Eine Fotoserie von Johannes Twielemeier über verlassene Ortschaften im Tagebau Garzweiler II

Der Tagebau Garzweiler ist ein Projekt von gigantischen Ausmaßen. Neben den riesigen Flächen und den vielen kleinen Dörfern, die dem Braunkohleabbau zum Opfer gefallen sind und fallen werden – eine Fläche von insgesamt rund 31 Quadratkilometern wird abgebaggert werden –, spielt vor allem auch der Faktor Zeit eine gewichtige Rolle.

Der erste Tagebau-Abschnitt, Garzweiler I, begann 1983, Garzweiler II im Jahr 2006. Laut Genehmigungen wird die letzte Braunkohle im Jahre 2045 gefördert werden, auch wenn hinter diesen Zeitplan nach den Protesten von Klimaschützern und Tagebaugegnern und vor allem durch die dramatische Veränderung der energiepolitischen Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten ein dickes Fragezeichen gemacht werden darf. Egal, wie lange der Tagebau noch fortbestehen wird – es wird weitere Jahrzehnte dauern, bis über die riesigen Baugruben im wahrsten Sinn des Wortes Gras gewachsen ist.

Bei diesen zeitlichen Dimensionen ist dann auch die Frage, wann welche der verschwindenden Orte fotografisch dokumentiert wurden, von eher statistischer Relevanz. So sind die Fotos der Serie „Orte ohne Wiederkehr“ des Aacheners Johannes Twielemeier, im Hauptberuf Steinmetz und Dozent für Fotografie an der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg, auch schon rund 10 bis 15 Jahre alt. Und doch im Abbilden des Verlusts sehr zeitlos. Wir zeigen hier eine kleine Auswahl der Serie und haben Johannes Twielemeier ein paar Fragen gestellt.

Die Serie „Orte ohne Wiederkehr“ ist jetzt auch schon rund zehn Jahre alt, einige Aufnahmen datieren noch weiter zurück. Richtig weg war das Thema Tagebau eigentlich nie, aber aktuell ist es durch die Proteste im Hambacher Forst und den Abriss des Immerather Doms wieder stärker im Fokus der Wahrnehmung. Warum entstand die Serie damals und was denkst du jetzt mit einigem Abstand darüber?
Die Serie hat im Sommer 2002 mit einem Besuch in der fast verschwundenen Ortschaft Inden begonnen, da gab es vielleicht noch 15 oder 20 Häuser, alles andere war bereits dem Erdboden gleichgemacht. Ich hatte schon das ein oder andere Foto aus dem Tagebau gesehen, aber sehr oft war die ganze Maschinerie, also die gigantischen Schaufelradbagger, das Thema der Bilder. Als ich dann zum ersten Mal am Rand dieser unfassbar großen Grube stand, ist mir klar geworden, dass hier eine ganze Region im Begriff ist, für immer zu verschwinden.
Mich hat das Thema der Heimatlosigkeit sehr berührt, und ich fand und finde es immer noch unglaublich, dass mitten im Rheinland tausende Menschen wegen Braunkohle „umgesiedelt“ werden, was wirklich ein sehr harmloses Wort für den unwiederbringlichen Verlust der Heimat ist. 2010 habe ich die Serie beendet und die inzwischen vergangene Zeit hat den Bildern überhaupt nichts anhaben können, im Gegenteil.

Du hast verschiedene Orte im Tagebau für die Serie besucht, viele davon existieren nicht mehr. Welche Geschichten hast du erlebt, als du die Fotos aufgenommen hast?
Ich habe in Borschemich, Inden, Holz, Otzenrath, Pier und Pesch fotografiert, fast immer zu einer Zeit, in der noch das ein oder andere Haus bewohnt war. Ich bin natürlich oft angesprochen worden, vor allem weil ich mit einer großen, analogen Mittelformatkamera mit Stativ unterwegs war, die ist ja alles andere als unauffällig.
An erlebten Geschichten war wirklich alles dabei, hier eine Auswahl:
– Einmal traf ich einen alten Mann, der mir erzählt hat, dass er immer noch in seinem alten Haus wohnt, obwohl das neue Haus im umgesiedelten Ort schon lange bezugsfertig war.
– Einmal sah ich einen Mann, der den Rasen vor seinem schon lange nicht mehr bewohnten Haus mähte, regelmäßig, wie er mir später versichert hat.
– Einmal erzählte mir ein Mann, an seinem Haus sei vor ein paar Tagen die Satellitenschüssel geklaut worden, während er vor dem Fernseher saß.
– Einmal wurde ich in einer verlassenen Gärtnerei von den ehemaligen Besitzern überrascht und sehr handgreiflich zum Verlassen des Geländes aufgefordert.

Als Steinmetz hast du täglich mit Grabsteinen zu tun. Was geht in dir vor, wenn ganze Friedhöfe in den Dörfern im Zuge der Tagebauarbeiten umquartiert werden? Hast du mit Leuten, die davon betroffen waren, gesprochen?
Dass in letzter Konsequenz auch die Friedhöfe der abgebaggerten Ortschaften mit umziehen, war mir während meiner Arbeit nicht bewusst, bis ich immer öfter auf Gräbern kleine Holztafeln fand, auf denen ein Datum notiert war. Ich bin dann an einem dieser genannten Tage zu dem betreffenden Friedhof gefahren und fand eine sehr gespenstische Szenerie vor: Der ganze Friedhof war mit weißen Sichtplanen an Bauzäunen blickdicht gemacht, vor dem Friedhof stand eine Reihe von Leichenwagen und auf dem Friedhof arbeiteten Männer mit Atemmasken und in weißen Schutzanzügen. Vor einigen Gräbern standen kleine sogenannte Umbettungssärge für die Überreste der Verstorbenen. Kaum hatte ich den Friedhof betreten und das erste Foto gemacht, wurde ich schon wieder aufgefordert zu gehen … Ich habe mich dann um eine Genehmigung zum Fotografieren bemüht, leider erfolglos.

Dass auch Tote noch heimatlos werden können, war und ist für mich der absurde Schlusspunkt einer beispiellosen Vertreibung im Namen des Fortschritts. Auch wenn die betroffenen Bewohner mit Geld entschädigt werden – meine Fotografien zeigen, was man für Geld nicht kaufen kann.

johannestwielemeier.de

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