Richterich kocht: Integration geht durch den Magen


Wie kann Integration funktionieren? Das ist nicht nur auf politischer Ebene ein immer wieder heiß diskutiertes Thema. Im Stadtteil Richterich gehtʼs jeden zweiten Donnerstag ebenfalls heiß her, denn hier begegnen sich die verschiedenen Kulturen zwischen Töpfen, Tellern und Pfannen. Beim Projekt „Richterich kocht“ treffen sich Jugendliche und junge Erwachsene ganz unverbindlich und ohne den Anspruch, die Integrationsdebatte zu lösen, zum gemeinsamen Kochen. Und das ist gut so. Denn Integration bedeutet neben der Herausforderung eben auch einfach Spaß und Genuss.

Der aus Kamerun stammende Cedric A. Nzokou ist beruflich im Stadtteil Richterich zuständig für die Flüchtlingsintegration. Der aufgeschlossene Afrikaner hegt schon länger die Vision, Jugendliche aus Richterich und Umgebung zusammenzubringen und gemeinsam in einer unkomplizierten Atmosphäre zu kochen und sich gegenseitig kennenzulernen. Denn als er in dem Übergangswohnheim auf der Roermonder Straße, wo circa 100 geflüchtete Menschen leben, mit den Bewohnern kochte, erlebte er, wie schön die familiäre Stimmung beim gemeinsamen Essen ist. Zusammen mit Heinrich Koehne von der Initiative „WiR – Willkommen in Richterich“, die sich größtenteils ehrenamtlich für geflüchtete Menschen engagiert, wird kurz darauf nach einem geeigneten Partner gesucht, um die Begegnung am Herd zu realisieren. Die beiden Männer landen mit der Idee beim CUBE, dem offenen Kinder- und Jugendzentrum im Stadtteil. Gemeinsam mit dem Leiter und den beiden Praktikantinnen der Katholischen Hochschule, Jasmin Beerbaum und Hanna Kallas, entwickeln sie bei einem konspirativen Treffen die grobe Idee zu einem realistischen Projekt. „Der Ort eignet sich nicht nur wegen der Kochmöglichkeiten besonders gut, viele geflüchtete Menschen kennen das CUBE bereits von dem Begegnungscafé, das seit 2015 besteht“, so Jasmin. Ein Küche und dazu ein passendes Team für „Richterich kocht“ sind also gefunden, aber es geht noch weiter mit den glücklichen Zufällen: Cedric A. Nzokou trifft im Bus zufällig auf den aus dem Libanon stammenden Rawad Akl, der den allseits beliebten, libanesischen Imbiss in der Pontstraße betreibt. Akl, der selbst in Richterich wohnt, engagiert sich immer gerne und viel für Geflüchtete und sagte noch während der Fahrt zu, das Projekt zu unterstützen. Er selbst kam im Jahr 2000 nach Deutschland und fühlte sich anfangs sehr einsam und isoliert. Aufgrund der Sprachbarriere hielt er sich nach seiner Ankunft in dem fremden Land erst einmal lieber in arabischer Gesellschaft auf. Als er begann, in der Gastronomie zu arbeiten, änderte sich das. Fremdes verwandelte sich langsam in Bekanntes und dann in Alltägliches. „Das Wichtigste bei meiner Integration waren und bleiben die Menschen, ohne die ich fast alle meine Erfahrungen nicht hätte machen können“, so Akl. Heute genieße er als Restaurantbesitzer immer noch die vielen Begegnungen. Das möchte er gerne den Menschen, die nach Deutschland kommen, mitgeben und erklärt: „In den meisten Kulturen wird zusammen gekocht und gegessen, wir möchten, dass es sich ein bisschen so anfühlt wie zu Hause. Das hilft für das tägliche Leben. Mir hat das damals gefehlt.“

Im Oktober letzten Jahres ist es dann endlich so weit, das Projekt „Richterich kocht“ zündet im Jugendzentrum CUBE zum ersten Mal die Herdplatten zum gemeinsamen Kochen an. Das Angebot richtet sich größtenteils an Jugendliche und junge Erwachsene, es sind aber auch alle anderen willkommen, die gerne dabei sind.

Heute hat sich das kulturübergreifende Projekt, das an jedem zweiten Donnerstag im Monat stattfindet, bereits etabliert. Rawad Akl plant, was gekocht wird, und übernimmt die Leitung in der Küche. Wer kommt, der kommt und macht mit oder ist einfach dabei und freut sich auf das leckere Essen.

Rawad ist ein Profi in der Küche, das ist sofort daran zu erkennen, wie er seine zahlreichen Helfer delegiert. Trotz der großen Mengen, die hier in kurzer Zeit zubereitet werden, ist die Stimmung in der Küche gelassen und gesellig. Neben den jungen Flüchtlingen sind auch ein paar Jugendliche der Heinrich-Heine-Schule gekommen und packen mit an. Auberginen werden ausgehöhlt und befüllt, Berge von Gemüse gewaschen und geschnitten, Reis wird gekocht und Fleisch angebraten. Vier verschiedene Gerichte werden an mehreren Stationen in der Küche zubereitet. Rawad scheint überall gleichzeitig zu sein, gibt Anweisungen und Hilfestellung in mehreren Sprachen. Zwischendurch nimmt er seine kleine Tochter auf den Arm, die nicht erwarten kann, dass das Essen endlich fertig wird.

In dem großen Aufenthaltsraum neben der Küche spielen ein paar Jungs Billard, am Rand stehen auch Mädels und unterhalten sich. Sowohl Cedric A. Nzokou als auch die engagierten Praktikantinnen gehen auffällig locker und herzlich mit den geflüchteten Menschen um. Die Atmosphäre ist sehr entspannt – man kennt sich.

Langsam füllt sich der Raum. Zwischen den vielen Beinen spielen zwei kleine Mädchen mit einem ägyptischen Geflüchteten Verstecken. In der Sofaecke sitzen ein paar Jugendliche und wischen über ihre Handys.

In der Küche liegt Rawad mit seinem bunten Kochteam in den letzten Zügen mit der Zubereitung der Gerichte. Die CUBE-Mitarbeiter bauen eine lange Tafel aus Biertischen durch den ganzen Raum. Auch der Billardtisch muss weichen und wird praktisch zum Buffet umgebaut. Schon werden Teller und Besteck gebracht und dann steht innerhalb kurzer Zeit dort, wo eben noch gespielt wurde, ein üppiges orientalisches Buffet. Sofort entwickelt sich eine meterlange Schlange.

Das Essen schmeckt fantastisch und es entstehen rege Unterhaltungen. Der sympathische CUBE-Mitarbeiter David Schieren erklärt, das Motto der öffentlichen Kinder- und Jugendarbeit sei „jeder kann, keiner muss“. „Genauso ist es hier – alle sind geladen, wir freuen uns, wenn sie kommen und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.“
Cedric ergänzt noch: „Es ist tatsächlich nicht einfach, in Deutschland auf der Straße jemanden kennenzulernen. Und wir reden hier von Menschen mit Fluchthintergrund, was bedeutet, dass es an sich schon um eine sehr schwierige Situation geht. Die Neuankömmlinge haben vor allem mit den Behörden zu tun. Aber die Mechanismen, die Integration möglich machen, verlaufen im Grunde immer ähnlich, so Nzokou: „Egal, wie und warum Menschen ihr Land verlassen haben. Sie beruhen auf einfachen menschlichen Regeln: Fühlt man sich in einem Haus willkommen, will man seinen Nachbarn oder seine Nachbarin besser kennenlernen. Gelingt es, sich mit ihr oder ihm anzufreunden, lernt man die Sprache, um kommunizieren zu können.“ Hanna Kallas fügt hinzu: „Es geht so oft um Einsamkeit und Isolation, wenn man in ein fremdes Land kommt. Wenn man hier zu uns kommt, braucht man kein perfektes Deutsch. Es geht einfach um gemeinsames Lachen und darum, dass jeder hier so akzeptiert wird, wie er ist. Hier muss sich niemand verstellen.“
Nach dem Essen bleiben einige noch lange sitzen und unterhalten sich, andere helfen beim Aufräumen. Auch hierbei ist das Motto: Jeder kann, keiner muss.

Text & Fotos: Andrea Claessen

Richterich kocht
Termine: jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 17:30 Uhr im Kinder- und Jugendzentrum CUBE, Grünenthaler Straße 25c in Aachen-Richterich, cube-aachen.de
Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung wird aber gebeten: Cedric A. Nzokou, 0241 432-56315 oder cedric.nzokou-takam@mail.aachen.de

Infos zur Initiative WiR – Willkommen in Richterich: st-martinus-ac.de
AKL Orient: akl-orient.de

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