Giuseppe Fortunino Francesco Verdi, zu seiner Zeit auch ohne den heutigen Starkult einer der funkelndsten Sterne am Musikhimmel, ließ sich in der Auswahl seiner literarischen Vorlagen nicht lumpen. „La Traviata“ entstand nach dem Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren, der damit in die außergewöhnliche Liga von Autoren wie Lord Byron, Victor Hugo, Friedrich Schiller, Shakespeare und Voltaire, allesamt Paten für Verdi-Opern, aufsteigen konnte.

La Traviata – die vom rechten Wege abgekommene und schwer kranke Kurtisane Violetta Valéry, Mittelpunkt und Gesprächsstoff Nr. 1 der feinen und feisten Pariser Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts, erfährt auf einer ausgelassenen Feier eine für sie bis dato unbekannte Gefühlsregung: die Liebe, in Gestalt des angesehenen Junggesellen Alfredo Germont, berührt ihr Herz. Doch in der zarten Knospe der Verbundenheit lauert bereits das unausweichlich tragische Ende.

Eine aufwühlende wie schlichte Geschichte, in der das persönliche Schicksal mit den Sitten einer biederen und maskenhaften Gesellschaft eng verflochten ist. Aufwühlend ist auch Ewa Teilmansʼ Inszenierung, denn die Regisseurin verzichtet auf eine erdrückende Opulenz der Bilder und legt stattdessen die Macht der Ausstrahlung in die Hände der Solisten und des Chors, die dieser hehren Verantwortung par excellence nachkommen. Aber was wäre Verdi ohne eine Spur von Grandezza? Und so lässt Ewa Teilmans auf der dezenten, jedoch in ihrer Schlichtheit hoch ästhetischen Bühne – eine kolossale Drehscheibe, deren einzige Schmuckstücke drei ebenfalls kolossale Kamelien sind – die Dekadenz, Ausschweifung und die Verlogenheit einer sich dem Ende zu neigenden Gesellschaftsstruktur lebendig werden. Eine Üppigkeit an Farben und Eindrücken, die durch die Kraft und Vitalität der Akteure entsteht.
Wahre Ohrenweide und nicht weniger Augenschmaus sind die Sopranistin Solen Mainguené (Violetta) und der Tenor Alexey Sayapin (Alfredo). Es sind nicht nur die glanzvoll dargebotenen Partien; ihre Bühnenpräsenz und ihr feines, ungekünsteltes Zusammenspiel tragen entscheidend zu der lebhaften, authentischen Atmosphäre auf der Bühne bei. Hrólfur Saemundsson (Giorgio, Alfredos Vater) komplettiert einfühlsam mit seinem weichen Bariton das Solistentrio.

Nach kleinen Schwächen bei der Oper „Katja Kabanowa“ hat das Orchester zu seiner gewohnten Form zurückgefunden. Vom Brindisi, dem heiteren Trinkspruch, bis hin zu den zartesten Klängen des Duetts „Parigi, o cara, noi lasceremo“ werden die Töne elektrisierend hingeschmettert oder zart hingehaucht, der Orchestergraben pulsiert vor purer Spielfreude.
„La Traviata“ wird in Aachen garantiert nicht vom Weg abkommen, sich den erfolgreichsten Operninszenierungen am Theater Aachen anzuschließen. Hochverdient!

La Traviata
Oper von Giuseppe Verdi
Theater Aachen, Bühne. Musikalische Leitung: Karl Shymanovitz, Justus Thorau, Inszenierung: Ewa Teilmans, Bühne: Elisabeth Pedross, Kostüme: Andreas Becker
Termine im Februar: 15. und 21., 19:30 Uhr

Foto: Carl Brunn

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