Eine Fotoserie von Jörg Hempel über die europäischen Parlamente

Es ist erstaunlich, dass die Entscheidungszentren politischer Willensbildung in demokratisch verfassten Staatswesen, die Parlamente, nicht schon längst Gegenstand einer seriellen Betrachtung waren. Der Aachener Fotograf Jörg Hempel hatte genau dies im Sinn: Er hat über einen Zeitraum von 25 Jahren alle Hauptstädte der 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union besucht. Und er hat in den kleinen und großen Metropolen das jeweilige Plenum fotografiert – das englische Unterhaus wie den polnischen Sejm, die französische Nationalversammlung wie den Deutschen Bundestag. Die Fotografien, die dabei entstanden, zeugen ebenso von gestalterischer Klarheit und technischer Präzision wie von akribischer Vorbereitung. Nicht nur das Herzstück, das Plenum, auch Außenaufnahmen der Gebäude sowie Fotos von Lobbys, Büros, Treppenhäusern, Kantinen oder Empfangsbereichen waren Teil seines dokumentarischen Prozesses. So ist in einem Vierteljahrhundert eine faszinierende Serie entstanden, die dem Diskurs über demokratische Prozesse in einer parlamentarischen Demokratie einen wichtigen Aspekt hinzufügt: eine präzise, objektivierte und subtil erzählerische Sicht auf die „Manegen der Macht“ – so der Titel der Serie, die das KuK Monschau in einer kleinen Auswahl im Rahmen der SHIFT-Reihe ab 18. März zeigt.

Inwiefern gleichen sich die „Herzkammern der Demokratie“, was sind die Unterschiede? Pomp, Pracht und eine gewisse barocke Opulenz ist den meisten Plenen durchaus gemeinsam. Auch der Parlamentarismus legt Wert aufs Repräsentieren, und so ist auch in solchen Staaten monarchischer Prunk auszumachen, wo die gekrönten Häupter schon vor langer Zeit mehr oder weniger sanft vom Hof gejagt wurden.
Verschwenderischer Dekor, luxuriöse Marmorarbeiten, Intarsien und Gemälde – wie etwa in Paris, London, Rom, Budapest oder Lissabon. Es scheint, als würde die Macht nicht nur vom Volke ausgehen, sondern vor auch von (Innen-)Architekten und Künstlern. Auch wenn die klassische Moderne rund 100 Jahre zurückliegt und mit ihrem nüchternen und schmucklosen Stil vielerorts zum Standard bei Verwaltungs-, Büro- und Firmenbauten geworden ist – im zentralen Ort der Legislative ist davon wenig zu spüren. Einige wenige bescheiden und pragmatisch konzipierte Parlamentsbauten wie in Vilnius, Ljubljana, Zypern oder Malta bestätigen als Ausnahme die Regel und sind vielleicht auch nicht ganz zufällig in Hauptstädten eher kleinerer EU-Länder zu finden.

 

Zwei Beispiele für Geschichte(n) zur Entstehung von Plenumsbauten: Der Parlaments-palast in Bukarest – alleine der Name lässt nicht auf falsche Bescheidenheit schließen – ist nicht nur das größte Parlamentsgebäude Europas, sondern flächenmäßig eines der größten Gebäude der Welt überhaupt. Erbaut wurde es 1983 bis 1989 nach Vorstellungen des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu. Zehntausende Wohnungen, ein Dutzend Kirchen und drei Synagogen wurden dafür abgerissen. Nach Sturz und Hinrichtung des Despoten 1989 wurde das Gebäude nach weiteren Umbauten 1997 der Sitz der rumänischen Abgeordnetenkammer.
Nach Deutschland: Gemessen an der Zahl der Abgeordneten ist zurzeit der Deutsche Bundestag in der 19. Legislaturperiode mit 709 Sitzen das zweitgrößte Parlament der Welt – nach dem chinesischen Volkskongress, der mit knapp 3.000 Sitzen allerdings noch deutlich größer ist. Im Vorgänger-Plenum, das Hempel ebenfalls fotografierte, dem 1992 bezogenen Bonner Neubau nach Entwurf der Architekten Behnisch & Partner, blieb das Parlament nur etwas mehr als zwei Legislaturperioden und der Bau war bereits beim Einzug eine Übergangslösung. Der Bundestag beschloss nämlich am 20. Juni 1991, ein Dreivierteljahr nach der deutschen Einheit, den Umzug des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin – ironischerweise ebenfalls in einem Provisorium, einem umgebauten Wasserwerk.
Die Vergleichbarkeit als wichtige Motivation: Der klar dokumentarische Charakter der Aufnahmen, der streng mittig-symmetrische Bildaufbau – Hempel arbeitete anfangs mit einer klassischen analogen Großbildkamera, später mit einem digitalen Pendant – und die formale Einheitlichkeit über einen längeren Zeitraum hinweg verstärken den Fokus auf das zentrale Thema: Welchen architektonischen und gestalterischen Rahmen wählt jedes Land für seine Volksvertreter, für das Plenum, in dem Debatten gehalten, Anträge gestellt und Gesetze beschlossen werden?
Auch wenn die Fotos in den 90ern, vor der Osterweiterung der EU, bereits einige Male gezeigt wurden: Es wäre zu wünschen, dass die komplette Serie in der aktualisierten Version noch einmal in einem größeren Rahmen gezeigt wird. Man müsste sich dazu allerdings beeilen – wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes geschieht, wird Großbritannien in einem Jahr, am 29.03.2019, die EU verlassen.

Manegen der Macht – Jörg Hempel
18.03.-08.04.2018, KuK Monschau
Preview auf der SHIFT-Website

joerg-hempel.com

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