Elling


Elling | Thomas Hamm, Simon Rußig | Foto: Ludwig Koerfer

Elling und Kjell Bjarne werden nach mehrjährigem Zwangsurlaub in einer psychiatrischen Anstalt auf das Leben losgelassen. Mit ihrem Rucksack vollbepackt mit Ängsten, Neurosen und diversen Unzulänglichkeiten beziehen sie gemeinsam eine Wohnung, um in der Umarmung der Durchschnittsgesellschaft endlich Normalos zu werden. Doch das allgemein Übliche ist nicht so ganz ihr Ding.

Humor ist eine diffizile Angelegenheit, mögen wir alle mehr oder weniger ähnlich leiden, beim Lachen scheiden sich die Gemüter. Wer eine Komödie inszeniert, wagt sich auf äußerst glitschiges Terrain, bei jedem Schritt droht Rutsch- und Verletzungsgefahr.
Regisseur Sebastian Martin hat die wundersame Welt von Elling äußerst leichtfüßig durchquert. Wer eilt, fällt schneller hin. Martin nimmt sich viel Zeit, lässt die Bilder und Situationen wirken, zieht seine Charaktere weder ins Lächerliche noch ins übertrieben Absurde, ohne dabei auf eine ordentliche Portion Irrwitz zu verzichten. Kaja Bierbrauer dreht mit ihrem skeletthaften Bühnenbild die versteckte, abgeschottete Welt der beiden Männer auf den Kopf, reißt die Mauern der Isolation nieder und zeigt damit auf amüsanter Weise, wie ungeschützt die vermeintliche Privatsphäre ist.
In Punkto Kostüme ist Bierbauer weniger zurückhaltend, so darf das Vierergespann auf der Bühne in einer Ansammlung von schrägen bis drolligen Gewändern durch die Geschichte spazieren. Oder tollen, oder rollen, schnurren und sogar tänzeln.

„Elling“

Das Vierergespann sind: Katja Zinsmeister, Thomas Hamm, Simon Rußig und Benedikt Voellmy.
Mittlerweile hat Katja Zinsmeister so gut wie jede Facette des Menschlichen auf der Bühne verkörpert. Sie war die Einsame, die Verlorene, sie war Mutter, Göttin, Soldatin und Zeitreisende. Bei „Elling“ zeigt sie, dass sie noch lange nicht am Ende ihres Repertoires angekommen ist. Ihre geschmeidigen Rollenwechsel, die Kraft, mit der sie ihren Rollen etwas Einzigartiges einflößt ist sagenhaft und sehr unterhaltsam.
Rote Highheels stehen Benedikt Voellmy. Auch ein Schnurrbart. Ob Lederjacke oder Konservendose – er macht schlicht in Allem eine gute Figur. Als überforderter Sozialarbeiter Frank bringt er eine Spur Normalität in die Geschichte. Und das ziemlich cool. Übrigens ist er auch als schnurrender Kater absolut glaubwürdig.
Simon Rußig ist Kjell Bjarne. Mit leicht rot unterlaufenen Augen, seine Werkzeugkiste umarmend steht er verloren in der neuen Wohnung und kann es nicht fassen, dass Ficken überbewertet wird. Völlig entspannt und unaufgeregt mimt Rußig den liebevollen Neurotiker, er ist glaubwürdig von Kopf bis Fuß und zurück auf die strahlend weiße Unterhose, die nicht seine ist.
Die Schräglage liegt Thomas Hamm. Wie weit er sich neigen kann, ohne zu fallen, hat er bereits mehrmals eindrucksvoll gezeigt. Als Elling legt er eindeutig einen neuen Rekord auf das Parkett. Laut dem Psychologen Paul Ekman gibt es 44 verschiedene kleine Bewegungseinheiten im Gesicht, so genannte Action Units, mit denen sich tausende von Gesichtsausdrücke erzeugen lassen. Nun, es wäre mit Sicherheit übertrieben zu behaupten, Thomas Hamm hätte sie alle verwendet, aber er ist nah dran, verdammt nah. Mimik, Gestik, Sprache, alles im Einklang und alles so wunderbar schräg. Eine erstaunliche Leistung!

Zieht man die wenigen Gags ab, die, zumindest für meinen Geschmack, etwas zu dick aufgetragen werden, bleibt unter dem Strich eine gelungene Komödie zurück, die es sich unbedingt anzuschauen lohnt. (ek)

Elling – Komödie von Ingvar Ambjørnsen, Axel Hellstenius und Petter Næss | Theater Aachen – Kammer | Inszenierung: Sebastian Martin | Bühne und Kostüme: Kaja Bierbrauer
Termine im Februar: 02., 06., 17., 24., 28.

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