Die Hamas ist für die meisten Terroranschläge verantwortlich. Die Selbstmordattentäter sind durchschnittlich 21 Jahre alt. Der erste Anschlag einer Selbstmordattentäterin, Wafa Idris, fand im Jahr 2002 in Jerusalem statt.

Unzählige Bücher über Täterpsychologie, empirische Untersuchungen und Klassifizierungen der Art und des Zweckes eines Selbstmordanschlags, auf die Kommastelle genaue Angaben über die durchschnittliche Opferzahl bei Anschlägen – wir wissen auch, wie viel Prozent der Attentäter weiblich, männlich, gebildet, geistig gesund, jung oder alt sind. Zahlen und Fakten, die bereits auf dem Weg zum Gehirn verblassen und nichts weiter als einen faden Beigeschmack hinterlassen.
Autor Stefano Massini setzt den nüchternen wissenschaftlichen Untersuchungen und journalistischen Bemühungen drei Schicksale, drei auf tragische Weise verbundene Leben entgegen – Eden Golan, israelische Professorin, Shirin Akhras, palästinensische Studentin, und Mina Wilkinson, amerikanische Soldatin – und zeigt in einer schonungslosen und beklemmenden Chronik auf das menschliche Gesicht der Gewalt-spirale im Nahen Osten.
Die Intensität und Geradlinigkeit, mit der Schauspielerin Petya Alabozova die drei Frauen verkörpert, ist geradezu verstörend. Mit einer kleinen Geste, einer fast unmerklichen Zuckung der Augenbraue, wechselt sie von der Studentin, einer zukünftigen Märtyrerin der Al-Qassam-Brigaden, zur liberalen Professorin, die durch einen Anschlag in ihren Grundfesten erschüttert wird, um Minuten später zu der abgebrühten, Yes-Sir-brüllenden und ihrer Illusionen beraubten Soldatin zu werden. Es sind die feinen, unaufgeregten, jedoch sehr durchdringenden Nuancen ihres Spiels, die einen tiefen Einblick in die Psyche der Protagonisten erlaubt. Wut, Bangen, Hoffen, Resignation – ungeschmückt und ungekünstelt vereint Petya Alabozova die drei Perspektiven, die wie Paralleluniversen bar jeder Berührung zu existieren scheinen und dennoch durch die Mannigfaltigkeit menschlicher Gefühlsregungen eng miteinander verbunden sind.
Regisseur Matthias Fuhrmeister verzichtet auf alles Unnötige und fokussiert sich sowohl bei der Inszenierung als auch beim Bühnenbild, das er zusammen mit Elisabeth Gers konzipiert hat, einfühlsam auf das Wesentliche. Was dieses Wesentliche ist, was man als Gedankengut, Anregung oder Trauer und Wut mit nach Hause nimmt, muss jede Zuschauerin und jeder Zuschauer für sich entscheiden. Stoff zum Nachdenken gibt es genug.
Ob es eine 6 oder aber eine 9 ist, entscheidet die Perspektive. So kann auch der eine einzige Gott aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedliche Antlitze annehmen. Es wird Zeit, dass wir diese wieder vereinen.

Ichglaubeaneineneinzigengott.hass
Theaterstück von Stefano Massini
Theater Aachen, Mörgens. Inszenierung: Matthias Fuhrmeister, Bühne: Matthias Fuhrmeister, Elisabeth Gers, Kostüme: Elisabeth Gers

Foto: Marie-Luise Manthei

zurück La Traviata
weiter Bier und Wir: Impressionen der Ausstellung