Häuser sind etwas Besonderes, weil sie viele Leben verkörpern. Sie beherbergen kleine und große Geschichten, Freude, Glück und all die Schattenseiten des Daseins. Sie sind für etliche Geistesblitze verantwortlich, die Anzahl der Romane, in denen sie mehr oder weniger die Hauptrolle spielen, ist kaum zu überschauen. Die Grindelhochhäuser, zwischen 1946 und 1956 im Hamburger Grindelviertel erbaut, bescherten dem norwegischen Autor und Wahlhamburger Ingvar Ambjørnsen einen ebenso genialen wie lukrativen Einfall. In diesen Häusern, besser gesagt beim Anblick dieser Häuser, wurde Elling geboren.
Mögen die Häuser auch unter Denkmalschutz stehen, heimelig ist etwas anderes, und so ist es nicht verwunderlich, dass aus dem Kinde ein Unikum geworden ist. Einer, der etwas neben der Spur läuft, einer, den man weitläufig als Sonderling bezeichnet.

„Elling ist bei uns inzwischen fast ein Volksheld geworden, weil wir letztlich alle ständig versuchen, unsere Grenzen zu überschreiten, und gegen unsere Phobien und Blockaden kämpfen“, erzählt Petter Naess in einem Spiegel-Interview. Das ist wohl der Zauber in der Formel. Zwischen Norm und Abnormität liegt nur ein dünner Schleier, den wir alle schon mal gelüftet haben. Keiner kann mit Steinen um sich werfen, denn wir alle kennen die Angst. Angst zu versagen, Angst, etwas zu tun oder etwas sein zu lassen, das unangenehme Gefühl, sich durch die lawinenartige Menschenmasse auf dem Aachener Weihnachtsmarkt kämpfen zu müssen oder in öffentlichen Toiletten zu pinkeln. Elling ist die Konzentration, die Essenz all unserer Phobien.
Seit der deutschen Erstaufführung 2003 ist der Sonderling in über 50 Spielstätten zum Superstar geworden. Es tut ja auch gut, einen zu sehen, der noch schräger ist als man selbst.

Regisseur Sebastian Martin hat keine Angst vor dem Abstrusen, der Nonkonformität. Seine Inszenierungen wie „Taxi Driver / Die totale Mobilmachung hat begonnen“ am Theaterhaus Jena oder „Dracula – A tribute to Blutdurst und Unsterblichkeit“ am Theater Bremen lassen auf einen außergewöhnlich ellingesken Abend hoffen.
Besonders erfreulich ist die Besetzung Ellings mit Schauspieler Thomas Hamm. Wer sich noch an „Lichter ziehen vorüber“, „Zwei arme, polnisch sprechende Rumänen“, „Mario und der Zauberer“ oder das aktuelle Stück „Nachtgeschichte“ erinnert, kennt die Gabe, mit der Thomas Hamm schwierigen und durchaus schrulligen Charakteren eine besondere Würze gibt.
Jetzt müsste es nur noch Januar werden.

Elling
Komödie von Ingvar Ambjørnsen, Axel Hellstenius und Petter Næss
Theater Aachen, Kammer. Premiere: 26. Januar 2018, 20:00 Uhr
Inszenierung: Sebastian Martin, Bühne und Kostüme: Kaja Bierbrauer

Foto: Grindelhochhäuser Hamburg, Poupou l‘quourouce

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