Jochen Imhof könnte sich so viele Meisterinstrumente bauen, wie er will. Tut er aber nicht. Er baut sie lieber für andere.

Die Werkstatt von Jochen Imhof ist ein Traum. Jeder oder jede, der/die eine Affinität zum Handwerk und zum Werkstoff Holz hat, geht beim Betreten der Räumlichkeiten in der Bergischen Gasse erst mal innerlich auf die Knie. Der Geruch von Sägemehl, die Ansammlung von Schablonen, Werkzeugen und Maschinen, die fertigen und halbfertigen Instrumente und das obligatorische, leise vor sich hindudelnde Werkstattradio: All das ist anbetungswürdig authentisch. Hier entstehen sie, die gut klingenden, wertigen und schönen Zupfinstrumente von SIGN Guitars – und das natürlich in Handarbeit.

Jochen Imhof, Inhaber von SIGN Guitars, feiert in diesem Jahr ein inoffizielles Jubiläum. Vor 30 Jahren geriet er, mehr zufällig als beabsichtigt, zum Instrumentenbau. Mittlerweile gilt er als Doyen im Bereich E-Gitarrenbau und als Experte für Reparaturen von Saiteninstrumenten. Verschiedentlich publiziert er zu diesen Themen auch in Magazinen wie Gitarre&Bass. Seine Instrumente und seine Expertisen sind europaweit gefragt. Bescheiden ist er dennoch geblieben. Vielleicht, weil er nicht nur Gitarrenbauer aus Überzeugung, sondern auch immer noch Musiker aus Leidenschaft ist. Eine nicht unwichtige Voraussetzung, um die Bedürfnisse seiner Klientel zu kennen und die Beziehung zu ihren Eierschneidern zu verstehen. Die scherzhafte Bezeichnung bezieht sich auf eher minderwertige Instrumente. Aber auch die kann man ja liebhaben. Mich hat vor allem interessiert, wie Imhof den Beruf des Instrumentenmachers sieht und was eigentlich die Qualität einer sogenannten Custom-built-Gitarre im Allgemeinen und die der Modelle von SIGN Guitars im Speziellen ausmacht.

Gitarrenbauer: Ein Traumjob?

Du bist Musiker und handwerklich nicht unbegabt? Du hältst dich für den legitimen Nachfolger von Leo Fender und bist im Besitz eines stabilen Küchentischs und einer Stichsäge? Dann steht deiner Karriere als Gitarrenbauer nichts mehr im Wege, außer vielleicht der Tatsache, dass die Welt NICHT auf dich gewartet hat. Ich will niemand entmutigen, aber selbsternannte „Instrumentenbauer“, die zwei Stücke Holz aneinanderleimen können, gibt es heute wie Sand am Meer, und im Laufe unseres Gesprächs kommen zwangsläufig auch die Schattenseiten der Selbständigkeit zur Sprache. Als Unternehmer muss der Handwerker administrative Aufgaben erledigen, sich um die Erwirtschaftung laufender Betriebskosten und die Anschaffung von Material und Maschinen kümmern, das komplette Marketing planen sowie nebenbei noch seine Altersvorsorge aufbauen. Wer das ausschließlich mit dem Verkauf eigener Kreationen schafft, gehört in Deutschland zu einer verschwindend kleinen Minderheit, zu der sich auch Jochen Imhof nicht zählen kann. Etwa fünfzig Prozent seiner Einnahmen generiert er aus Reparaturen und anderen Servicearbeiten. Eine vielsagende und für die allermeisten seiner Kollegen zutreffende Quote, die belegt, dass man vom Instrumentenbau alleine schwerlich existieren kann.

Jedem Instrument eine Chance

Ohne das, was man gemeinhin als Brot- und Butterjobs bezeichnet, geht es also nicht. Allerdings ist auch das Reparieren von Instrumenten ja keine unkreative, sondern mitunter sogar hochspezialisierte Tätigkeit, die, so Imhof, auch interessante Impulse für die eigenen Modelle liefern könne. Im Laufe von 30 Jahren hatte er alles mal in den Fingern, was unter Musikern Kultstatus genießt, und mittlerweile beeindruckten ihn Vintage-Instrumente im Wert eines Mittelklassewagens nur noch bedingt, sagt er. Da spricht der Routinier. Aber egal ob wertvoll oder nicht: Alles, was auf seinem „OP-Tisch“ landet, wird mit der gleichen Sorgfalt und Hingabe wieder gerichtet, instand gesetzt oder veredelt. Die Annahme, ein erschwingliches Instrument tauge nichts, sei grundfalsch, findet Jochen Imhof. Spielbar sollte es halt sein, damit sich der Aufwand – auch für den Besitzer – lohnt. Man braucht sich also keinesfalls zu schämen, wenn man mit einem Instrument aus der unteren Preiskategorie hier aufschlägt. Während man bei SIGN Guitars nur E-Gitarren und Bässe im Programm findet, gilt bei Reparaturen: Es wird alles geheilt, was Saiten hat – ob Gitarre, Bass, Ukulele oder indische Sarod.

 

Lass uns reden

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der Zeitaufwand, der bei SIGN Guitars für Beratungsleistungen aufgewendet wird. Reparaturen – seien es marginale Probleme wie mangelhafte Bundreinheit oder gravierende Fälle wie ein Halsbruch – sind meist einfach zu diagnostizieren und zu beheben. Kompliziert wird es erst, wenn man sich auch der Nöte und Sorgen der Musiker annehmen muss. Die Entscheidung für ein Instrument oder auch nur für eine Modifikation wird oft emotional getroffen, und nicht selten geht es um gefühlte Wahrheiten, die so vielfältig sind, wie es Menschen gibt, die Musik machen. „Manchmal komme ich mir vor wie ein Therapeut“, sagt Imhof, der auch schon mal einen halben Tag nur am Telefon hängt oder eine Stunde über einem Kaffee verquatscht, weil manch einer einfach mal reden muss. Wer keine Lust auf Kundenkontakt hat oder sich nicht darüber im Klaren ist, dass Gitarrenbau mindestens genauso viel mit handwerklichem Geschick wie mit Menschenkenntnis und Empathie zu tun hat, kommt in dem Beruf nicht weit.

Wenn mal gerade kein Kunde Beistand braucht, macht garantiert ein Zulieferer Schwierigkeiten oder das Finanzamt kommt spontan auf die Idee, sich zu melden. Manchmal könne man die Lust verlieren an Tagen, an denen man nicht zum Eigentlichen komme, beantwortet Imhof die Frage danach, ob er schon mal daran gedacht habe, aus dem Geschäft auszusteigen. Trotz des über Jahrzehnte stetig gewachsenen Kundenstamms und bester Referenzen hat ihn der Job bisher nicht gerade reich gemacht. Unterm Strich aber liebt er seinen Beruf viel zu sehr, um etwas anderes zu machen. Musik gemacht und an Instrumenten rumgefummelt hat er schon immer. Ursprünglich wollte er mal Objektdesign studieren. Als Gitarrenbauer kann er das alles verbinden. Insofern ist das für ihn tatsächlich ein Traumberuf.

Und nun zu etwas völlig anderem

Kommen wir nun endlich zur Kür, zum Sahnestückchen des Gitarrenbauerdaseins, zum Eigentlichen und Höchsten: dem Bau eigener Modelle und dem Bau individueller Instrumente im Kundenauftrag. Wie bereits erwähnt kommen aus Imhofs Werkstatt ausschließlich E-Gitarren. Wer auf klassische Fender-Äxte wie die Telecaster oder die Stratocaster steht, wird möglicherweise mit einer SIGN t-bone oder einer sixty7, die man im Showroom nebenan bewundern kann, schon glücklich. Imhof liebt den durchsetzungsfähigen Sound und den prägnanten, knackigen Ton der Fender-Modelle und hat sich davon inspirieren lassen. Neben Gitarren nach eigenen Entwürfen baut er in aller Regel aber das, was dem Kunden vorschwebt. Und ja: Auch astreine Kopien sämtlicher Klassiker liegen absolut im Bereich des Möglichen und werden des Öfteren nachgefragt.

Theoretisch geht alles, aber nicht alles macht Sinn

Fairerweise muss hier angemerkt werden, dass jeder Gitarrenbauer seine eigene Handschrift hat beziehungsweise seine Präferenzen. Imhof gehört eindeutig zur Fender-Fraktion. Wer sich etwas ganz anderes vorstellt und diesbezüglich auch keine Kompromisse eingehen möchte (was ja auch nicht Sinn der Sache ist), der ist möglicherweise bei einem anderen Gitarrenbauer besser aufgehoben. Anfragen kostet dennoch nichts.

Vorausgesetzt, man ist sich im Prinzip einig, empfiehlt sich als Erstes ein Blick auf die ellenlange Checkliste von SIGN Guitars, anhand derer genauestens festgelegt werden kann, wie das Wunschinstrument aussehen und klingen soll. Selbst wer klare Vorstellungen dazu hat, wird nicht bereuen, über das ein oder andere Detail noch einmal eingehend gesprochen zu haben. Wie pflegte mein Friseur, Gott hab ihn selig, immer so richtig zu sagen? „Dranschneiden können wir hinterher nix mehr.“ Spielraum für die individuelle Note bleibt in jedem Fall reichlich. Sollte bei der Stilberatung allerdings herauskommen, dass der Kunde eigentliche ein Banjo braucht, dann muss er sich leider anderweitig umsehen, ist aber zumindest schlauer als vorher. Auch auf der persönlichen Ebene sollte es zwischen Gitarrenbauer und Kunde/Musiker klicken. Dafür gibt es zwar keine Checkliste, aber Imhof hält diesen Aspekt für wesentlich. Schließlich ist ein Custom-Instrument eine Maßanfertigung. Es muss zum Musiker passen. Nicht nur zu seinem persönlichen Geschmack, sondern auch zu seinen körperlichen Voraussetzungen, seiner Spielweise, seinem Charakter – vielleicht auch zu seinen Macken. Da entsteht zwangsläufig eine Bindung, und wer den Instrumentenmacher nicht mag, mag höchstwahrscheinlich auch das Instrument nicht.

Why, oh why? Und was kostet mich der Spaß?

Der wichtigste Grund für eine individuelle Anfertigung ist, dass man hinterher ein Einzelstück besitzt, das es so kein zweites Mal auf der Welt gibt. Vom verwendeten Holz über die Hardware bis zum Lack kann alles berücksichtigt werden. Im Idealfall bildet das Instrument genau das ab, was man von seiner Traumgitarre erwartet, und spielt sich praktisch wie von alleine. Und fertig ist es erst, wenn man zufrieden ist! Das hat zwar seinen Preis, es mag aber überraschen, dass man nicht unbedingt mehr ausgeben muss als für ein Modell aus dem Custom-Shop von Gibson oder Fender. 2,5k bis 3,5k sind bei den bekannten Marken üblich. Auf die Spezifikationen hat man bei denen allerdings wenig Einfluss. Entweder findet man daher bei einem Händler zufällig ein Instrument, das einen anspringt, oder man bestellt blind und kann dann nur noch darauf hoffen, dass man beim Unboxing keine Enttäuschung erlebt. Wer eines der Standardmodelle der genannten Hersteller von der Stange kauft, ist aktuell mit 1,5k für eine American Strat und 1,8k für eine Gibson Les Paul dabei. Industrieware, die, wenn man Pech hat, erst mal zum Gitarrenbauer muss, um vernünftig eingestellt zu werden. Ausstattung und Verarbeitung sind, nun ja, meist Standard. Und die Gitarren sehen zwar gleich aus, „spielen“ aber unterschiedlicher, als man meint. Meiner persönlichen Erfahrung nach sucht man unter Umständen Monate nach einer wirklich gut spielenden Strat oder Tele. Wenn man die gleiche Geduld bei der Bestellung einer Custom-Gitarre von SIGN aufbringt, kann man sicher sein, dass die am Ende dann auch passt. Die Produktionszeit beträgt je nach Komplexität und Auftragslage etwa drei bis fünf Monate.

Es bleibt festzuhalten, dass die SIGN-Gitarren eher konservativ und traditionell daherkommen. Sie repräsentieren die in der analogen Welt wurzelnde, ebenso puristische wie pragmatische Haltung ihres Schöpfers und verbinden bewährte Prinzipien mit zeitgemäßer Hardware. Und sie bleiben trotz aller Finesse und bodenständiger Handwerkskunst letztlich doch Rock-ʼnʼ-Roll-Maschinen. Tradition und Eigensinnigkeit. Kein Widerspruch.
Unbedingt erwähnenswert ist, dass man an einer SIGN niemals koreanische Stimmwirbel, chinesische Schalter oder andere Teile zweifelhafter Provenienz finden wird. Imhof verbaut, wenn immer möglich, Qualitätsprodukte aus inländischer Produktion.
Häussel-Tonabnehmer aus dem süddeutschen Burladingen gehören beispielsweise dazu. Während man noch bis vor kurzem den Eindruck hatte, dass US-amerikanische Produkte den Markt dominieren, ziehen inzwischen lokale Hersteller, gerade im Custom-Bereich, stark nach. Die momentane politische Großwetterlage mag ihren Teil dazu beitragen, dass die Euphorie über die Produkte aus dem Mutterland des Rock ʼnʼ Roll etwas abgeklungen ist.

Zu guter Letzt …

… noch einmal zurück zum Jubiläum. So richtig selbständig, mit eigener Werkstatt und allem, machte sich Jochen Imhof zwar erst 1996, aber die Initialzündung geht bis ins besagte Jahr 1988 zurück, als aus dem, was lediglich als Praktikum für das geplante Designstudium gedacht war, eine Festanstellung bei dem Aachener Bassbauer-Trio esh wurde. Von esh führte der Weg über die Beschäftigung bei einem anderen Aachener Gitarrenbauer und ein dreijähriges Intermezzo in der Reparaturabteilung eines Kölner Musikgeschäfts zur Selbständigkeit. Die irgendwann von der Handwerkskammer eingeforderte Prüfung zum Zupfinstrumentenmachergesellen wurde 2000 dank bereits erworbener Berufserfahrung ohne Besuch der Berufsschule absolviert. Spaßfakt am Rande: Es war das erste Mal in der Geschichte der Innung, dass eine E-Gitarre als Gesellenstück anerkannt wurde! Das Führen eines Betriebes ohne Meisterprüfung wurde erst nach einem Ablasshandel vom Regierungspräsidenten genehmigt. Das hingegen war vermutlich damals gängige Praxis.

Der Meisterzwang besteht seit 2003 für dieses Gewerbe nicht mehr. Ein Gesellenbrief reicht heute also vollkommen aus. Wer jetzt spontan loslegen will, sollte sich kurz entspannen, sich nochmal die Absätze drei bis fünf durchlesen und sich dann vielleicht irgendwo um einen Praktikumsplatz oder ein Lehrstelle bemühen. Leider steht weder das eine noch das andere bei SIGN Guitars zur Verfügung. Der Meister arbeitet bevorzugt selbst und ständig.
Text & Fotos: Eckhard Heck

SIGN Guitars, Jochen Imhof
Bergische Gasse 11, 52066 Aachen
sign-guitars.de
Öffnungszeiten: Mo-Do, 15:00-18:00 Uhr, Fr, 10:00-13:00 Uhr und 15:00-18:00 Uhr, sowie nach Vereinbarung

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