Seit zwei Jahren verzückt Gretel Völlings (91) auf Märkten in der Weihnachtszeit die Besucher mit ihren filigranen, aus Mohnkapseln geschnitzten Christbaumanhängern, die eine wohltuende Abwechslung in die Angebotspalette der Märkte bringen und zugleich kleine Kunstwerke sind. Bei einem Werkstattbesuch haben wir mit ihr über ihr Leben und ihre Arbeit gesprochen.

Gretel Völlingsʼ Arbeitszimmer ist ein Paradies für Liebhaber von Sammelsurien. In Schubladen, Schachteln, kleinen Kartons, Eierkartons, Dosen und Bechern hat sie ihr Arbeitsmaterial aus der Natur gesammelt: Nüsse, getrocknete Erbsen, kleine Kastanien, Bucheckern und diverse Eichelsorten samt ihren Hütchen sowie winzige Koniferen- und Zypressenzapfen.
Manchmal springen ihr Passanten helfend zur Seite – vermutend, sie habe etwas verloren –, wenn sie draußen nach Material sucht. Andere sammeln inzwischen für sie mit, zum Beispiel kleine Mohnkapseln aus hiesigen Gärten. Die großen Kapseln kauft Gretel Völlings im Großhandel. Schon vor 40 Jahren hat sie Mohnkapseln gestaltet, dann war der Verkauf bei uns verboten – wegen des Opiums. Süchtige kochten die Kapseln aus, um etwas von den Resten zu gewinnen. Heute sind sie bei uns wieder erhältlich, es gibt einfachere Möglichkeiten, an Drogen zu gelangen.
Gretel Völlings ist beim Schnitzen hochkonzentriert und arbeitet mit vollkommen ruhiger Hand. Einen Fehler habe sie noch nie gemacht, sagt sie. Bei jeder Kapsel wird errechnet, wie die Schnitte mit dem Skalpell sitzen müssen, die kleinen Löcher werden im Anschluss mit Holzstäbchen gebohrt – die Kapseln sind weniger hart, als sie aussehen. Dann folgen Verzierungen mit dem gesammelten Material aus der Natur und zum Schluss dezente goldene Bemalungen. Eine Stunde arbeitet Völlings an einer Kapsel. Für einen Markt erstellt sie rund 500 Anhänger, die kleinsten verkauft sie für zwei Euro. Viel zu günstig, ruft man ihr zu, aber sie lacht nur. Es geht ihr eher um die Arbeit als darum, damit Geld zu machen. Um auch anderen Interessierten zeigen zu können, wie Mohnkapseln gestaltet werden, hat sie sogar einen kleinen Schaukasten angelegt, der beispielsweise in der Schule eingesetzt werden kann.

 

Filieren, stricken, häkeln, sticken – Handarbeit gehörte immer dazu

In ihrem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer erzählt Gretel Völlings im Anschluss an den Anschauungsunterricht von früher. Schon als Mädchen habe sie mit ihrer Mutter gehandarbeitet, wie es in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts üblich war. Damals wurde filiert, gestrickt, gehäkelt und gestickt. Manche der Arbeiten hat Völlings in einem Mäppchen aufgehoben, Zeugen einer anderen Zeit. Kaum jemand macht heute noch derart aufwendige Arbeiten wie filierte Decken, allein der Begriff ist schon aus dem Vokabular gefallen.
Die 1926 geborene Gretel Völlings ging in Bergheim zur Schule. Wie selbstverständlich erzählt sie, dass zum Ende des Krieges die Schule ihren Dienst einstellte – zu gefährlich sei ein Besuch gewesen. Anderthalb Jahre stand das normale Leben still.

„Ich wäre dageblieben, wenn ich ein Junge gewesen wäre“

Nach dem Krieg ging sie wieder zur Schule, machte 1947 ihr Abitur. Es folgte ein Praktikum in einer Schreinerei, die sich auf Intarsienarbeit spezialisiert hatte. „Ich wäre dageblieben, wenn ich ein Junge gewesen wäre“, erinnert sie sich, die sich in die feine Arbeit mit Holz verliebt hatte. Aber ein Mädchen in einer Schreinerei? Daran habe zu der Zeit niemand gedacht, das Praktikum sei schon ungewöhnlich genug gewesen.
Vielleicht weil damals so wenige Männer und Jungen da waren, ging sie ihren ungewöhnlichen Weg weiter. Ihr Zeichentalent setzte sie in einer Ausbildung als Bauzeichnerin in der Braunkohlebranche ein, beendete diese 1950. Zunächst fand sie keine Stelle. „Dass jemand ein Mädchen einstellt, das gab es in diesem Bereich gar nicht.“
Die Arbeit bei der Post, die sie im Anschluss aufnahm, langweilte sie fürchterlich. Ihre beste Freundin, die den gleichen Ausbildungsweg eingeschlagen hatte, hatte derweil einen Architekten in Köln kennengelernt, der die jungen Frauen einstellte. Als die schönste Zeit ihres Lebens bezeichnet Völlings die Arbeit im Architekturbüro, sogar die Bauleitung von Projekten wurde ihr übertragen.

Als sie schließlich heiratete, gab sie – wie üblich für die 50er Jahre – auf Wunsch ihres Mannes ihre Berufstätigkeit auf. „Mein Mann konnte ja keinen Haushalt machen“, sagt sie entschuldigend.
„Nur“ Haushalt und Kinder reichten der kreativen Frau jedoch nie. Es blieben die für Frauen typischen Beschäftigungsfelder: Sie pflegte einen Garten mit über 1.000 Quadratmetern und richtete sich eine Töpferwerkstatt ein. Die Werke, die hier entstanden, waren aber einiges mehr als Hausfrauenbasteleien. Sie spezialisierte sich auf filigrane Orchideenblüten, angeordnet in Quadraten an der Wand, und abstrakte Formgebilde wie Tonkugeln in Tonkugeln – aufs komplizierteste ineinander verwoben.
Zwei-, dreimal veranstaltete Völlings Ausstellungen in der Wohnung und verkaufte ihre Werke an begeisterte Besucher, außerdem erstellt sie Dekorationen für Läden in Aachen.
Die Aufgabe ihres Gartens und der Töpferwerkstatt ist Völlings sehr schwer gefallen. Heute lebt sie in einer Mietwohnung. Die Designerin in ihr erkennt man durch und durch, auch einige ihrer Kinder und Enkel haben kreative Berufe ergriffen.

Untätig sein ist Völlings bis heute ein Graus. Sie ist immer beschäftigt, geht zum Sport, Sachen suchen, setzt sich in ihr Arbeitszimmer und schnitzt Kapseln oder hört klassische Musik. Dem Alter kann sie nicht wirklich viel abgewinnen, gibt sich aber wie jemand, der weiß, wie er sich mit dem Leben und allem, was auf einen zukommt, arrangieren kann. Pläne hat sie reichlich. „Ich will auch alle Bücher noch gelesen bekommen“, lacht sie mit einem Blick auf die gut sortierte, große Bücherwand. „Und ich muss dringend im Großhandel neue Kapseln besorgen, denn im Sommer kann man keine bekommen.“ Es liegen über 1.000 Stunden Arbeit vor ihr, wenn sie im kommenden Winter wieder bei mehreren Märkten dabei sein will und wohltuende Abwechslung in die Angebotspalette bringt. Die Begeisterung der Besucher kann ihr gewiss sein.

Text & Fotos: Birgit Franchy

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