Die bitteren Tränen der Petra von Kant


„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ | Probenfoto: Carl Brunn

Für nichts gibtʼs nichts. Sogar die wahrhaftige Liebe, dieses hohe Gut, möchten wir auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten verscherbeln. Wobei verscherbeln etwas zu niedrig gegriffen ist, denn eigentlich wollen wir für unsere Liebe die höchstmögliche Rendite erzielen und die Person unserer Begierde mit Haut und Haaren besitzen.

Rainer Werner Fassbinder schuf mit „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ ein Werk der künstlerischen Künstlichkeit, das jedoch keineswegs leblos ist. Seine autobiografisch geprägte Geschichte stellt das Zwischenmenschliche auf den Prüfstand, die bittere Pille der Phrasen und Heuchelei übertüncht den Geschmack von echter Zuneigung, die wie ein angebundenes Vieh zum Markt geschleppt wird.

Die erfolgreiche Designerin Petra von Kant bewegt sich leichtfüßig in der von Oberflächlichkeit und Machtpolitik beherrschten Welt der Mode. Auch ihre persönlichen Beziehungen sind nach zwei gescheiterten Ehen auf dem Niveau eines Geschäftsmodells gelandet. Gefühle werden wie die neueste Kollektion teuer verhandelt. Als das quicklebendige und mit allen Wassern gewaschene junge Model Karin Thimm in Petras versautes Leben tritt, werden Kräfte entblößt, denen die souveräne Unternehmerin nicht gewachsen ist.

Auf einen Fadenvorhang gebannt und den starren Blick in die Ferne gerichtet, wachen Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern über das Treiben auf der Bühne. Das Gemälde eines unbekannten Künstlers des Manierismus, seit 1937 im Louvre beheimatet, zeigt die badende Mätresse Heinrichs IV., in ihrer linken Hand ein Ring, auf ihrer rechten Brustwarze die Finger der Schwester. In der Tiefe des Raumes, mittig angeordnet und den Blick auf sich ziehend, sitzt in einem auffallend roten Gewand eine Bedienstete und näht. Ihr Blick ist auf ihre Arbeit gerichtet und dennoch scheint sie lebendiger und wacher zu sein als die beiden entblößten Frauen im Rampenlicht.

Pia Maria Mackerts Bühnenbild bringt es auf den Punkt, wenn auch vielleicht etwas zu plakativ. Die einzige lebendige Person auf der Bühne ist Petra von Kants (Elke Borkenstein) Bedienstete Marlene, die in ihrem roten Kleid dem Gemälde entsprungen zu sein scheint. Die Schauspielerin Stefanie Rösner verleiht der stummen Dienerin eine überschäumende Intensität, ihre wortlose Präsenz dominiert die Bühne, ihre Blicke und zurückhaltenden Gesten sind wie Blitz und Donner auf der sonst recht emotionslosen Bühne. Während bei Fassbinder das Retortenhafte eine große emotionale und menschliche Wucht besitzt, denn Künstlichkeit verlangt eine immense Anstrengung, wirken die Figuren bei Regisseur Martin Schulze eher hölzern als gekünstelt, echte Leidenschaft, Wut, Trauer sucht man vergeblich auf der Bühne.

Natürlich wird geweint und geschrien, Gläser gehen zu Bruch, die Bühne wird demoliert. Und natürlich liegt es in der Intention des Regisseurs, Emotionen als eine Fassade darzustellen, doch geht in dieser Absicht der eigentliche Konflikt der Charaktere, der Umgang mit Gefühlen und Machtmissbrauch, unter. Mutter Valerie (Doris Plenert), Tochter Gabriele (Luana Bellinghausen), Freundin Sidonie (Katja Zinsmeister), die kleine Schlange Karin (Judith Florence Ehrhardt) – sie alle werden von mannigfaltigen Gefühlen getrieben, die von Anbiederung bis vorgeheuchelter Liebe reichen, und sie alle wollen etwas im Gegenzug für ihre „Loyalität“.

Elke Borkenstein mimt die Matriarchin von Kant mit großer Intensität, bleibt jedoch oft hinter der gewollten Fassade gefangen, die ihr Spiel auf einen Nachhall reduziert.

Das Übermaß an Künstlichkeit in der Inszenierung verhindert zwar die Nähe zu den Figuren, ihre Intentionen bleiben oft schleierhaft, gleichzeitig bilden diese Menschen, all diese verlogenen, leeren Hüllen, einen spannenden Gegensatz zu der einzigen Person, die von wahrhaftigen Gefühlen beseelt ist. Es hat schon symbolischen Charakter, dass Marlene in ihrer Stummheit die aussagekräftigste Person in der Inszenierung ist. (ek)

Die bitteren Tränen der Petra von Kant
von Rainer Werner Fassbinder
Theater Aachen, Kammer
Inszenierung: Martin Schulze, Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert, Musik: Dirk Raulf

23., 27., 31. März (FÄLLT AUS!), 04., 14., 22. April, 04., 20., 26. Mai, jeweils 20:00 Uhr

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