Ist der Winter hart und weiß, wird der Sommer schön und heiß …

… sagt zumindest der Volksmund. Ich lebe seit 30 Jahren in Aachen und kann mich kaum an einen Winter erinnern, in dem der Schnee hier mal länger liegen geblieben wäre. Ein echter Ausreißer soll der Winter 2010/2011 gewesen sein, den ich jedoch verdrängt habe. Es heißt, dass es damals ein regelrechtes Schneechaos gab. Dass es hier aber mal 75 Zentimeter Schnee hatte, ist ECHT lange her. Das war nämlich 1908, und die niedrigste Temperatur (–20,4 Grad Celsius) hat man im Winter anno fünfundvierzig gemessen.

Statistisch hatte Aachen hat in den letzten Jahrzehnten überdurchschnittlich warme Winter, aber auch ebenso überdurchschnittlich viele Sonnenstunden im Sommer, was nach Adam Riese insgesamt eine überdurchschnittlich hohe Durchschnittstemperatur ergibt (Quelle: Deutscher Wetterdienst). Wer unbedingt Schnee braucht, fährt halt in die Schnee-Eifel, und für Sonne, Wind und Meer besucht der Aachener traditionell Domburg. Ist doch nicht so schwierig. Und wenn es in Aachen überdurchschnittlich viel regnen sollte (wie ebenfalls vom Volksmund und zumeist von Zugezogenen haltlos behauptet wird), dann handelt es sich in aller Regel um warmen Regen. Es ist weithin bekannt, dass der Öcher zwischen warmem und kaltem Regen ebenso unterscheidet wie zwischen hellem und dunklem. Man muss also annehmen, dass es in Aachen wenn überhaupt nicht mehr, sondern höchstens unterschiedlicher regnet als anderswo.

Und um das mal klarzustellen: In Köln, Mönchengladbach, Hagen, Solingen, Moers, Mainz oder Wuppertal regnet es im Jahresdurchschnitt entweder häufiger oder heftiger oder sowohl häufiger als auch heftiger als in Aachen. Ganz zu schweigen von diversen Landstrichen im Süden und im Osten der Republik, wo es eigentlich dauernd regnet. Gute Nachrichten in dem Zusammenhang übrigens auch für Christopher Ward, Aachens neuen Generalmusikdirektor (siehe Seite 24), der demnächst von Saarbrücken hierher ziehen wird und sich damit nicht nur beruflich verbessert, sondern hier dann auch faktisch ein paar Tage weniger im Jahr im Regen steht. Zum Vergleich: durchschnittlicher Niederschlag pro Quadratmeter im vorigen Jahr in Saarbrücken 871,1 Liter, in Aachen hingegen nur 850,6 Liter.

Indirekt wichtig für die Aachener Befindlichkeit bezüglich der Wetterlage ist die Wettersäule, die sich seit 1956 auf dem Dach von Haus Grenzwacht am Hauptbahnhof befindet. Sie gibt verlässlich Auskunft darüber, wie sich das Wetter entwickeln wird, worauf man vorausschauend den Schirm für den nächsten Tag zurechtlegt oder es eben unterlässt. Man liest sie wie folgt:

Die Kugel auf der Säule

Blaues Licht: heiter bis wolkig und trocken
Gelbes Licht: bedeckt, aber trocken
Weißes Licht: Niederschläge, Regen oder im Winter Schnee
Dauerlicht: beständige Wettertendenz
Blinkendes Licht: unbeständige Wettertendenz

Die Streben der Säule

Steigendes Licht: steigende Temperaturen
Fallendes Licht: fallende Temperaturen
Konstantes Licht: gleichbleibende Temperaturen

Fazit: Die Behauptung, in Aachen regne es besonders häufig, ist zumindest unpräzise und so nicht zu halten. Im Gegenteil: Statistisch haben wir wie gesagt sowohl im Winter als auch im Sommer mehr Sonnentage als viele andere Städte in Deutschland. Deshalb muss mal langsam Schluss sein mit dem Gejammer über das Aachenwetter. Seid doch froh, dass wir überhaupt Wetter haben, ihr Weicheier! 🙂

Peter Polis – Meteorologe und Seismologe von Weltrang

Von der Aachener Wetterwarte hat man schon gehört, aber die Person Peter Polis dürfte vielen, so wie auch mir, bis dato unbekannt geblieben sein. Zeit, an den Sohn der Stadt zu erinnern.

Der Name Peter Polis ist eng mit der meteorologischen Wetterstation und dem späteren Observatorium verbunden, welches bis Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Wingertsberg stand. In den knapp 35 Jahren von Polisʼ Tätigkeit erlangte Aachen einen Ruf als bedeutender Ort der Wetterbeobachtung in der damaligen Rheinprovinz. Seine Interessen beschränkten sich jedoch nicht ausschließlich auf die Messung von Wetterdaten, und sein Wirkungskreis reichte weit über die Grenzen seiner Geburtsstadt und der Region hinaus.
Bereits 1901 gehörte er der deutschen Delegation bei der ersten internationalen Konferenz für Seismologie in Straßburg an. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts beschäftigte er sich intensiv mit der Verbesserung der Wettervorhersage auf See. Zu diesem Zweck bereiste er auf Forschungsschiffen verschiedentlich die Transatlantikrouten. Seine Aufenthalte in den USA nutzte er auch, um im diplomatischen Auftrag für den wissenschaftlichen Austausch der Nationen zu werben. Seine Leistungen waren von eminenter Bedeutung für die Seewettervorhersage und mithin für die internationale Seeschifffahrt. Damit war er zu seiner Zeit der Deutschen Seewarte weit voraus, deren Wetterschiffe ausschließlich in der Nord- und Ostsee herumdümpelten.

Auch für die Luftschifffahrt und den Flugzeugbau – klassische Forschungsgebiete der Technischen Hochschule – interessierte sich Polis außerordentlich. Er gehörte, übrigens nebst seiner Gattin, zu den Gründungsmitgliedern des Aachener Vereins für Luftschifffahrt (1911). Zwanzig Tage vor seinem sechzigsten Geburtstag starb Peter Polis am 2. November 1929 in Aachen (geboren am 22. November 1869 ebenda). Seine Grabstätte befindet sich auf dem Ostfriedhof.

Die Geschichte der Wetteraufzeichnung in Aachen

Regenschirmdamen, Großkölnstraße, Aachen 1974, Bildhauer: Heinz Tobolla
An die Schirmproduktion in Aachen soll die Skulptur nicht erinnern, sondern vielmehr an die (gefühlte) Regenhäufigkeit.

Offizielle Temperaturaufzeichnungen werden in Aachen bereits seit 1820 durchgeführt. Anfangs sind die Aufzeichnungen jedoch noch lückenhaft. Die erste stationäre Messstation wird 1830 eingerichtet. Im preußischen Rheinland wird sie zunächst eine Wetterstation zweiter Ordnung und 1895 eine Station erster Ordnung und damit nominell ein Observatorium. Ein Kuriosum am Rande: Zwischen 1852 und 1872 werden keinerlei Daten erhoben. Die Ursachen für diesen Umstand sind unbekannt. Bereits 1894 wird Peter Polis Vorsteher der meteorologischen Station. Polisʼ Vater, der Aachener Fabrikbesitzer Jean Matthias Polis, ist begeistert von der Berufung und den Ideen seines Sohnes und finanziert den Bau eines neuen Observatoriums auf dem Wingertsberg, der mit seiner Höhe von 193 Metern ü. d. M. als Standort für diese Zwecke prädestiniert ist.

Im September 1900 wird der zweistöckige Bau mit dem ebenfalls zweistöckigen Turm eingeweiht, den wir nur noch von alten Fotos kennen. Gebäude und Instrumentarium werden im Oktober 1944 während der Schlacht um Aachen nahezu vollends zerstört. Nach dem Krieg wird an gleicher Stelle der relativ schmucklose Neubau errichtet und in Betrieb genommen, der bis heute auf dem Wingertsberg steht. Die Station wird 2011 in ihrer Funktion durch die neue Wetterbeobachtungsstation in Orsbach abgelöst. Das Gebäude steht seitdem leer. In Orsbach werden, wie vorher auch in Aachen, nicht nur Wetterdaten erfasst, sondern es wird – aufgrund der Nähe zu den Kernreaktoren in Tihange und Doel – auch laufend die radioaktive Belastung der Luft gemessen. Besser ist das.
Fotos (2): Eckhard Heck

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