Einst war die Schirmfabrik Emil Brauer einer der großen Schirmproduzenten mit rund 1.000 Angestellten. Das ehemalige Firmengebäude an der Jülicher Straße beherbergt heute das Ludwig Forum. Auf der gleichen Straße, unter der Hausnummer 51, gibt es das 1882 gegründete Unternehmen immer noch. An einem grauen Tag im März mache ich mich zu dieser Adresse auf. Ich finde zwar keine Fabrik, dafür aber eine kleine Manufaktur – und die 75-jährige Hedwig Olschewski, die als Letzte ihrer Zunft in Aachen Schirme per Hand fertigt und repariert. Ein Spaziergang in die Vergangenheit.

Zehn Schirme liegen auf dem Verkaufstresen zur Abholung bereit. Alle unterschiedlich groß und unterschiedlich gemustert. Einer steckt in einem Holzschaft, aber nur zur Hälfte. Er sei nicht mehr zu reparieren, der Stoff nicht mehr zu beschaffen, erklärt Hedwig Olschewski. An zwei Nachmittagen die Woche ist sie im Schirmgeschäft vor Ort, stellt Schirme her, repariert Lieblingsstücke und verkauft in Personalunion. Noch rund 20 Schirme warten auf ihren Einsatz. Im Hinterstübchen ist es schön warm, hier hat Olschewski ihre Werkstatt. Ein weiterer Schirm im Holzschaft liegt hier. Die Tochter des Besitzers, die den Schirm für ihren Vater zum Geburtstag hat reparieren lassen, hatte mehr Glück: Aus Frankreich konnte hauchdünner Stoff geordert werden. Hedwig Olschewski hat den Regenschirm komplett neu bezogen. Nur dieser Stoff ermöglicht es, den ganzen Schirm im dünnen Schaft verschwinden zu lassen – und fertig ist der Spazierstock! Das werde die Kunden freuen, ist sie sich sicher.

Während wir uns unterhalten, wird ein anderer Schirm mit Wasserdampf bedampft und geglättet, eine Pause ist nicht drin, schließlich arbeitet Hedwig Olschewski nur acht Stunden die Woche hier und hat heute noch einiges vor.

Hinter Verlaufsraum, Werkstatt und Büro stehen weitere Räume und Lager zur Verfügung. Unzählige Ersatzteile von Ösen über Griffe bis Speichen lagern hier, aus allen erdenklichen Materialien und in allen Farben – für den Laien kaum vorstellbar, dass hier nicht jedes Ersatzteil dabei sein soll. Aber es ist eben nicht jedes Ersatzteil dabei, und deshalb begibt sich Olschewski dann auf die Suche danach und das kann durchaus dauern: „Manchmal sage ich: Wenn Sie Geduld haben, dann kann ich den Schirm reparieren.“ Das könne dann auch mal zwei Monate dauern. Umso mehr ärgert sie sich, dass es Kunden gibt, die sich dann beschweren oder im Internet unfreundliche Kritiken hinterlassen, eben weil es besagte zwei Monate gedauert habe wie angekündigt. Prompt betritt eine Frau den Raum, die für eine Freundin einen Schirm abholen soll. 15 Euro? Ob das wohl ok sei? Die Kundin findet das zu viel. Schließlich gibt Olschewski ihr den Schirm ohne Bezahlung mit. Diese Begebenheiten seien es, die ihr den Job etwas vermiesten, gibt sie zu und erzählt von weiteren Besuchern, die sich über zu wenig Auswahl und die Preise beschwerten, schließlich gebe es bei den großen Kaufhausketten schon Schirme für 5 Euro und eben nicht für 50 Euro. Kurios findet sie, dass wiederum andere Kunden einen Schirm, den sie für 5 Euro erstanden haben, dann reparieren lassen. Die kleinsten Reparaturen starten aber schon bei 3 Euro für das Ersetzen einer Öse.

Auf ihrem Tresen liegen auch wirkliche Prachtstücke in den allerschönsten Farben und Ausführungen. Wenn die Schirmmacherin so ein Wunderwerk repariert, macht sie wiederum jemanden glücklich. Ganz besonders freut sie sich, wenn sie Sonderwünsche erfüllen und ihre Kreativität voll ausspielen kann: „Einmal kam jemand und wünschte sich einen schönen Schirm für Ausflüge an die See.“ Da habe sie einen Schirm erstellt, der außen aus gutem, wasserabweisendem Satin war, aber innen eine weitere Lage Stoff eingearbeitet hatte, auf der Fische abgebildet waren. Die Kunden waren überglücklich. Ein anderes Mal habe sie einen komplett bunten Schirm aus allen Stoffmustern erstellt, die sie habe. Kaum hing er im Schaufenster, stürmte ein Herr in den Laden, um ebendiesen Schirm für seine Tochter zu erstehen. Natürlich gab sie den Schirm heraus und was den Vater sehr erfreute. Auch individuelle Hochzeitsschirme mit Rüschen werden von ihr nach Kundenwünschen gestaltet.
Hedwig Olschewski näht, seit sie 14 Jahre alt ist. Damals ging sie in die Lehre als Weißnäherin bei der Firma Hemden Schlichting, die im gleichen Gebäude angesiedelt war wie Brauer. Ihre Schwester war zeitgleich bei Brauer in der Schirmfabrik, später wechselte auch Hedwig Olschewski in die Schirmmanufaktur, wo Schirme im Akkord erstellt wurden. Heute könne sie sich nichtmehr vorstellen, dass bereits 14-Jährige in die Lehre gingen: „Aber damals wurde man nicht gefragt. Wenn es eine Lehrstelle gab, ging man hin, egal was es war.“
Gearbeitet habe sie ihr Leben lang. Ihr Vater sei im Bergwerk in Würselen tödlich verunglückt, als sie 16 war. Da war es klar, dass jeder in der Familie arbeiten musste.

Die Olschewski-Schwestern erlebten die Firma Brauer noch, als es der Schirmbranche gut ging. Eigene Messen habe es für Schirmmode gegeben, ihre Schwester sei sogar Schirmmodel gewesen und auf Messen nach Frankfurt mitgefahren, um die Produkte dort in Szene zu setzen.
Nach und nach ging es der Branche immer schlechter. Der Import aus China boomte. Dort wurden billige Stoffe benutzt, der Markt in Europa konnte nicht mithalten. Inzwischen kommen 98 Prozent der Schirme aus Fernost. Und so ist Hedwig Olschewski in Aachen die letzte angestellte Schirmmacherin der Firma Brauer. So schnell habe sie nicht vor aufzuhören, erzählt sie. In ihrem Bekanntenkreis habe sie erlebt, dass es nicht sinnvoll sei, die Berufstätigkeit mutwillig aufzugeben. Solange sie da ist, können sich Kunden also über handgearbeitete Regenschirme oder individuelle Sonderanfertigungen freuen sowie Familienstücke reparieren lassen.
Schirmfabrik Emil Brauer e.K.
Jülicher Straße 51, 52070 Aachen
schirmfabrik-brauer.de
Öffnungszeiten: Do, 14:00-18:00 Uhr, Fr, 14:00-18:00 Uhr

Die Geschichte des Schirms und der Schirmherstellung in Aachen

Die Entstehung des Schirms geht ins Jahr 300 v. Chr. zurück.

Die erste schriftliche Erwähnung des Schirms in Europa stammt aus dem Jahr 800.

Start des Schirmmacherhandwerks in Deutschland: um 1800

1882 errichtet Emil Brauer sen. in einem Hinterhaus in der Adalbertstraße die erste Produktionsstätte für BRAUER-SCHIRME.

1914 gründen achtzehn „Avantgardisten“ den „Verband Deutscher Schirm-Spezial-Geschäfte“. Es folgt die Verschiebung des Schwerpunktes vom Handwerk auf den Handel.

Vor dem Ersten Weltkrieg kommen 70 % der Schirme aus Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg kann sich die deutsche Schirmindustrie im Weltmarkt nicht mehr behaupten. Sie schrumpft um die Hälfte.

1928 zieht die Schirmfabrik Brauer in den Neubau an der Jülicher Straße (heute Ludwig Forum). In Spitzenzeiten arbeiten hier 1.000 Menschen und 10.000 Schirme werden täglich gefertigt. Brauer gilt zu dem Zeitpunkt als größte Schirmfabrik Europas.

Unter Hitler wird der Herrenschirm verboten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es einen kurzen Schirmboom am deutschen Markt. Der „Knirps“, patentiert 1934 in Solingen, wird zum beliebten Geschenk zu jeder Gelegenheit.

1988 muss Brauer die Fabrik an der Jülicher Straße aufgeben. Die Stadt kauft das Gelände. Seit 1991 ist dort das Ludwig Forum zu Hause.

Heute kommen 98 % der Schirme aus Fernost.

Quellen: schirmfabrik-brauer.de, kappertz-schirme.de/geschichte-des-schirms

Text & Fotos: Birgit Franchy

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