Der große Kiosk-Report Nummer 2: Kennedy Kiosk


Seit 2003 betreibt Erdal Kazak seinen Kiosk mitten in der Aachener Innenstadt, an der Peterstraße. In den letzten zwei Jahren ist Kazak immer wieder ins Rampenlicht gerückt, da er sich weigert, das neue Ladenschlussgesetz zu akzeptieren, das die Stadt Aachen plötzlich vehement durchsetzen will. Dabei geht es darum, dass Kioske samstags um 22 Uhr schließen müssen und auch an Sonn- und Feiertagen geschlossen bleiben müssen – was den Kioskgedanken an sich, nämlich dann verfügbar zu sein, wenn andere zu haben, ad absurdum führt. Im Dezember hat Erdal Kazak seine Klage gegen die Stadt verloren und muss 8.000 Euro Strafe bezahlen. Aufgeben will er trotzdem nicht. Wir haben ihn besucht und mit ihm über seine Arbeit und sein Viertel gesprochen.

Fangen wir mit was Einfachem an: Was verkaufst du am meisten?
Bier.

Hat sich dein Sortiment verändert?
Nein. Es bleibt gleich. Ich habe den Standard, Haushaltswaren und Lebensmittel.

Was würdest du gerne noch anbieten?
Lotto, da warte ich seit Jahren drauf, aber ich bin 25 Meter zu nah am nächsten Lottogeschäft.

Was ist das günstigste Produkt und was ist das teuerste?
Bei den Getränken Capri-Sonne für 50 Cent und Champagner für 150 Euro.

150 Euro?! Wer bezahlt das denn? Leute, die sich spontan verloben?
(lacht) Nee, Prostituierte aus der Antoniusstraße. Die kaufen bei mir ein.

Wer kauft noch bei dir ein? Ist es morgens anders als abends?
Morgens Beamte, abends die Penner vom Kaiserplatz. Ich kenne alle. Taschendiebe, Zuhälter, Penner und Leute aus dem Alexianer kommen auch nachts zu mir.

Was sagst du zu der Situation, dass ihr samstags um 22 Uhr schließen müsst und auch sonntags nicht öffnen dürft?
Wir denken, dass die Stadt Hartz-IV-Empfänger produzieren will. Unser Geschäft lohnt sich dann nicht mehr. Unser Umsatz ist sowieso schon um 50 % zurückgegangen, seit der Netto und der REWE bis 24 Uhr öffnen dürfen und die Tankstellen alles verkaufen.
Als wir aufgemacht haben, waren wir sehr beliebt. Alle waren froh, dass wir diesen Service anbieten. Jetzt würde das Ordnungsamt uns am liebsten schließen. Das ist übrigens nur in Aachen so. Jede Stadt kann für sich selber auslegen, wie sie das handhabt. Sonst ist das nirgends so, nicht im Ruhrpott, aber auch nicht in Stolberg oder Würselen oder Eschweiler.

Denkst du daran zuzumachen?
Das sage ich ja: Was soll ich dann machen? Ich habe einen Sonderschulabschluss. Da kann ich nicht mal bei Zentis anfangen. Die Stadt will Penner produzieren. Wenn ich zumache, kann ich auch keine Steuern mehr bezahlen.

Und sonst? Wie läuft es hier in der Peterstraße? Was ist typisch an dieser Ecke und hat sich in den letzten Jahren etwas verändert?
Ja, es hat sich sehr verändert. Gerade in den letzten zwei, drei Jahren. Früher waren wir gut besucht vom deutschen Volk. Aber das hat sich geändert. Jetzt sind hier nur noch Asylanten und Hartz-IV-Empfänger, abends kommen so gut wie keine deutschen Kunden mehr. Vor der Tür haben wir jeden Tag die Polizei, jeden Tag Prügeleien, auch Messerstechereien und Bandenkriege von Hells Angels und Banditos oder Zuhälter, die sich verprügeln. Und die Menschen haben keinen Respekt, sie sind es nicht gewohnt, Alkohol zu trinken, aber hier trinken sie zu viel Bier und denken dann, sie seien die Herrscher der Welt. Sie kommen rein, knallen mir 10 Euro auf den Tisch und wollen Jack Daniels für 25 Euro und sagen: „Das reicht dir.“ Aber ich sage: „Wir sind hier in Deutschland und hier gibt es Regeln.“ Und dann rufe ich die Polizei. So etwas erlebe ich jedes Wochenende. Du musst mal einen Tag hier mit mir arbeiten und sehen, was hier los ist!

Ja gerne, mach ich. Hast du zum Abschluss noch etwas Schönes zu erzählen?
Unsere Stammkunden. Jeden Tag kommt zum Beispiel Thomas vorbei, um 15, 18 und 23 Uhr. Er lebt auf der Straße und bettelt und holt sich dann vom Rotgeld bei uns Getränke. Und wir versorgen ihn, wir geben ihm die abgelaufenen Sachen weiter, Essen. Jeden Tag. Dann ist er glücklich. Ab und zu bekommt er auch Klamotten vor uns.

Kennedy Kiosk
Peterstraße 36, 52062 Aachen

zurück Gekaufte Freiheit
weiter Aachener Obdachlose müssen nicht auf der Straße schlafen