöfe offenbar nahezu automatisch irgendwann eskalieren. Wir hatten in Bayern zwei Schlachthofskandale in letzter Zeit. Beides waren Bioschlachter. Die Leute verrohen oder denken, sie wären wegen Bio und geringer Größe unter dem Radar, und schon geht die Quälerei los. Es ist leider auch ein Trugschluss, dass alle Biobauern Tierschützer wären, denn das ist nur das Bild, das sie zu ihrer Werbung nutzen.

Das ist ziemlich desillusionierend.
Ja, Sie müssen sich überlegen: Was ist denn bio? Selbst wenn die Tiere unter Biobedingungen aufgewachsen sind, kommen sie nachher in den gleichen Schlachthof wie die anderen. Es kommen wenige Biotiere auf viele Tiere aus Massenhaltung. Die Biotiere sollen bevorzugt behandelt werden, sollen keinen Stress haben und freiwillig in die Schlachtbox gehen. Aber welches Tier macht das? Es dürfen keine Elektroschocker verwendet werden. Aber dann werden Stahlbürsten verwendet, um die Tiere anzutreiben. Wenn dann Bioland kontrollieren kommt, läuft alles korrekt ab, aber sonst nicht.

War es früher in den kleinen Schlachthöfen besser? Diese mussten ja alle schließen, weil sie nicht mit den neuen Vorgaben mithalten konnten und nicht „wirtschaftlich“ arbeiten konnten.
Eigentlich nicht, ich kenne viele dieser kleinen Betriebe, die dicht machen mussten, es waren häufig heruntergekommene Betriebe, wo vor sich hin gewurstelt wurde. Tierquälerei fand auch dort statt, einige der schlimmsten Szenen haben wir bei sehr kleinen Schlachthöfen und Hofschlachtungen erlebt. Sicher, dort gibt es nicht den Fließbandstress und ausländische Billiglöhner, aber eben andere Probleme als bei den Großen. Irgendein Problem in der Kette gibt es immer.

Wenn – wie bei uns jetzt Eschweiler und vielleicht Düren – kleine Schlachthöfe schließen, wird dann erstmals das Tierleid nicht noch vergrößert, weil die Transportwege zum nächsten Schlachthof verlängert werden? Es ist ja nach Ihren Aussagen davon auszugehen, dass im nächsten Schlachthof die Bedingungen auch nicht besser sind.
Durch die Ausdünnung von Schlachtbetrieben wird natürlich der Transport länger, allerdings ist das Stressniveau selbst bei sehr kurzen Transporten sehr hoch. Es gibt Untersuchungen, dass die Belastung bei 30 Minuten ähnlich hoch ist wie bei zwei Stunden. Die Hauptprobleme sind das Verladen und Abladen der Tiere und die schlechten Bedingungen in den Transportern. Das Ende von einzelnen Schlachthöfen setzt aber auch Massentierhaltungen unter Druck, weil die sich längere Transporte oft nicht leisten können. Das kann bei Umstrukturierungen helfen.
Das Kernthema ist aber, dass die schweren Tierschutzverbrechen eben hart bestraft werden müssen, um den Rest endlich abzuschrecken. Das schafft man am besten, indem man den Leuten die wirtschaftliche Grundlage entzieht und die Betriebe schließt. Denn wenn man Leute wie Frenken (Schlachthof Düren) mit Samthandschuhen anfasst, ist der nächste Skandal nur eine Frage der Zeit. Es ist eine beliebte Taktik der Tierindustrie, die Öffentlichkeit damit zu erpressen, dass alles schlimmer werden würde, wenn man hart gegen diese Branche vorgeht. Das ist durchsichtig und zeugt von wenigen Skrupeln.

Aber wenn Sie das ganze System und jeden Schlachthof anprangern, wo ist dann die Lösung?
Die Betäubung der Tiere ist seit Jahrzehnten unverändert. Im großen Stil töten klappt eben nicht. Das Gesetz sagt, dass bei vier bis sechs Prozent der Tiere die Betäubung versagen darf. Da steckt viel Leid dahinter und der Staat sagt doch auch nicht: Eine Bank überfallen ist verboten, aber wenn man es nur einmal im Monat macht ist es ok.
Man muss dabei ansetzen, alles transparent zu machen. Wenn der Verbraucher sehen will, wie ein Tier lebt, muss man ihm auch erlauben, die Schlachtung zu sehen. Es müssen Kameras im Schlachtraum angebracht werden, die immer filmen. Aber das geht wieder aus Datenschutzgründen nicht, um die Schlachter zu schützen. Und es kommen auch keine Journalisten in Schlachthöfe, selbst wenn sie wollen. Angeblich aus Hygienegründen, was natürlich Quatsch ist. Die Menschen müssen wissen, was passiert, und dann können sie selber entscheiden, welche Konsequenzen sie ziehen.

Sie nennen sich SOKO, sind aber ein Verein. Ist Ihre Arbeit anerkannt?
Ja. Wir haben Fans bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Wir haben in fünf Jahren zwei Dutzend Fälle zur Anzeige gebracht. Mehrere Schlachthöfe wurden geschlossen.

Haben Sie auch Feinde?
Natürlich. Wir kämpfen gegen einen der finanzstärksten Industriezweige. Ich wurde schon mehrfach angegriffen. Einmal mit einer Axt.

Was ist Ihr Ziel?
Tierleid minimieren. Wir fahren bei unserer Arbeit zweigleisig. Wir erstatten Anzeige und wir appellieren an den Verbraucher, den Markt durch sein Kaufverhalten zu regeln.

www.soko-tierschutz.org

 

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