Unterleuten


Hannes Schumacher - im Hintergrund Elke Borkenstein | Foto: Carl Brunn

Eine Fassade ist per Definition die Front, oft die repräsentative Außenhaut eines Gebäudes. Bei Menschen vermuten wir beim Verwenden des Begriffes hinter dem äußeren Glanz gerne eine innere Dunkelheit, schwere Laster und sonstige Eigenschaften, die es zu verbergen gilt. Das kleine Dorf Unterleuten in der vergessenen Welt Brandenburgs steht wie eine strahlende Festung der neuen Weltordnung gegenüber, im Inneren dieser Festung lauert jedoch Jahrzehnte alte Feindseligkeit, die nur auf die erst beste Möglichkeit wartet, um sich in ganzer Pracht zu zeigen. Und diese Möglichkeit steht alsbald vor der Tür im Gewand einer Vision, die schon etliche Gemeinschaften zerrüttet hat: ein Windpark.

Eine blendend weiße Fassade strahlt in den Zuschauerraum hinein. Die dunklen, zugezogenen Vorhänge vor den Fenstern wirken wie Augen, durch die man ins Innere schauen kann, ins Verborgene, dorthin, wo sich das Wesentliche abspielt. Frederik, ein zugezogener Spielentwickler, ein Großstädter mit dem nötigen Abstand, wurde in der Aachener Bühnenfassung als Spielleiter, als Erzähler auserkoren, einer, der Unterleuten als eine riesige Projektionsfläche für sein Aufbauspiel betrachtet. Je mehr böses Blut fließt, um so spannender wird sein Baby „Traktoria“. Oder ist es umgekehrt?

Zumindest beherrscht „Traktoria“ einen großen Teil der Inszenierung. Die spannende und sehr plakative Videoarbeit von Michael Deeg, mit dem die blasse Haut der Fassade bedeckt und somit zu dem degradiert wird, was sie auch im übertragenen Sinne ist, nämlich eine Schauseite, ist auf den Punkt gebracht, aber leider auch über den Punkt hinaus. Hier wäre weniger mehr gewesen, nicht was die hervorragende Qualität und den Witz der Einspielfilme angeht, aber die Flut, mit der die computergenerierte Welt überhand nimmt spült viel Menschliches von der Bühne. Dies mag im Sinne des Regisseurs Marcus Lobbes gewesen sein, schließlich ist Juli Zeh auch nicht gerade zurückhaltend, was virtuelle Verwirrspiele angeht. Auf der Seite www.unterleuten.de kann man einen gemütlichen Spaziergang durch ihr fiktives Dörfchen unternehmen und dabei sämtliche Bewohner unter der Lupe betrachten. Aber Juli Zeh hat auch die Gabe, ihre Figuren bis zu den letzten Schlupfwinkeln der Seele auszuleuchten, was bei Aachener Interpretation, trotz des hervorragenden Ensembles und der spannenden Idee, die Realität zu virtualisieren, etwas auf der Strecke bleibt. Das Spiel mit dem Spiel, das Aufbrechen und Transformieren der Realität erfordert viel Fingerspitzengefühl, ein Zuviel zerstört beides, das Virtuelle wie die Realität.

Die Inszenierung besitzt einen hohen Unterhaltungswert, doch gerade dieser verwehrt den Einstieg in den Kern der Geschichte. Das meist dem Publikum zugerichtete Spiel der Akteure, bei dem sich Gesprächspartner auf der Bühne selten anschauen, sondern mit ihren Blicken in der Ferne des Zuschauerraums verweilen, unterstreicht zwar die Distanz der Figuren untereinander und betont das Verlogene und Falsche, erschwert jedoch die meisten Versuche, sich mit den Charakteren zu identifizieren und ihr Wesen zu begreifen. Zu oft gerät das komisch Groteske in den Vordergrund und fabriziert herzhafte Lacher, wobei diese eigentlich im Hals stecken bleiben sollten.

Wenn sich die Bühne dreht, die Fassade weg bricht (im übertragenen Sinne) und das skeletthafte Innere sichtbar wird, weht ein Hauch von Leben über die Bühne. In dieser dunklen, computerfreien Zwischenebene kocht und brodelt es, Akteure wie Charaktere scheinen entfesselt, hier wird das echte Leben gezeigt. Ich hätte mir mehr Einblicke dieser Intensität gewünscht.

Ist es möglich, einen Roman zu dramatisieren, dessen Schichten so dicht, dessen Figuren so komplex, dessen Geschichten so verflochten sind, dass sie mehr als 600 Seiten füllen? Bedingt. (ek)

Unterleuten – nach dem Roman von Juli Zeh | Stadttheater Aachen – Bühne | Inszenierung: Marcus Lobbes | Bühne und Kostüme: Ann Heine | Video: Michael Deeg
Termine im Februar: 04., 14., 16., 22., 24. und alle weiteren auch in unserem Kalender

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