Die 1990er Jahre, also die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion, waren vielleicht die freiesten Jahre für die russische Kunst- und Kulturszene in der jüngeren Vergangenheit. Mitten hinein in eine katastrophale Wirtschaftskrise, auf die Inflation, Korruption, Arbeitslosigkeit und die Verarmung der Bevölkerung folgten, preschten die Vertreter des Moskauer Aktionismus mit neuen, schockierenden Ideen und ohne Angst vor Zensur und Bestrafung durch einen zunehmend handlungsunfähigen Staatsapparat. Ihnen folgt heute bereits die nächste Generation junger Künstler. Und die hat es ungleich schwerer, in Putins „gelenkter Demokratie“.

Mit dem ersten Amtsantritt Vladimir Putins im Jahr 2000 änderten sich das gesellschaftliche Klima und die Bedingungen für Künstler und Kulturschaffende tiefgreifend. „dis/order“ spürt diesem Wandel nach und beantwortet Fragen wie: Wie formiert sich künstlerischer Widerstand unter der Totalüberwachung des öffentlichen Raumes und unter einer repressiven Politik? Welche Rolle spielen dabei die neuen Medien? Was waren bis dato die wichtigsten Ereignisse und wer sind neben der Punkband Pussy Riot, die es auch im Westen zu beachtlicher Bekanntheit brachte, die wichtigsten Protagonisten des künstlerisch-politischen Widerstands? Wie kommen alte Traditionen, übertriebene Zustimmung, Comics, scheinbar harmlose Botschaften auf Kleidungsstücken und Accessoires oder andere subtile Codes als Trojanische Pferde zum Einsatz, um das System zu unterwandern? Die Antworten und Strategien sind überraschender, spielerischer und mitunter auch selbstkritischer, als man vermuten würde.

Im März 2018, zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution, wird in Russland wieder eine Präsidentschaftswahl stattfinden. Es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt, um der Stimme der zeitgenössischen Kunst Russlands mit einer engagiert kuratierten Ausstellung Gehör zu verschaffen.

Ludwig Forum für Internationale Kunst, noch bis 18.02.2018

Die Ausstellung kontextualisiert viele Arbeiten und die dargestellten Ereignisse, wie etwa wichtige Gerichtsprozesse gegen Künstler und Ähnliches, sehr umfangreich in begleitenden Texten. Dennoch seien die beiden folgenden Termine empfohlen:

Für Januar geplante Führungen mit Kurator Holger Otten:
Do, 25.01.2018, 18:30 Uhr
Do, 01.02.2018, 18:30 Uhr

Bild: Katrin Nenasheva, Zwischen hier und dort, Performance, Moskau, Juli 2017, courtesy the artist, Foto: Natalya Budantseva

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