DAS DA THEATER inszeniert „Inside IS“ und bietet viele Perspektiven auf das Thema Radikalisierung


Foto: Achim Bieler

Hat unsere Gesellschaft versagt, wenn ein deutscher Jugendlicher als „Märtyrer“ in Syrien sterben will? Wie geraten junge Menschen überhaupt in den Sog einer radikalen Ideologie? Keine einfachen, aber brennende, hochaktuelle Fragen, die im DAS DA THEATER im Schauspiel „Inside IS“ von Yüksel Yolcu behandelt werden. Um eindeutige Diagnosen geht es hierbei nicht, sondern um eine differenzierte Auseinandersetzung, um Perspektivenwechsel und ein daraus sich ergebendes besseres Verstehen – trotz einiger klischeehafter Erklärungsansätze. Regisseur Tom Hirtz gelingt eine fesselnde Darstellung der miteinander verwobenen gesellschaftspolitischen und persönlichen Konfliktebenen, dies nicht zuletzt durch den Einsatz von Livekameras und Videoaufzeichnungen, die dem Ganzen einen dokumentarischen Charakter geben. Hervorzuheben sind die schauspielerischen Leistungen der Darsteller, die teilweise in mehrere Rollen schlüpfen.

Das Schauspiel inszeniert Stationen aus dem gleichnamigen dokumentarischen Reisereport von Jürgen Todenhöfer. Parallel verläuft eine weitere Handlungslinie, die das Schicksal des jungen Fabian (Ali Marcel Yildiz) zeigt, eines sich radikalisierenden Konvertiten. Todenhöfer brach 2014 mit seinem Sohn Frederic nach Mossul auf, um als erster und einziger westlicher Journalist – einzig gewappnet mit einem persönlichen Schutzbrief des IS-Kalifen und ausgestattet mit Lebkuchen als Gastgeschenk – mit unterschiedlichen IS-Funktionären in den Dialog zu treten. Yolcu erhielt von Todenhöfer die Rechte für die Umsetzung seines Buches als Bühnenstück.

Der Mann, der selbst mit dem Teufel verhandeln würde

Dem Vorhaben lag Todenhöfers Prinzip „Immer mit allen Seiten reden“ zugrunde. Die grundsätzlichen Überzeugungen Todenhöfers werden ebenso wie der Verlauf der Reise selbst dem Publikum von Vater (Wolfgang Rommerskirchen) und Sohn (Maciej Bittner) auf einer Metaebene vortragsartig erläutert, während die einzelnen Reiseabschnitte und Erlebnisse szenisch dargestellt werden. Das Stück nimmt den Zuschauer auf die abenteuerlich-riskante Unternehmung der Todenhöfers mit: vom ersten Versuch der Kontaktaufnahme mit dem IS via Facebook über Interviews per Skype mit Dschihadisten wie Abu Qatadah (Malte Sachtleben) bis hin zu Interviews vor Ort in Mossul.
Bei allen Szenen tritt immer wieder die perverse Logik des IS hervor mit all ihren Widersprüchen.

Plumper Antiamerikanismus oder nötiges Zurechtrücken von Tatsachen?

Jürgen Todenhöfers Arbeit gilt als umstritten. Kritiker werfen ihm vor, dass seine politischen Ansichten zu eindimensional seien und dass er dem IS in seinen Darstellungen unreflektiert ein Forum biete. Dieser Aspekt wird in einer Auseinandersetzung zwischen Sohn und Vater angesprochen. Der Sohn wirft dem Vater in diesem Zusammenhang plumpen Antiamerikanismus vor. Aber es geht bei dem Schauspiel letztlich nicht um eine kritische Auseinandersetzung oder Abrechnung mit Todenhöfers Arbeit, sondern vielmehr um dessen Ansicht, dass die Bewertung von Krisen und Konflikten eine umfassende Darstellung von politischen Zusammenhängen und unterschiedlichen Machtinteressen voraussetzt. Das bedeutet konkret: die Einbeziehung der Verantwortung des Westens und deren Kriege gegen muslimische Länder in die Analyse des Phänomens des IS sowie die Hervorhebung der klaren Differenzierung zwischen der IS-Ideologie und dem Islam. Gleichzeitig geht es Yolcu um die eingangs gestellte Frage: Was bewegt im Westen sozialisierte Jugendliche dazu, sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen?

Zwei Reisen mit gleichem Ziel, aber aus unterschiedlicher Motivation

Auch im zweiten Handlungsstrang geht es um eine Reise zum IS. Yolcu hat ihn vor dem Hintergrund eigener Recherchen über sich radikalisierende Jugendliche und von Gesprächen mit einem Imam, der als Seelsorger Syrien-Rückkehrer im Strafvollzug betreut, entwickelt. Auch in seinem Stück spielt ein Imam eine tragende Rolle. Während der engagierte, zuweilen naiv anmutende und oberlehrerhaft wirkende Journalist sich auf die Reise begibt, weil er meint, über direkte Kommunikation ein tieferes Verständnis der Dinge zu erlangen, geht es bei dem Hauptcharakter Fabian, aber auch seinem Freund Said (Mehdi Salim) und der jungen Mutter Melanie (Angela Ahlheim) um eine Reise im Sinne einer Identitätssuche, einer Suche nach dem eigenen Lebenssinn.

Als der Imam (Klaus Beleczko), Seelsorger in der JVA, im Gespräch mit dem desillusionierten Syrien-Heimkehrer Said erfährt, dass der von ihm ehemals betreute Fabian vor der Ausführung eines geplanten Selbstmordattentats durch einen Querschläger ums Leben gekommen ist, ist er schockiert. Wie konnte es dazu kommen? Rückblickend werden die Puzzleteile aus Fabians Biografie, die zur Radikalisierung geführt haben könnten, vom Imam durch Gespräche mit wichtigen Menschen in Fabians Leben und die Darstellung von Schlüsselmomenten rekonstruiert. Auf dieser Spurensuche ist der Geist von Fabian immer dabei und kommentiert die Einschätzungen der befragten Menschen. Insgesamt wirken die Gründe für Fabians Radikalisierung klischeehaft – sensibles, nachdenkliches Kind mit der Tendenz zum Aufbegehren gegen als ungerecht empfundene Situationen, Trennung der Eltern, auf Regeln pochende Lehrerin, die das Gerechtigkeitsbewusstsein des Jungen verletzt, berufliches Scheitern. Dieses stereotype Bild des unsicheren, orientierungslosen Jugendlichen beinhaltet jedoch auch Widersprüche in sich selbst.

Erst Brasilien, dann doch IS? Ein widersprüchliches Psychogramm

Der Wandel vom alles hinterfragenden, gerechtigkeitsliebenden Jugendlichen – so wird es zumindest durch die Erzählungen suggeriert – hin zu einem Anhänger einer totalitären Ideologie mit stringenten Regeln bzw. einer Organisation mit ausgeprägten Hierarchien ist nicht ganz nachvollziehbar. Erst recht nicht, dass das Morden des IS nicht von ihm hinterfragt wird. Aber vielleicht ist das auch beabsichtigt. Genauso wie die Tatsache, dass die Wahl, sich einer islamistischen Gruppierung anzuschließen, arbiträr zu sein scheint. Wie aus einem Gespräch mit seinem Kifferfreund Rayif deutlich wird, hätte es ebenso gut ein Leben bei den Ureinwohnern Brasiliens werden können. Hauptsache raus aus der materialistisch geprägten Ich-Gesellschaft. In einer Szene in Syrien, als Said Fabian eingesteht, wie falsch die Entscheidung gewesen sei, für den IS in den Krieg zu ziehen, weil alles Lug und Trug sei (materielle (!) Versprechen wie Haus, Frau und Auto wurden nicht gehalten) und er das ganze Blut auch nicht mehr sehen könne, ergreift Fabian nicht die Chance, mit ihm zu fliehen. Die Begründung: Er fühle sich dann als doppelter Verlierer. So versucht er verzweifelt, dem Ganzen noch einen Sinn zu geben, indem er als Märtyrer sterben will – nicht einmal das gelingt tragisch-ironischerweise.
Kritisch anzumerken ist hier, dass Fabian ein bisschen zu sehr Opfer sein darf. Mit über 20 Jahren sollte man wissen, dass es für den Mord an unschuldigen Menschen keine Rechtfertigung gibt.

Gesellschaftspolitische Problematik wird zur Weltpolitik

Diese zwei Handlungsstränge sprechen verschiedene Ebenen von Politik an. Einerseits geht es um gesellschaftspolitische Kritik. Eine reiche, freiheitlich orientierte Gesellschaft schafft es nicht, ihre Jugendlichen zu integrieren und ihnen eine sinnhafte Existenz anzubieten. Andererseits wird durch Todenhöfers Story die weltpolitische Dimension angesprochen. Es gibt allerdings einen Moment, in dem beide Ebenen verwoben werden und wo deutlich wird, dass eine gesellschaftspolitische, „systeminterne“ Problematik der westlichen Gesellschaft eine weltpolitische Dimension erlangen kann. Auf ihrer Reise treffen Jürgen und Frederic Todenhöfer Melanie. Aus dem Gespräch wird deutlich, dass sie in ihrer Familie und in der deutschen Gesellschaft allgemein Solidarität und Warmherzigkeit vermisst. Animiert durch Kontakte über soziale Medien zu IS-Frauen, die ihr das Leben an der Seite eines IS-Kämpfers in leuchtenden Farben schildern, macht sie sich auf den Weg („Du musst dich um nichts kümmern, und dein Löwe lässt dich spüren, dass du eine Frau bist“). Die aktuelle Debatte um die politische Bedeutung der Rolle von Frauen im IS wird nicht vertieft.

Grenzen des Dialogs und Eigenverantwortung

Am Ende resümiert der Imam, dass er bei seiner Einschätzung von Fabian falsch lag. Er habe immer geglaubt, dass Fabian durch Zureden noch erreichbar sei. In ähnliche Richtung verweist Frederic Todenhöfers Zusammenfassung des Aufenthalts in Mossul, der sinngemäß verlauten lässt, dass sie nach zehn Tagen genug hatten. Dieser Aussage voraus geht eine Szene, in der Jürgen Todenhöfer einen Alptraum hat. In diesem wird er nach einer wilden Debatte mit dem Kalifen über die Gräueltaten des IS und über den wahren Charakter des Islam erschossen. Diese Traumszene kann man so interpretieren, dass nicht jeder Dialog zielführend sein kann.

Das letzte Wort hat allerdings Fabian, er liest aus seinem Abschiedsbrief vor: „Was ist das: ein gelungenes Leben? Ich weiß nicht. Aber ich weiß jetzt, dass man mutig sein muss, selber über sein Leben zu entscheiden.“ Die Frage bleibt jedoch, was es braucht, um über sein eigenes Leben zu entscheiden, und hier ist unter anderem die Politik gefordert.

Die meisten Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
Hier geht es zu den Terminen und Restkarten.
http://dasda.de/das-da-theater/programm/spielzeit-2017-2018/inside-is

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