Liebe Leser,
natürlich ist ein Academy Award genauso unbedeutend wie ein Golden Globe, dessen Gewinn mittlerweile nur noch Beachtung findet, weil die Presse glaubt, von diesem Prognosen für den Oscar-Anwärter ableiten zu können. Obwohl alle Preisverleihungen lächerlich sind, das Spekulieren ist doch zu schön und in Form von Steven Gätjen sichert die Verleihung auch deutscher Arbeitsplätze.
Tragisch nur, dass das Oscar-Rauschen im Vorfeld mittlerweile länger wirkt als die prämierten Filme. Zuletzt hat vor zehn Jahren mit „No Country for Old Men“ von den
Coen-Brüdern ein Film in der Sparte „bester Film“ gewinnen können, der sich unmittelbar bei der Erstsichtung im Bewusstsein als zeitloser Klassiker manifestierte. Seitdem ist der beste Film des Jahres nach einem Monat vergessen. Oder wer hat „The Artist“ (2011), „Argo“ (2012) und „Spotlight“ (2015) mehr als einmal sehen wollen, sofern er sich an diese Filme überhaupt erinnern kann?

Gründe dafür sind mannigfaltig. In den letzten Jahren ist die Oscar-Vergabe mehr und mehr von politisch-gesellschaftlichen Themen überschattet worden. Immer noch besteht die Jury überwiegend aus alten weißen Männern, hinter deren blassen faltigen Stirnen das schlechte Gewissen erst mit jeweils einjähriger Verzögerung beginnt zu nagen. Nachdem 2015 in den sozialen Medien mittels #OscarsSoWhite-Hashtag darauf aufmerksam gemacht wurde, dass zu viele Weiße nominiert seien, bedachte man im nächsten Jahr verstärkt afroamerikanische Filmschaffende. Nachdem in diesem Jahr die Kritik wuchs, dass zu wenige Frauen außerhalb der Darstellerinnenriege Beachtung finden, wird sich auch hier gewiss im nächsten Jahr etwas tun. Um sich schnell von allen Sexmonstern Hollywoods reinzuwaschen, könnte dieses Jahr aber bereits „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ausgezeichnet werden, auch wenn der Film sich nur am Rande mit dem Thema sexuelle Übergriffe beschäftigt.
Ein Problem: Der Pool, aus dem die Jury die Nominierten schöpfen kann, besteht fast ausnahmslos aus jüngeren und älteren weißen Männern. Dies ist nicht das Problem der Academy selbst, sondern Hollywoods oder der Filmbranche im Allgemeinen. Trotzdem versuchen und müssen die Oscars anfallender Kritik begegnen, teilweise mit befremdlichen Auswüchsen. „Get Out“ ist ein toller Film. Was Jordan Peele bei seinem Regiedebüt zeigt, kann man allerdings auch unter solider Handwerkskunst abheften und legt nicht unbedingt eine Nominierung in der Kategorie „beste Regie“ nahe, da ist die Nominierung des Afroamerikaners in der Sparte „bestes Originaldrehbuch“ schon deutlich nachvollziehbarer.

Überhaupt: Filme wie „Get Out“ oder der mit dreizehn Oscar-Nominierungen favorisierte „Shape of Water“ von Guillermo del Toro hätten noch vor ein paar Jahren höchstens als Außenseiter Chancen besessen, wenn sie überhaupt nominiert worden wären. Hier zeigt sich ein weiteres Dilemma der Filmbranche. Das Event- und Franchise-Kino von Disney und Marvel lässt kaum noch originelle Produktionen zu. Fast von selbst stellen sich die paar Filme in der Kategorie „bestes Drehbuch“ auf, die nicht der Fast-Food-Formel entsprechen. Dabei erfindet auch „Shape of Water“ die Liebe zwischen Mensch und Monster nicht neu. Dass das Drehbuch streckenweise als kontrovers und mutig im Feuilleton betitelt wurde, zeigt mehr nur, wie sehr sich unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen an die Mainstreamkost gewöhnt haben. Somit dürfte bald das Spannendste an der Oscar-Verleihung die Antwort auf Steven Gätjens Frage sein: „You look absolutely stunning this evening, what are you wearing?“

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