„Gemeinwohl geht vor Eigenwohl.“ – So lautet die gesetzliche Grundlage, die es in den letzten 120 Jahren ermöglicht hat, Wohneigentum zu enteignen, Menschen umzusiedeln und Kulturdenkmäler einzureißen – für ein höheres Wohl, die Kohlegewinnung, die zur Energieerzeugung notwendig war. Doch die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Menschen sind überzeugt, dass es dem Gemeinwohl eher dient, auf die klimaschädliche Braunkohle zu verzichten. Nutznießer scheinen jetzt nur noch die großen Konzerne zu sein. Das wollen die Menschen in der Region nicht mehr hinnehmen. Unterstützung bekommen sie von Umweltaktivisten und der Presse, die dem Thema derzeit international Beachtung schenkt.

Ausharren im Geisterdorf

Lars wohnt noch in Immerath. Er ist einer der Letzten. Als wir ihn und seine Familie vor zwei Jahren besuchten, war er auch schon einer der Letzten. „Nur die Spinner bleiben“, war der allgemeine Konsens der Dorfbewohner, die bereits nach Immerath (neu) gezogen waren. Seine Frau und die drei Kinder wohnen seit dem Herbst 2017 in Immerath (neu), aber Lars kann sich nicht trennen. Alleine harrt er im alten Haus aus, vielleicht noch bis August – dann muss er definitiv raus. Um ihn herum wurde Immerath nach und nach zum Geisterdorf, inzwischen wird Straßenzug um Straßenzug abgetragen. Als Anfang Januar die Kirche St. Lambertus, im Volksmund „Immerather Dom“, abgerissen werden soll, ist er vor Ort. Sowohl zum Abschiedsbrunch als auch am Tag des Beginns der Abbrucharbeiten. Dabei ist er nicht einmal katholisch. In der Kirche, im Zentrum des Ortes, war er trotzdem zigmal, zum Beispiel zur Kommunion seiner zahlreichen Freunde.

RWE hat einen Keil zwischen die Menschen getrieben

Lars hat inzwischen viele Interviews gegeben, er kennt die Aktivistenszene rund um den Hambacher Forst und auch andere von der Umsiedlung Betroffene, die noch hoffen, den Tagebau stoppen zu können. Beim Brunch am 6. Januar schaut auch sein Bekannter Norbert vorbei. Norbert wohnt in Keyenberg, ein Dorf weiter. Vor einem Jahr hat dort die Umsiedlung begonnen, 2023 soll die Inanspruchnahme durch RWE erfolgen.
„RWE hat einen Keil zwischen die Menschen getrieben“, sagt Norbert. Die einen wollen gehen, sind froh, möglichst schnell zu verkaufen und in einem Neubau ein neues Leben zu beginnen, die anderen, wie die Familie von Norbert, wollen unbedingt bleiben. Sie leben seit 60 Jahren auf einem denkmalgeschützten Vierkanthof von 1863, im Familienverbund mit drei Generationen. Wie und wo solle man etwas Vergleichbares finden? Norberts Mutter wolle lieber vorher sterben als umzuziehen, erzählt er.
Protestiert haben die Menschen in Keyenberg zuletzt im großen Stil um das Jahr 1987. Schon einmal waren die Aktionen damals in allen Medien. Es wurden Flugzettel gedruckt und es gab einen Fackelzug mit 5.000 Menschen. Die Grünen hatten damals versprochen, dass es kein Garzweiler II geben werde. Der Tagebau kam doch und die Menschen fingen an zu verkaufen. Einer schneller, der andere langsamer. 5.000 Menschen sollen bis 2045 für Garzweiler II umgesiedelt worden sein. Norbert ist gekommen, um sich von der Kirche zu verabschieden: „Für die Menschen in der Region ist das auch immer noch ihre Kirche, egal ob sie entweiht wurde oder nicht.“

Vorwürfe gegen die Kirche

Ingo aus Keyenberg ist am Tag, an dem der Abriss beginnen soll, auch vor Ort. Er hat sich extra freigenommen. Der Klassenkamerad von Lars ist hier zur Schule gegangen, die Kirche habe er täglich gesehen. Er, der selber in der Kirche von Keyenberg aktiv ist, zeigt sich enttäuscht vom Pfarrer der Gemeinden, ja, der katholischen Kirche an sich. Viel zu schnell habe man klein beigegeben, und dass sogar Mitglieder von RWE zur 1.300-Jahr-Feier der Kirche in Keyenberg eingeladen wurden, empfand Ingo als Affront. Alte Kirchen sind für ihn Zeitkapseln, man habe viel Herzblut und Leidenschaft in die Ausstattung und Sanierung gesteckt und der Umgang damit erscheint ihm unangemessen. In die neue Kirche nach Immerath (neu) seien nur wenige ausgewählte Teile mitgenommen worden, der Rest wurde „verscherbelt“. Er wünscht sich mehr Transparenz, was mit der Ausstattung geschieht, und eine bessere Einbindung der Bürger bei der Entscheidung. Ingos Vater ist im letzten Jahr verstorben. Er ruht neben der Kirche in Keyenberg. Ingo hofft, ihn nicht „bald wieder ausgraben“ zu müssen, wenn die Familie umgesiedelt wird. Ihm wäre am liebsten, das Blatt ließe sich für Keyenberg noch wenden.

Michael Zobel, inzwischen zu einem der Gesichter des Protestes um den Hambacher Forst geworden, der nur wenige Kilometer entfernt ist, ist an den Tagen rund um den Abriss des Immerather Doms auch anwesend, hat sogar seinen Geburtstag hier begangen, um noch einmal Freunde auf den Sachverhalt aufmerksam zu machen. Er selber sei eigentlich auch erst sehr spät wachgeworden und habe das Thema Kohleabbau im Zusammenhang mit dem Klimawandel vor vier Jahren für sich entdeckt. Seitdem veranstaltet er monatliche Führungen im Hambacher Forst, an denen schon Tausende Menschen teilgenommen haben. Der Immerather Dom ist für Zobel, der selber nur sporadisch in persönlichen Krisenzeiten in die Kirche geht, um eine Kerze anzuzünden, ein Symbol: „Die Energiewende, der Energiewandel sind jetzt aktuell, alles ändert sich. Nur RWE steht hier mit seinen Dinosaurierbaggern und wedelt mit Verträgen von 1976.“ Er wünsche sich für den Konzern im Zusammenhang mit dem Abriss des Immerather Doms ein Publicity-Desaster. Gut möglich, dass dies der Fall sein wird, der Platz ist umringt von der Presse, die das Debakel verfolgt.

RWE-Sprecher Guido Steffen steht am Rande der Szenerie. Vor ihm eine Schlange von Journalisten, die O-Töne einfangen möchten. Gebetsmühlenartig wiederholt er die Ansagen von RWE. Die Umsiedlung sei sozialverträglich, es werde noch viele Jahre dauern, bis der Braunkohleabbau beendet sei, es sei nicht umsonst, dass der Dom weichen müsse, es werde auf jeden Fall noch gegraben und die Menschen hätten in Immerath (neu) bereits eine neue Heimat gefunden, auch wenn der Umzug Schmerzen für die Menschen bedeute, in Immerath (neu) erblühe das Vereinsleben besser denn je zuvor.
Johanna und Fabian sind für Greenpeace aus Koblenz angereist. Mit der Kirche an sich haben die jungen Leute nichts am Hut, es geht ihnen darum, Kulturgut zu schützen. Das Zeitalter der Braunkohle ist für sie längst zu Ende. Wozu müsse man den Menschen Kirchen und Friedhöfe nehmen, Dinge, die ihnen etwas bedeuten, für etwas, was nichtmehr zeitgemäß ist? Um ihren Worten Ausdruck zu verleihen, haben drei Greenpeace-Aktivisten die Kirche gestürmt und erklettert, um ein Transparent zu hissen. Zwei weitere Kollegen haben sich an den Bagger gekettet, der mit dem Abriss beginnen soll. Zudem wurden riesige Holzbuchstaben aufgebaut – „#endcoal“ ist die Message.

„Es wird Zeit, dass es vorbei ist.“

Zu spät kommt das für die letzten Anwohner von Immerath wie Lars und die drei Bauern, die hier noch ihre Höfe betreiben. Am Eingang des verwaisten Dorfes steht ein Schild auf der Straße: „Kartoffeln. Frische Eier“. Wer sich hierher verirrt, kann im Hof ebenjenes erwerben. „Jetzt kommen sie alle gucken, bevor er umfällt“, lacht ein junger Mann im Hof bitter. Die Bäuerin holt einen Sack Kartoffeln. „Es nervt“, sagt sie. Seit sieben Jahren gebe es für sie das Hin und Her. Jeden Morgen stehe sie mit dem Thema auf, jeden Abend gehe sie damit ins Bett. „Es wird Zeit, dass es vorbei ist.“ 1959 habe sie auf dem Hof geheiratet, dessen denkmalgeschütztes Wohnhaus von 1721 ist. Im Frühjahr werden sie verkaufen und anfangen, neu zu bauen, und dann irgendwann umziehen. Die Felder liegen jetzt hinter der Tenne, vom neuen Hof werden sie 20 Kilometer entfernt sein. Daran müsse man sich dann gewöhnen, sagt sie. Ob sie dem Protest etwas abgewinnen kann? „Ich habe kein Verständnis mehr für Greenpeace – das hätten sie alles vor 30 Jahren machen sollten“, sagt sie.
Aber wahrscheinlich ist die Zeit jetzt erst reif dafür. Auch wenn es für Immerath zu spät kommt, kann es für andere Orte noch rechtzeitig sein.

Zwölf Kilometer weiter richtet man sich derweil im neuen Leben ein. Der Ort Immerath (neu) wirkt wie eine typische, etwas seelenlose Neubausiedlung aus der Retorte. Die Straßen sind menschenleer. Wie man fairerweise zugeben muss, sind Dörfer an einem Montagmittag aber auch nicht bekannt für ihr reges Treiben, es sei denn, es wird gerade eine Kirche von einem Energiekonzern abgerissen.
In der Dorfmitte steht die neue Kapelle St. Lambertus. Schnörkellos, praktisch, „modern“. Gegenüber auf der anderen Straßenseite ein Modell des alten Immerather Doms und ein paar Gedenktafeln. Während in zwölf Kilometern Entfernung der alte Dom noch symbolträchtig umkämpft und niedergerissen wird, ist er hier schon Geschichte.
Nur einen Tag später liegt er in Trümmern.

Der Immerather Dom

„Immerather Dom“ ist im Volksmund der Name für die ehemalige römisch-katholische Kirche St. Lambertus im Ortsteil Immerath der Stadt Erkelenz.
Schon vorher stand an dieser Stelle in dem 900 Jahre alten Ort eine Kirche, wahrscheinlich seit dem 12. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert wurde sie erweitert und hatte Bestand bis 1886. Danach erfolgte der Neubau. Dieser wurde am 9. Juli 1891 als katholische Pfarrkirche geweiht. Es war die einzige Kirche im Kreis Heinsberg mit Doppelturmfassade.
Am 13. Oktober 2013 wurde der Immerather Dom entweiht. Obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz steht, wurde es im Januar 2018 abgerissen.
Zwei Jahre war die Gemeinde ohne Kirche, bis eine neue Kapelle in Immerath (neu) geweiht wurde. Dort sind einige Bestandteile der alten Kirche verbaut worden, u. a. die Glocken.

Zahlen

Seit 120 Jahren wird im Rheinland nach Kohle gegraben.

7 Milliarden Tonnen Kohle wurden gefördert.

Im Rheinland wurden in den letzten 70 Jahren 45.000 Menschen umgesiedelt.

Durch den Braunkohletagebau Garzweiler II müssen bis 2045 etwa 5.000 Menschen ihre Häuser aufgeben.

Rund 130 Orte sind verschwunden und wurden im Geschmack der jeweiligen Zeit teilweise neu aufgebaut.

Immerath ist 900 Jahre alt.
Immerath (neu) existiert seit 2006.

Insgesamt wurden in Deutschland für den Braunkohlebergbau mehr als 300 Siedlungen aufgegeben und ca. 100.000 Menschen umgesiedelt.

 

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