Die Räuber


Foto: Marie-Luise Manthei

Auf den stürmischen Wogen der Aufklärung segelnd, schuf der junge Friedrich Schiller mit seinen Räubern ein poetisches und politisches Abbild seiner Zeit, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Der mal offene, mal hintergründige und verborgene Kampf der neuen Generation gegen das Althergebrachte prägt heute wie damals die gesellschaftliche Landschaft und ist entscheidend für die Geburt neuer Denkanstöße.

„Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört.“*

Schiller veröffentlichte sein Werk 1781 als Lesedrama, nicht ahnend, dass ein Jahr später die Bühnenfassung seinen Weltruhm begründen würde. Nicht die Sitten und das Feingefühl beleidigenden Inhalte, vielmehr die ungeheure Komplexität des Stoffes, die Verflechtung des Individuellen mit dem Politischen und Gesellschaftlichen machen die Geschichte der beiden ungleichen Brüder Franz und Karl von Moor zu einer Herausforderung für jeden Regisseur.

„Jedem, auch dem Lasterhaftesten, ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbildes aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen […]“

Ob Edelmann oder Räuber, sie alle sind Opfer und Täter zugleich. Mit dem Fingerspitzengefühl eines Chirurgen setzt Schiller seine Figuren zu psychologisch und philosophisch vielschichtigen Individuen zusammen. Gut und Böse sind allgegenwärtig, ihre Grenzen jedoch sind nicht immer klar definiert.
Legt man die Inszenierung von Ewa Teilmans auf den Seziertisch, findet sich an manch einer Stelle ein klaffendes Loch, das mit Gehalt hätte gefüllt werden müssen. Aber der Zuschauer blickt nicht in eine sterile Leichenhalle, sondern auf eine lebendige, pulsierende Bühne, auf der zwar mancher Inhalt der Lautstärke zum Opfer fällt, von der aber eine Schiller(nde) Kraft ausgeht, die den mitunter befremdlichen Text mit einer gewaltigen Wucht in das Bewusstsein der Zuschauer katapultiert.
Ewa Teilmans setzt nicht nur auf die treibende Kraft der Musik als solcher, bei ihr wird die Musik Teil der Charaktereigenschaft der Protagonisten. Während Franz, in alten gesellschaftlichen Strukturen verhaftet, Klassik auf seinem Cello zum Besten gibt, dröhnen der Freigeist Karl und seine Räuberbande ihre Wut zu den erlesensten Rockklängen in die Welt hinaus. Eine ziemlich coole Sache, die Aachener bad Boys von Katortz auf die Bühne zu holen. Und mutig zugleich, denn ein guter Musiker muss nicht unbedingt ein guter Darsteller sein. Und da Karsten Nordhausen, Stefan Schwartz und Toshi Trebess sich nicht hinter ihren Instrumenten verschanzen, sondern aktiv am Geschehen teilhaben, hätte alles ziemlich in die Hose gehen können. Tut es aber nicht! Die drei fügen sich mühelos in den Räuberpack ein, sie pöbeln und grölen die Schiller’schen Zeilen, dass einem das Herz aufgeht. Hut ab!

„Das Laster wird hier mit sammt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es löst in Franzen alle die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstractionen auf, skeletisiert die richtende Empfindung und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg.“

Von seinem Vater immer nur als zweiter Sohn angesehen, ohne Hoffnung auf Erbe, ungeliebt und missgestaltet, wird Franz zum heimtückischen Antihelden. Von seiner Intrige geblendet, verstößt der Vater, Maximilian von Moor, seinen geliebten Sohn Karl und löst mit dieser Tat eine Tragödie aus.
Verzweiflung, Gier, Niedertracht – all das spiegelt sich in dem wunderbaren Spiel von Alexander Wanat wider. Mit Leichtigkeit und großer Überzeugungskraft entführt er die Zuschauer in die vertrackten Gefühlswindungen des Antagonisten, intensiv, authentisch und verstörend gut.

„Falsche Begriffen von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so ward der seltsame Don Quixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern.“

Philipp Manuel Rothkopf verleiht dem zwischen Idealismus und Radikalismus hin und her schwankenden Helden ein glaubwürdiges Gesicht. Der Wechsel zwischen stiller Trauer, verzweifelter Liebe und rasender Wut gelingt ihm fließend, weil seinem Spiel etwas Ehrliches und Schnörkelloses innewohnt.
Ihm zur Seite steht eine zügellose Bande aus festen Ensemblemitgliedern (Thomas Hamm, Simon Rußig, Hannes Schumacher) und Gastschauspielern (Ognjen Koldzic, Roman Kohnle, Björn Jacobsen), die mit der tatkräftigen musikalischen Unterstützung der Band Katortz die Bühne rocken. Björn Jacobsen, mittlerweile Dauergast in Aachen, ist ein furioser Spiegelberg, der als Gegenspieler Karls und gewissenloser Mörder ein jähes Ende findet.
Im väterlichen Haus agieren mit gewohnter Lässigkeit Rainer Krause als Maximilian von Moor, Torsten Borm als der Bastard Hermann und Hermann Killmeyer als Diener Daniel.
In ihrer zarten Darstellung der Amalia, Karls Geliebter, versprüht Petya Alabozova die glühende Leidenschaft und Entschlossenheit einer Figur, die in ihrer Gefühlswelt auf eine harte Probe gestellt wird. Alabozova wirkt wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, man spürt das Brodeln und Zittern im Inneren der jungen Frau.
Ein starkes Ensemble!

„Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe, mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist.“

Eine ungewöhnliche, eine wilde und laute Inszenierung. Und mag darin für die einen oder anderen nicht so viel Schiller stecken wie erwartet oder erhofft, so vermag es Regisseurin Ewa Teilmans doch, Schillers Sprache und Gedankengut in ein neues Gewand zu kleiden, das nicht nur entzückt, sondern auch durchaus provoziert. Willkommen im Heute: Während das Gute und die verdeckten Machenschaften auf leisen Sohlen daherkommen, erreicht uns das offensichtlich Böse aus allen zur Verfügung stehenden Kanälen wie Donnerschlag: laut, heftig und unerbittlich. (ek)

* Alle Zitate aus Schillers Vorrede zur ersten Auflage der Räuber (1781)

Die Räuber
von Friedrich Schiller
Theater Aachen, Bühne
Inszenierung: Ewa Teilmans, Bühne: Oliver Brendel, Kostüme: Andreas Becker
Im Theater zu sehen: 31. März, 07., 14., 18., 22., 26. April, 04., 27. Mai

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