Bedauerlicherweise beginnt ein Bericht über öffentliche Kantinen in Aachen mit zwei Verlustmeldungen. Noch zu Beginn der 2000er Jahre hatte ich persönlich Gelegenheit, gemeinsam mit Kollegen in der Kantine des Polizeipräsidiums an der Hubert-Wienen-Straße zu speisen. Bei den ersten drei Besuchen musste man noch beim Pförtner vorsprechen und sich ausweisen, danach wurde man regelmäßig durchgewinkt. Ein Teil der Ausstattung stammte noch aus der Zeit der Grundsteinlegung, also aus den frühen 1980er Jahren. Als das neue Finanzamt an der Krefelder Straße im Dezember 2005 mitsamt schicker Kantine und allem Pipapo den Betrieb aufnahm, war absehbar, dass die Kantine des Polizeipräsidiums für die Öffentlichkeit nicht mehr lange zugänglich sein würde. Im Frühjahr 2006 latschten wir von der Hubert-Wienen-Straße aus ein paarmal rüber zum Finanzamt, um die neue Kantine auszuprobieren, verloren aber schon bald die Lust daran. Zwar kann sie mit einer Außenterrasse punkten, von der aus man seit 2009 einen netten Blick auf den neuen Tivoli hat, insgesamt aber fehlt es ihr an Flair. Bullenkantine, wir vermissen dich sehr. Der Rohbau des neuen Polizeipräsidiums an der Trierer Straße/Ecke Debyestraße steht bereits. Bald wird auch das Gebäude in der Soers Geschichte sein.
Ebenfalls als Folge des Neubaus des Finanzamts an der Krefelder ging es noch einer anderen Kantine an den Kragen. Nämlich der im ehemaligen Finanzamt Aachen-Außenstadt an der Beverstraße. Sie befand sich im obersten Stockwerk eines schlanken Hochhauses, das gerade einmal 28 Jahren stand, bevor es abgerissen werden musste. 2006 wurde der vollkommen PCB-verseuchte Bau niedergelegt. Auch wenn die Kantine im Rückblick nicht gerade der gesündeste Ort zum Dinieren war, so bot sie zumindest einen unvergleichlichen Blick über das Ostviertel.

Die Kantine am Marschiertor

Kompensation für die verloren gegangene Aussicht bietet die Kantine im achten Stock des Verwaltungsgebäudes am Marschiertor. Von dort blickt man in östlicher Richtung auf das Haus Grenzwacht, mit dessen oberen Etagen man sich hier fast auf Augenhöhe befindet. Nach Norden hin eröffnet sich einem ein Panorama über die Innenstadt inklusive Domblick. Das ist großartig, aber leider auch das Einzige, womit die Kantine beeindrucken kann. Die Einrichtung verströmt in etwa den gleichen Charme wie das Schaufenster eines Möbelhauses. Zum Mittagessen erscheint man besser zeitig, denn nach 13 Uhr muss man damit rechnen, dass einige Speisen bereits ausverkauft sind. Das Frühstücksangebot habe ich nicht getestet. Wer das Verwaltungsgebäude noch nie von innen gesehen hat, sollte beim Besuch auf die kreisförmige Metallplatte achten, die sich linker Hand im Foyer befindet, wenn man Richtung Aufzug geht. Ihr gegenüber hängt eine dreieckige Metallplatte, und das Ganze ist ein Klangkunstwerk von Franz Buchholz. Wenn man genau hinhört, vernimmt man leises, exotisch anmutendes Vogelgezwitscher. Die Arbeit entstand im Rahmen der Abschlusspräsentation der Aktion „Ökologische Stadt der Zukunft“ (1992-2002). Dschungelatmosphäre als Kontrast zur spröden Sachlichkeit der Behörde.
Lagerhausstraße 20
Öffnungszeiten: Mo-Fr, 7:00-14:00 Uhr
Preise für Tagesmenüs: 4,60 Euro bis 5,60 Euro

Die Kantine am Theaterplatz

Die Kantine am Theaterplatz befindet sich im Gebäude mit der Hausnummer 14, einem klassizistischen Bau nach Plänen von Johann Peter Cremer. Bis 1972 fungierte das 1827 errichtete Bauwerk als Sitz der Aachener Bezirksregierung. Von 1933 bis 1945 war es der Sitz der Gestapo. Eine Hinweistafel an der Fassade informiert darüber. Nach 1972 wurde die Kantine vorrangig von den Bediensteten der Hauptpost genutzt, die sich gleich um die Ecke im heutigen Kapuzinerkarree befand. Morgens trifft man hier vor allem städtische Angestellte an. Streifenpolizisten etwa oder die Männer von der Müllabfuhr, die sich hier für die Schicht stärken. Der Ton ist hart, aber herzlich. Man ist unter sich. Das Frühstücksangebot korreliert mit der Klientel. Deftig dominiert. Ich empfehle den Besuch in den frühen Morgenstunden hauptsächlich aus soziologischen Gründen. Mittags wandelt sich das Bild. Der Altersdurchschnitt liegt dann locker bei 70, denn auffallend viele Rentner nutzen um diese Tageszeit die Kantine. Auch Angestellte von Behörden oder Mitarbeiter des Archivs der RWTH, das sich im gleichen Gebäude befindet, trifft man an. Atmosphärisch entspricht diese Kantine am ehesten dem, was man sich unter einer klassischen Kantine vorstellt. Speisesaalästhetik durchzogen von einem wohlmeinenden Dekor im Stil von „Omas Zeiten“: ein Sammelsurium an Haushaltsgeräten und hochkopierten Postkarten mit Alt-Aachener Motiven. An der Essensausgabe herrscht große Betriebsamkeit, wie sich das für eine Kantine gehört. Neben den Tagesgerichten geht gefühlt bei jeder dritten Bestellung ein Champignon-Sahne-Schnitzel über die Theke. Der Kantinenklassiker ist hier der Renner und für unschlagbare 6,40 Euro zu haben.
Theaterplatz 14
Öffnungszeiten: Mo-Fr, 6:30-14:00 Uhr
Preise für Tagesmenüs: 4,60 Euro bis 5,60 Euro, Speiseplan: speiseplaninfo.de

Die Kantine am alten Schlachthof

Die Kantine am alten Schlachthof („Et Schlonnes“) war schon immer ein Unikum. Bis 2003 Treffpunkt jener, die für die Fleischversorgung der Aachener Bevölkerung sorgten, ging ihr durch die Schließung des Schlachthofs über Nacht die Kundschaft verloren. Trotzdem hat sie überlebt und profitiert nun nach einer Durststrecke von der sukzessiven Ansiedlung neuer Betriebe auf dem Gelände. Nur wenig hat sich im Laufe der Jahrzehnte hier verändert, so scheint es, und das ist auch gut so. Hier findet man beispielsweise noch jene klassischen, massiven Gastromöbel, die aus einer vergangenen Epoche stammen und anderswo längst entsorgt wurden. Sie muten ebenso museal an wie die unzähligen Alemannia-Poster, die verblassten Urkunden für besondere Leistungen aller Art oder die diversen Devotionalien, die zum Beispiel Lokalgrößen wie den Boxer Klaus Gallwe feiern. Der trainierte beim Postsportverein 1925 Aachen und wurde 1983 Deutscher Meister im Schwergewicht. Lokalpatriotismus in seiner schönsten und einzig akzeptablen Form. Das Ambiente ist ebenso authentisch wie die Menschen, die man hier antrifft. Das gilt sowohl für die Gäste als auch für die Belegschaft. Hier zu frühstücken oder Mittag zu essen gleicht dem Besuch einer Theatervorstellung. Und das meine ich ganz und gar nicht despektierlich. Ich denke da an die Volksnähe und Derbheit eines William Shakespeare oder so. Gerade klärt zum Beispiel am Nebentisch ein Vater seinen pubertierenden Filius lautstark darüber auf, wie man sich bei der Annäherung an das andere Geschlecht zu verhalten hat. „Wer poppe well, muss fründlich sin, wa Jung?“ Dem Sohnemann ist das ein bisschen peinlich, aber alle anderen Anwesenden amüsieren sich köstlich. Zur Speisekarte: Die Küche ist mit einem Wort gutbürgerlich. Auch so etwas aus der Vergangenheit, das man nur noch selten findet. Die Preise wurden im Laufe der letzten 30 Jahre nur sehr moderat angepasst. Morgens empfehlen sich Mettbrötchen oder ein strammer Max (dessen vegetarische Variante hier mit Käse statt Kochschinken kommt und schlaffer Otto heißt) und mittags das jeweilige Tagesmenü inklusive Tagessuppe.
Metzgerstraße 18
Öffnungszeiten: Mo-Do, 6:00-15:00 Uhr Fr, 5:00-15:00 Uhr, Sa, 5:00-12:00 Uhr
Tagesmenü: 6,80 Euro, Schnitzel mit Beilage: knapp 10 Euro, strammer Max mit zwei Spiegeleiern: 4,30 Euro, Kaffee: 1,40 Euro

Fazit: Der Besuch der genannten Kantinen lohnt in jedem Fall, und es gibt im Raum Aachen noch die ein oder andere, die hier keine Erwähnung fand. Stay tuned and eat out.

Text & Fotos: Eckhard Heck

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