Wen die überbordende Auswahl an Lebensmitteln aller Art im Supermarkt überfordert, wer weder Zeit noch Talent hat, selber zu kochen, wem Restaurants zu teuer sind und Imbissbuden zu lange Warteschlangen haben, der speist in der Kantine. Oder in der Mensa, falls noch irgendwo ein Immatrikulationsbescheid rumliegt. Kantinen und Mensen sind Inseln essenstechnischer Klarheit. Es gibt zwei, maximal drei Gerichte zur Auswahl, vielleicht noch eine Suppe als Vorspeise, einen Joghurt oder einen Apfel als Nachtisch. Fertig. Klar, je nach Tageszeit kann es schon mal etwas voller sein, kleine Einbußen muss man halt in Kauf nehmen für eine weitestgehend entscheidungsfreie Nahrungsaufnahme. Aber niemand, wirklich niemand käme in einer Kantine auf die Idee, ein iPhone zu zücken und Bilder des aktuellen Tagesgerichts (4,60 Euro) auf Instagram zu posten. Würde so etwas einmal vorkommen, so hätte der Koch kläglich versagt und müsste zur Strafe in Berlin Wedding ein Szene-Restaurant eröffnen.
Doch auch Bewährtes kann man weiter verbessern. In der Welt der Kantinen, wo ein Hauch Petersilie am Tellerrand schon als barocke Entgleisung wahrgenommen wird, ist die Besinnung auf Minimalismus als Kernkompetenz der einzig richtige Weg in die Zukunft. Wir waren bei der diesjährigen „Fork+Spoon“, der Branchen-Messe für Innovation, und stellen drei Highlights vor.

Basic de Luxe

Dieses klassische und gerade deswegen sehr zeitgemäße Menü besticht durch eine klare Struktur und die strikte Trennung zwischen Kohlenhydraten, Sättigungsbeilagen (Frikadellen) und Dessert (Mayonnaise). Bei dem im oberen rechten Bildrand abgebildeten grünen, amorphen Gebilde handelt es sich übrigens um einen sogenannten Serviervorschlag. Im konkreten Fall ist das ein Blattsalat. Regelmäßige Mensa- oder Kantinengänger werden ihm im Laufe der Jahre schon einmal begegnet sein. Er weist exakt den gleichen Geschmack und Nährwert eines leeren DIN-A4-Blatts auf und verfälscht somit äußerst raffiniert die Gesamtkalorienbilanz des Menüs in keinster Weise.

Modern flexible

Der Megatrend für den urbanen Genießer. Durch frei kombinierbare Auswahloptionen bei der Zusammenstellung zaubert man tausende Menüs mit jeweils individueller Note. So kommen zum Beispiel für das obere Segment sowohl leckere Pommes als auch knusprige Fritten, deliziöse French fries, sehr, sehr geile Chips ohne Fish oder ganz einfach Pommes frites in Frage bzw. in die Fritteuse. Darunter wäre dann zu entscheiden zwischen saftigen Frikadellen, juicy Frikandeln und herzhaften Bouletten. Auch Gemüsebratlinge, wie hier abgebildet, sind natürlich eine Option, falls sie aus Schweine- oder Rindergehacktem bestehen.

Futura culinari

Wie essen wir in 10, 20 oder 30 Jahren? Noch vor rund 50 Jahren hat sich niemand vorstellen können, dass ein Mensch den Mond betritt. Ähnlich visionär ist dieses radikale Konzept, was auf der Messe zu Recht euphorisch bejubelt wurde. Was wäre, wenn man für jede Zutat eines Mahls eine eigene Form kreieren würde – aus einem futuristischen Kunststoff, dem Polyvinylchlorid? Was wäre, wenn man ordinäre Kartoffeln einfach in kleine Stäbchen schneiden und in sonnenheißem Fett baden würde? Was wäre, wenn sich alle Bestandteile eines Tiers elegant in einem kleinen Ball auflösen würden? Was wäre, wenn Salat wirklich nur noch Deko-ration ist? Welcome to the future.

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