Gekaufte Freiheit – Interview mit Dr. Heinz Günther Hüsch


Dr. Heinz Günther Hüsch, Rechtsanwalt und früherer Landtags- und Bundestagsabgeordneter, war von 1968 bis 1989 zuständig für die sogenannte „Geheimsache Kanal“, eine Chiffre für den Freikauf von Rumäniendeutschen. Wir haben Herrn Hüsch im Februar in Neuss besucht und mit ihm gesprochen. Der begleitende Artikel zum Interview findet sich hier.

Wie kam es, dass Sie vor genau 50 Jahren, also 1968, im Alter von 38 Jahren als Landtagsabgeordneter der CDU für die „Geheimsache Kanal“ ausgewählt wurden, um durch Verhandlungen mit Rumänien die „Rückführung“ von 226.000 Deutschen für das Bundesministerium für Vertriebene und Flüchtlinge zu bewirken?
Im Jahr 1966 gab es eine CDU/FDP-Regierung und ich war Minister Lemmer aufgefallen, weil ich frech und gegen die Mehrheit war. Er saß im Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte und nahm mich 1967 auf die Seite und erzählte von Problemen der Deutschen in Rumänien. Rumänien zeigte den Willen, sich mit dem Thema Familienzusammenführung zu befassen. Wir wussten damals noch wenig über die Menschen dort. Um wen ging es? Möglicherweise um Kriminelle? Mit wem sollten wir verhandeln? Er fragte mich – ich war ja Anwalt –, ob ich helfen will, es könne ja auch politisch ein Problem geben und ich müsse bereit sein, das Risiko einzugehen, und Verschwiegenheit garantieren, gerade auch im Falle des politischen Scheiterns.

Haben Sie sofort zugestimmt? Konnten Sie sich ein Bild von der Lage der deutschen Minderheiten in Rumänien machen?
Ich habe zehn Minuten überlegt und dann zugestimmt. Ich hatte damals als Anwalt bisher erst einmal mit Rumänien zu tun gehabt. Ich vertrat jemanden, der Toilettenpapier nach Rumänien importierte.
Bisher hatte Rechtsanwalt Garlepp versucht, Deutsche aus Rumänien freizukaufen. Es hatte in Einzelfällen gegen die Zahlung von hohen Summen von etwa 40.000 Mark funktioniert, die deutsche Industrielle privat bezahlten. Aber das wollten wir beenden. Wir wollten Gerechtigkeit für jedermann, nicht nur für Reiche, die Geld haben.
Rumänien verlangte bei meinem ersten Treffen, dass wir 400.000 Mark ohne Quittung liefern müssten, um in die Verhandlungen einzusteigen. Ich hatte den Eindruck, mit einflussreichen Gesprächspartnern zu verhandeln. Am Flughafen einigten wir uns auf 200.000 Mark für den Einstieg. Ich empfahl also, das Risiko einzugehen und in die Verhandlungen einzusteigen.
Die Menschen, um die es ging, lernte ich vor Ort nicht kennen. Ich wusste zuerst wenig. Das Hotel in Bukarest habe ich so gut wie nicht verlassen. Ich sah aber, dass das Land sehr arm war und Bettler vor dem Hotel die weggeworfenen Zigarettenkippen der Hotelgäste sammelten.
Als Bundestagsabgeordneter hatte ich dann natürlich die Informationen, wie es den Menschen vor Ort ging, ohne sie persönlich zu treffen.

Warum hieß es „Geheimsache Kanal“?
Das war ein Deckname. Ich hieß in Rumänien Eduard (wie ich später erfuhr). Alle arbeiteten mit Decknamen. Bei „Geheimsache Kanal“ haben wir uns nichts Besonderes gedacht. Durch einen Kanal leitet man etwas.

Warum war es Ihnen wichtig, dass 20 Jahre nach Beendigung des Projekts und dem Sturz des Regimes die Geheimhaltung aufgehoben wird? Warum haben Sie Schäuble 2009 nach 20 Jahren um die Aufhebung der Geheimhaltung gebeten? Was ging Ihnen seit dem Ende der Verhandlungen 1989 zu diesem Thema durch den Kopf?
Ein Archiv öffnet sich nach 30 Jahren, bei Geheimsachen vielleicht nie. Selbst engste Freunde von mir wussten nichts. 2008 gab es ein Treffen mit Genscher und Teltschik zum Thema Rumäniendeutsche, dort fiel mein Name und die Presse schnappte es auf. Viel Unsinn kam in Umlauf. Da bat ich Schäuble, dass die Geheimhaltung aufgelöst werden kann. Nachdem die Akten ein Jahr lang gesichtet wurden, bekam ich 2009 seine Freigabe.
Für mich war das Thema 1989 an sich abgeschlossen. Ich hatte 1988 noch einen Vertrag mit Rumänien erwirkt über die Freilassung von 40.000 Menschen in fünf Jahren. Der sollte bis 1993 erfüllt werden, aber es kam nach der Revolution und dem Tod Ceaușescus ja anders (es gab noch ca. 180.000 Ausreisewillige, davon verließen 130.000 innerhalb weniger Wochen fluchtartig in Panik das Land). Ich schrieb also 1998 meinen 1.800 Seiten langen Bericht – diese fünf Ordner hier; insgesamt gab es 65 Ordner (der Großteil lagerte in meiner Kanzlei im Panzerschrank) – und gab diese ab. Für mich war es damit zu dem Zeitpunkt eigentlich abgeschlossen.
2009 wurde alles wiederbelebt.

Sie waren in den 22 Jahren der Operation bei rund 313 offiziellen Treffen und rund 1.000 inoffiziellen Treffen, haben das Geld organisiert und auch Sonderleistungen wie Autos etc. besorgt. Darüber hinaus haben Sie tausende Seiten von Protokollen erstellt. Das hat bestimmt sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Wie konnten Sie vor Ihrem Umfeld – in Ihrer Kanzlei, als Landtagsabgeordneter und später ab 1976 als Bundestagsabgeordneter – so lange geheim halten, was vor sich ging? Wer wusste davon?
Wenige. Ich kann es nicht sagen. Die Geheimhaltung war nicht schwer. Es war normal, dass ich viel unterwegs war, auch in Uganda und anderen Ländern. Ich hatte zwei Diplomatenpässe. Das war eine Frage der Organisation. Ich hatte Hilfe von ein paar Frauen. Meinen Sekretärinnen, meiner Schwester, die die Protokolle schrieb, und meiner Frau, die sich zu Hause um die Familie kümmerte. Überall tüchtige Frauen, die das organisiert haben.

Sie haben mit der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, verhandelt. Hatten Sie keine Angst? Ich habe gelesen, dass Sie eine Waffe bei sich getragen haben. Sie ließen sich von Ihren Söhnen oder Ihrem Schwiegersohn begleiten. Warum das? Wieso war das besser, als das Bundeskriminalamt oder die GSG 9 (was überlegt wurde) mit einzubeziehen?
Ich hatte keine Angst. Dazu muss man mehrere Dinge wissen. Im Krieg lernt man, mit Gefahren umzugehen. Nachdem ich als 15-Jähriger nach einem halben Jahr aus dem Krieg zurückkehrte, war ich verändert. Das hat mir später auch geholfen. In Zeiten der Gefahr bin ich sehr cool. Erst nachher rege ich mich auf und brauche Erholung.
Das hat mir auch im Umgang mit der Securitate geholfen. Ich wurde angeschrien, sie schlugen mit Fäusten auf den Tisch, aber ich blieb cool – einem Rheinländer tut man nichts. Kennen Sie den Spruch: „Was tut das dem Kölner Dom, wenn ein Hund dran pinkelt?“
Es gab oft Auseinandersetzungen, für wie viele Ausgereiste wir bezahlen müssen. Wir bezahlten nur für die, die in Nürnberg registriert wurden. Und es gab immer Differenzen. Manche setzten sich direkt ab, manche waren keine Deutschen und sollten eingeschleust werden, andere waren verschwunden oder reisten doppelt ein. Eine kleine Differenz gab es immer. Unter anderem darüber stritten wir. Die längste Verhandlung dauerte 14 Stunden.
Ja, ich hatte eine Waffe. Eine PPK – die James-Bond-Waffe. In Deutschland war ich bewaffnet, nicht in Rumänien, dort ging das nicht. Aber Sie müssen sich vorstellen: Ich hatte ja die Millionen in der Kanzlei. In eine Aktentasche passen 6 bis 7 Millionen. Das meiste, was ich transportiert habe, waren einmal 24 Millionen, in größeren Aktenkoffern. Das Geld wurde nicht in Rumänien übergeben. Es sollte ja im Westen bleiben. Was hätten die Rumänen in Rumänien davon kaufen können?
Meine Söhne oder mein Schwiegersohn begleiteten mich zu den Verhandlungen nach Rumänien. Es gab dort viele Versuche, mich zu kompromittieren. Mit Falschgeld, mit Prostituierten. Meine Begleiter sollten mit aufpassen, dass nichts geschieht. Das waren toughe Jungs um die 20, 22. Sie hatten mein volles Vertrauen.

Was hat Ihre Frau dazu gesagt? Hatte sie keine Angst?
Ihre ganze Familie war involviert, wie konnten Sie sicher sein, dass alle so lange schweigen können? Haben Sie in der Familie oft über das Thema gesprochen?
Meine Frau hat sich Sorgen gemacht. Eine tapfere Frau. Wir waren eine Überzeugungsgemeinschaft. Meine Frau war warmherzig, gutmütig und großmütig. Und alle fünf Kinder haben die Sache mit Überzeugung mitgetragen. Dabei haben sie einiges mitbekommen.
Mindestens zweimal hatten wir sogar die Securitate im Haus. Einmal hatte ich Jagdgewehre für Ceaușescu besorgt, alles Bedingungen für den Freikauf. Sie sollten in Paris übergeben werden. Aber der Mittelsmann strandete in Köln. Ich holte ihn ab und brachte ihn bei uns unter. In unserem hauseigenen Schwimmbad hat er meinem Sohn Schmetterlingsschwimmen beigebracht. Das war ja ein junger Mann, Anfang 30, jünger als ich. Mein Sohn war damals vielleicht acht oder zehn.
Ein andermal klingelte es morgens um 7:30 Uhr an unserer Tür. Wieder die Rumänen. Meine Frau machte erstmal Kaffee. Ein rumänischer Spion war in Deutschland verhaftet worden. Sie müssen sich vorstellen: Die Securitate war ja überall. Sie haben ja auch ihre Leute mit den Flüchtlingen eingeschleust. Sie haben auch hier Anschläge verübt.
Manche Menschen sprechen immer noch nicht gerne über die Zeit, weil sie immer noch Angst haben. Jedenfalls sollte ich den Spion befreien. Wir haben dann eine Vereinbarung getroffen und ich konnte ihn wenige Wochen später gegen 200 Härtefälle einlösen, die man dafür nach Deutschland ließ. Härtefälle waren zum Beispiel schwer kranke Menschen oder Kinder, die von ihren Eltern bei den Großeltern zurückgelassen wurden und wo die Großeltern dann verstorben waren und die Kinder alleine zurückblieben.

Haben Sie über die Menschen nachgedacht, die Sie „befreit“ haben?
Ich kannte niemanden. Zu der Zeit durfte und wollte ich nicht bekannt sein. Natürlich habe ich über die Menschen nachgedacht. Es war selbstverständlich, sie in die Freiheit zu holen und humanitäre Hilfe für die Verbliebenen in Rumänien zu leisten.

Was sagen Sie zu den verschiedenen Preiskategorien, unter denen der Wert der Menschen zusammengefasst wurde, bevor es Kopfgeldpauschalen gab? Kann man den „Wert“ eines Menschen mit so einer Summe bemessen? Ich war zum Beispiel ein Kind und finde, dass ich ziemlich billig und wenig wert war, gerade mal 1.700 Mark.
(Hüsch schüttelt den Kopf.) „Kopfbeträge“ sagten wir nicht. Wir wollen es anders nennen: Wir haben ja nicht SIE gekauft, sondern die Reiseerlaubnis für Sie. Den Weg in die Freiheit. Nein, das mit den Kategorien ist nicht angemessen, wir wollten auch Pauschalen erreichen.

Wann haben Sie Kontakt zu Menschen bekommen, die Sie freigekauft haben? Wie viele „Geschichten“ haben Sie gesammelt? Was haben die Menschen Ihnen erzählt?
Bei einem Heimattag wo ich war, waren 4.000 oder 5.000 Banater Schwaben. Viele haben mir die Hand gedrückt, viele haben geweint oder hatten Tränen in den Augen.
Viele melden sich bei mir, rufen an, schreiben mir. Vielleicht 100 bis 200. Und ich kann ihnen sagen: Sie sind nicht alleine. Viele erzählen die gleichen Dinge wie Sie. Ich höre das (…) immer wieder. Und ich höre es bei den Flüchtlingen heute.

Was bedeutet Ihnen der Kontakt?
Wenn ich bei Veranstaltungen Menschen mit Tränen in den Augen treffe, das berührt mich sehr.
Auch, etwas Positives zu hören. Als Anwalt ist man auch das Gegenteil gewohnt. Man ist gewohnt, immer jemanden gegen sich zu haben.

Sie haben sehr viel geleistet in Ihrem Leben. Ist die „Geheimsache Kanal“ Ihr Lebenswerk?
Es ist ein wichtiger Aspekt, aber bei weitem nicht alles.

Was sagt Ihr Umfeld heute dazu? Warum finden Sie es wichtig, auch heute noch über dieses Thema zu sprechen? Sie sind immer noch bei Veranstaltungen aktiv, geben Interviews, laden Menschen zu sich ein. Mit 88 könnten Sie auch sagen, Sie wollen Ihre Ruhe haben.
Ich mache das, weil es meine Ideologie und Überzeugung ist. Ich kann mich dem nicht entziehen und ich mache alles ehrenamtlich.

Waren Sie noch einmal in Rumänien?
Ja, kurz nach der Wende. Wir wollten sehen, was aus unseren Verhandlungspartnern geworden ist, den Dolmetschern und Verhandlungsführern. Einer saß im Gefängnis. Wir wollten helfen. Wir wissen nicht, ob es funktioniert hat.

Insgesamt wurde über eine Milliarde DM bezahlt, in den ersten Jahren bar ohne Quittung. Wie ließ sich das mit der Ordnungsliebe der Deutschen und dem Bundeshaushalt vereinbaren? Sie haben dem Innenministerium und dem Bundesrechnungshof gegenüber Rechenschaft darüber gegeben. Wie wurde das verbucht? Die 1000-Mark-Scheine kamen von der Commerzbank in Neuss, was wurde dort kommuniziert?
Das Geld war im Bundeshaushaltsplan enthalten unter dem Titel „Rückführung Deutsche aus dem Ausland“. Es geht um offizielles Geld, nicht um Schwarzgeld. Aber die Summen sind geheim. Das ging dann auf ein Treuhandkonto meiner Kanzlei. Nicht mal Steuerfahnder können da Einsicht erhalten. Ich kenne die Summen, um die es ging, aber sonst kaum jemand.

Es hat einen unglaublichen Zeitaufwand bedeutet, auch die ganzen Protokolle zu erstellen. Warum war Ihnen das wichtig? Hatten Sie die Unterlagen alle bei sich? Wo sind die Listen mit den Namen heute?
Die Protokolle hat meine Schwester getippt, nach meinen Vorgaben. Ich kann Steno und habe bei den Verhandlungen teilweise stenografiert. Wer auf die Listen für die Ausreise kam, war eine innerrumänische Regelung. Es waren immer nur Menschen, die Anträge gestellt haben, wir haben niemanden ermutigt auszureisen.
Listen aus Deutschland wurden nicht beachtet. Die Menschen schrieben ja an die Politiker und baten um Hilfe. Aber wir konnten nicht viel tun. Politiker wurden bei Staatsbesuchen freundlich empfangen, aber unsere Listen wurden nicht beachtet. Die Listen mit den Namen gibt es noch. Wahrscheinlich im Staatsarchiv in Koblenz und möglicherweise noch unter Geheimhaltung.

Der Fall meiner Eltern: Mein Vater war nach einer Besuchserlaubnis „illegal“ in Deutschland geblieben, meine Mutter wurde immer zur Securitate vorgeladen und man sagte ihr: Dein Mann kann durch Deutschland rennen und anschreiben, wen er will. Du wirst niemals von hier weggehen.
Sie haben sich dafür eingesetzt, dass Menschen, die „illegal“ nach Deutschland gekommen sind, nachträglich „legalisiert“ wurden, um auch ihren Familien eine Ausreise zu ermöglichen, was Ceaușescu vorher ausgeschlossen hatte. Wie haben Sie das erreicht?
Ja, das war meine Erfindung. Leute wandten sich verzweifelt an Genscher. Es mehrten sich Nachrichten, dass Ausreisegesuche abgelehnt wurden. Rumänien sagte: Das ist ein rechtswidriger Akt, ohne Erlaubnis auszureisen, also lassen wir uns nicht unter Zugzwang setzen, wir lassen die Familien nicht heraus. Ich fragte: Kann man das nicht lösen? Ich wollte es versuchen. Ich bot die nachträgliche Legalisierung an. Die Menschen mussten aus dem rumänischen Staatsverbund entlassen werden und nachträglich ausgezahlt werden. Der Vorschlag wurde akzeptiert.

Ist davon auszugehen, dass für die meisten Familien doppelt gezahlt wurde? Also in Rumänien noch einmal Bestechungsgelder, um auf die Listen zu kommen? Auch für uns wurden in Deutschland 15.000 DM gesammelt (7.000 pro Elternteil / 1.000 für mich = Kind). Die Geldübergabe ist aber in unserem Fall gescheitert und nicht wiederholt worden. War es so, dass doppelt bezahlt wurde?
Ja. Sehr früh und umfangreich war bekannt, dass Bestechungsgelder bezahlt werden. Das war organisiert, es wurde aber natürlich vonseiten der Securitate bestritten, dass es das gibt. In Deutschland gab es Stimmen, dass wir etwas dagegen tun müssen. Aber das war unmöglich. Wir konnten nicht die Verhandlungen gefährden. Viele Familien wurden übrigens auch von Sinti- und Roma-Banden hereingelegt und haben ihr Geld verloren. Und sehr viele haben bis heute Angst oder schämen sich, darüber zu sprechen.

Sie sprechen im Vorwort Ihres Buches „Wege in die Freiheit“ die zunehmende Eigensucht der deutschen Gesellschaft in den Jahren nach 1968 an und die fehlende Bereitschaft, von ihrem Wohlstand etwas abzugeben, auch nicht aus humanitären Gründen. Lieber wäre den Deutschen in Deutschland gewesen, die deutschen Minderheiten wären in Rumänien geblieben. Trotzdem wurde vonseiten der Regierung unter vier Kanzlern, die Sie erlebt haben (Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl), an dem Vorhaben festgehalten, den Deutschen die Freiheit zu ermöglichen. Wie beurteilen Sie die Entscheidung heute?
Für mich stand es außer Frage, dass wir die Menschen holen müssen und humanitäre Hilfe leisten für die, die dort bleiben. Es herrschten ja unglaubliche Bedingungen, die immer schlimmer wurden und sich nach 1987 noch einmal dramatisch zuspitzten.
Wissen Sie, ich war schon 1935 Messdiener und sehr katholisch. Wir waren mit Kardinal Frings befreundet. Ich war in der Hitlerjugend, aber ich ging nicht hin und wurde zu Jugendarrest verurteilt. Mit 15, 1944, wurde ich eingezogen und war ein halbes Jahr im Krieg an der Maas. Ich sollte später auf die andere Rheinseite, da wurde die Brücke zerstört und ich kam nicht zurück und beschloss, mich zu verstecken. Ich zog die Uniform aus und lief in kurzen Hosen weiter und versteckte mich, bis die Engländer kamen. Meine Freunde und ich hatten uns gesagt, wenn wir den Krieg überstehen, muss es danach anders werden. Das war der Grundstein.
Ich war immer schon sehr demokratisch eingestellt und engagierte mich nach dem Krieg politisch. Mit 16 habe ich die CDU in Neuss mitgegründet, obwohl ich eigentlich zu jung war, aber man ließ mich mitmachen. Für mich stand außer Frage, dass wir tun müssen, was wir tun. Unabhängig davon, dass es ein Auftrag war, war das auch meine innere Überzeugung.

Heute steht Deutschland vor ganz anderen Herausforderungen. Was sagen Sie zum topaktuellen Thema Flüchtlinge und Familienzusammenführung?
Das ist ein anderes Thema. Wir sprechen beim Freikauf über Deusche, die aus politischen Gründen nach Deutschland geholt werden mussten. Aber: Ich stehe auf Merkels Seite und für Barmherzigkeit. Und ich bin gegen die Mehrheit.

Welche Mehrheit meinen Sie jetzt?
Die, die sagt, es dürfe niemand mehr kommen. Ich bin für die strikte Ausweisung derer, die sich nicht benehmen können, aber sonst bin ich der Meinung, dass unser Volk noch einiges leisten kann.

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