Oh, du Zeitlupeneffekt, du könntest so schön, so erhaben sein, würde man dich behutsam behandeln und nicht gewaltsam in Szenen pressen, in denen es nur darum geht, die Zeit zu überbrücken oder gar totzuschlagen.

Komik oder nicht Komik, das ist hier die Frage!

Das Dramma giocoso (heiteres Drama) ist der Spross aus der Vermählung der Opera seria mit der Opera buffa, einer reichlich mit possenhaften und schelmischen Elementen bestückten Operngattung. Als Hermaphroditos des 18. Jahrhunderts – ein wenig Seria, ein bisschen Buffa – konnte sich das Dramma giocoso in den verwöhnten höfischen Kreisen behaupten. Der besondere Reiz liegt in der Verschmelzung der musikalischen Finessen und spezifischen Charaktere beider Gattungen. Edelmann trifft auf Bauern, Belcanto auf Parlando, Tragödie auf Komödie.
Die Kunst der Interpretation solch eines androgynen Wesens ist, weder von der einen noch von der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Wenn die vermeintliche Komik die Essenz zu ersticken droht, ist sie nicht mehr lustig.

Vermutlich von der rheinischen Frohnatur inspiriert, die ja besonders zur fünften Jahreszeit ihre volle Blüte erreicht, schleudert Regisseur Joan Anton Rechi „Don Giovanni“ als karnevalistische Burleske in einer immerwährenden Drehung der Bühne auf das Aachener Publikum. Und das Premierenpublikum hatte durchaus seinen Spaß, manche konnten ihre Lacher nicht einmal bei den zartesten Arien unterdrücken. Will man aber diesem einzigartigen Sujet gerecht werden, sollte man nicht ausschließlich auf obsolete Gags setzen. Mag Rechis Inszenierung eine Verbeugung vor der Kunst vergangener Zeiten sein, auch über Buster Keaton kann man nur noch bedingt lachen.
Rockstar-Shirts, Glitzerfummel und immer wieder platzende Luftballons als Riesenmöpse – als Komikeinlage und Zeichen für das Hier und Jetzt doch schon längst abgegrast.
Bereits die erste Szene, in der der Wüstling Don Giovanni seinen Trieben nachgeht, eine Ausstellung über geballte Männlichkeit – in Form von Gemälden und Plastiken, die durchaus ihren Reiz haben könnten –, ist so überbordend plakativ, dass sich die Wirkung im Nu verliert. Das Überbordende und Übermäßige zieht sich durch die Inszenierung und erstickt nicht nur humorvolle Umsetzungsideen, auch die von Mozart und seinem Librettisten Lorenzo Da Ponte gut pointierten Situationen und ausgeklügelten psychologischen Einsichten in die Seele der Charaktere fallen ihnen fast gänzlich zum Opfer. Und was für Charaktere! Der Wüstling Don Giovanni, sein treuer und geldgieriger Diener Leporello, die Verflossene Donna Anna, die neueste Eroberung Zerlina, ihr Verlobter Masetto, ein ermordeter Commendatore, seine rachsüchtige Tochter Donna Anna, deren treuherziger Geliebter Don Ottavio – ein wahrer Fundus an menschlichen Emotionen und Abgründen. Mit ein bisschen weniger Böllern und Knallern hätte Regisseur Rechi ein grandioses und gut platziertes Feuerwerk auf die Bühne bringen können.

Musikalisch ist die Inszenierung solide, wenn auch mit einigen Schwächen des Orchesters, das die Eigenheiten und zarten Abstufungen der Klangfarbe nicht wiedergeben mag. Bariton Hrólfur Saemundsson, der nordische Hüne, stolziert als vollendeter südländischer Gigolo in die Arme und Herzen der ihm ganz und gar ausgelieferten Frauen. Die Solisten liefern eine beachtliche Leistung, die jedoch an manchen Stellen durch das Zuviel an Spiel, Klamauk und Krabbelei jäh leidet.

Eine insgesamt etwas blutleere und trotz der glitzernden Kostüme und Federboas bleiche Inszenierung, die wenig Neues über das Werk zu erzählen hat, dennoch, und das macht sie wieder besonders, schien das Premierenpublikum einen vergnügten Abend zu erleben. Eines muss man Joan Anton Rechi lassen: Er besitzt die Gabe, sein Publikum zu packen und bis zum Schlussapplaus nicht mehr loszulassen.
Vielleicht genau das Richtige für die heutige Zeit. Gehirn ausschalten und genießen.

Don Giovanni
Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
Theater Aachen, Bühne
Musikalische Leitung: Justus Thorau, Inszenierung: Joan Anton Rechi, Bühne: Gabriel Insignares, Kostüme: Merce Paloma

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