Jessica Behrends (Jahrgang 1991) hat auf dem Dachboden ihrer Mutter Notizbücher ihres Großvaters Hermann Vogt gefunden. Von 1989 bis 2015 erfasste dieser mehrmals täglich Wetterdaten wie Niederschlag, Luftdruck (mb) und Temperaturen in Kerpen, Köln, Aachen und am Kahlen Asten, außerdem den Rheinpegel sowie das tatsächliche Wetter in Kerpen zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Jessica Behrends hat dazu ein Semesterprojekt an der FH Aachen, Fachbereich Gestaltung, realisiert. Dazu gehört ein Interview mit ihrer Cousine Kathrin (Jahrgang 1996), dem Patenkind von Hermann Vogt. Wie hat die Enkelin die Sammelleidenschaft und akribische Arbeit von Hermann Vogt über die Jahre wahrgenommen?

Opa Hermann und du, ihr habt viel Zeit miteinander verbracht. Wie war diese Zeit, an welche Tage erinnerst du dich besonders gerne?
Ich fand es immer sehr toll, wenn wir alle bei ihm waren, also ihn besucht haben und zusammen im Garten oder im Wintergarten saßen und in Prospekten geblättert haben. Einmal hat er von einer Reise nach Sardinien erzählt. Dazu hat er auch Fotos gemacht, die er dann rausgesucht hat, um sie uns zu präsentieren und viel zu dieser Zeit zu erzählen. An diesem Tag ist auch das Bild entstanden, das ich tatsächlich derzeit als Hintergrundbild auf meinem Handy angelegt habe. Opa und ich im Wintergarten!
Das hier, wo er mich so angrinst und ich auch gucke wie ein Honigkuchenpferd. Das war ein schöner Tag, an den ich mich durch dieses Bild gerne zurückerinnere. Seine Geschichten vermisse ich schon sehr. Er erzählte sie, wenn wir zu Besuch waren und er mir seine Pflanzen im Garten gezeigt hat oder wir zum Abendessen den Apfeltee zum Butterbrot getrunken haben.
Meistens war ich mit der Familie da und wir sind zum Formel-1-Gucken zu Opa gefahren. Meine Schwester Tina und ich saßen dann im Wohnzimmer unter dem Tisch und haben von da aus den Erwachsenen zugehört, ferngesehen und unseren Spaß gehabt.

Hast du Erinnerungsstücke behalten?
Erinnerungsstücke habe ich zum Beispiel in Form von Fotos. Fotos von ihm und der ganzen Familie. Mein Opa hat viele Fotos gemacht: von seiner Frau – meiner Oma –, seinen neun Kindern und vor allem auch vom Hausbau und seinem Garten. Zum Schluss hatte Opa das neueste Samsung Galaxy und hat auch damit tolle Fotos gemacht. Als richtigen Gegenstand habe ich ein kleines Nachtschränkchen, das sieht super aus und bedeutet mir sehr viel. Viel mehr habe ich, glaube ich, gar nicht – ah doch, natürlich, ich habe damals seine alten Sitzbezüge fürs Auto mitgenommen. Diese kuscheligen Felldinger, die man eigentlich im Winter auf die Autositze legt. Aber Opa hatte sie das ganze Jahr über im Auto! Sowieso mochte er es sehr gerne warm, auch im Wintergarten, wenn es im Sommer draußen 30 Grad hatte und im Wintergarten bestimmt 45 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit herrschte, dann saß er besonders gerne da!
Ach ja, jetzt fallen mir die Dinge alle wieder ein, ich habe auch noch ein selbstgehäkeltes Kissen mit einem Blumenmotiv darauf. Das ist aus der Küche am Esstisch auf der Küchenbank.

Hermann hat täglich Wetterdaten aufgezeichnet. Wusstest du davon?
Ich wusste, dass er sich täglich Wetterdaten aufschreibt, aber nicht, dass er sie in so einem Ausmaß niedergeschrieben hat. Dass er die Wetterdaten über so viele Jahre gesammelt hat, war mir auch nicht bewusst. Wir haben zwar hier bei meinen Eltern einige Ordner mit ausgedruckten Daten, aber da war er anscheinend sehr ausdauernd.
Wenn wir bei ihm zu Besuch waren, ist er ab und zu auch mal verschwunden, um ebendiese Daten einzusammeln. Da bin ich natürlich manchmal hinterhergelaufen, um zu sehen, was genau er da eigentlich macht. Dafür sind wir immer in den Keller gegangen und haben irgendwo den Luftdruck abgelesen und aufgeschrieben. Als wir dann irgendwann alle Handys hatten, habe ich ihm auch damit weitergeholfen. Wenn er zum Beispiel die Wetterdaten vom Kahlen Asten wissen wollte, konnte ich ihm die mal eben auf dem Handy zeigen.

Wusstest du, dass er die Wetterdaten-Tagebücher auch digitalisiert hat? Es liegen sogar vergleichende Diagramme vor!
Dass er die Daten auch digitalisiert hat, habe ich erst von meiner Mutter erfahren, da sie viele der Ordner mit diesen Daten mitgebracht hat. Allerdings wusste ich nichts von den vergleichenden Diagrammen und Tabellen, die er zusätzlich noch am Computer angefertigt hat.

Meinst du, diese Sammlung war ein Hobby, eine Leidenschaft oder ein Zwang?
Ich denke, eine Sammlung fängt aus einem Interesse oder Hobby heraus an. Klar, irgendwann wird es dann zu einer Leidenschaft und bei manchen Menschen könnte es auch zu einer Sucht werden. Das ist bei Opa – Gott sei Dank – nie der Fall gewesen! Auf die Wetterdaten bezogen hatte er nach einiger Zeit bestimmt auch mal das Gefühl, dass er in gewisser Weise gezwungenermaßen daran festhielt, einfach weil er sie bereits so viele Tage ohne Unterbrechung aufzeichnete. Das kann auch irgendwann einschränkend sein, wenn man andauernd im Hinterkopf hat: Jetzt müsste ich eigentlich noch meine Wetterdaten aufschreiben. Davon darf man sich aber nicht den Tag vorschreiben lassen!
Natürlich ist es auch eine Aufgabe, die man dadurch hat. Sie füllt den Tag und strukturiert den Alltag.
Wahrscheinlich ist es normal, wenn man sich im Rentenalter solchen Aufgaben hingibt. Damals, in seinen letzten Wochen, hat er mir nochmals gesagt, dass es ihm sehr wichtig ist, dass die Sammlung weitergeführt wird. Ich habe natürlich versucht, ihn zu trösten, damit er sich darum keine Sorgen machen muss.
Ich wollte zwar, konnte diese Aufgabe schließlich jedoch nicht fortsetzen. Es war mir einfach zu viel. Es ging mir zu nah, mich nach seinem Tod damit zu beschäftigen. In der Zeit musste ich erst mal für mich selber mit der Situation zurechtkommen. Anschließend hatte ich leider nicht dasselbe große Interesse wie mein Opa daran, diese Notizen weiterzuführen.

War es bei Hermann nur diese eine Art der Sammlung?
Ich glaube nicht, dass mein Opa noch ähnliche oder weitere Sammlungen hatte. Soweit ich weiß oder mitbekommen habe, hatte er nur die Wetterdaten.

Siehst du Vorteile oder Nachteile? Hat das Ganze einen Wert?
An für sich finde ich es sehr interessant, dass eine Person solch eine Leidenschaft für eine Sache aufbringen kann und so akribisch ist, die Sammlung zu erweitern. Man bringt sehr viel Zeit dafür auf und eine solche Aufgabe bringt auch einen gewissen Lebensinhalt in der Pension. Es ist eine Beschäftigung oder auch eine Lebensaufgabe.
Für den einen ist es das, für den anderen etwas anderes. Aber es ergibt für denjenigen einen Sinn. Wenn die Sammlung jedoch zu einer krankhaften Anhäufung wird und im Wust und Sammelchaos endet, ist der schmale Grat zwischen Sammelleidenschaft und Messie-Verhalten überschritten. Es wirkt sich negativ auf das gesamte Leben aus, wenn man selber nicht mehr über die Weiterführung der Sammlung entscheiden kann und man sich gezwungen fühlt, das Leben danach auszurichten.

Was passiert nun mit dieser Sammlung?
Witzig, genau darüber habe ich zuletzt noch mit meiner Mutter gesprochen. Wir haben überlegt, was man mit den ganzen Wetterdaten noch machen könnte. Wir haben uns gefragt, ob ein Wetterdienst vielleicht daran Interesse haben könnte. Da stellte uns sich aber gleich die Frage, ob sie diese Daten nicht eh schon selber aufgezeichnet haben. Allerdings weiß ich fachlich auch nicht genau, was für Daten Opa da gesammelt hat und ob sie sehr speziell sind, sodass sie interessant für die Forschung sein könnten, oder ob es nur allgemeine Daten sind. Für mich persönlich finde ich es sehr interessant, wenn man in den Kalendern zurückblättern kann und sich zurückerinnert an diesen einen heißen Sommer oder dass ich bis zu meinem Geburtstag zurückschauen kann und das Wetter zu diesem Tag parat habe. Ob wir nun alle Kalender und Aufzeichnungen behalten, weiß ich nicht, es ist ja auch einfach sehr viel Platz, der dafür gebraucht wird. Vielleicht könnte man die Daten auch so aufbereiten, dass jeder, der damit noch nichts zu tun hatte, sie versteht. Oder man fragt tatsächlich mal bei einer Wetterstation nach. Wenn wir heute durch die Sammlung blättern, haben wir die Erinnerungen an unseren Opa, einen Mehrwert können wir für uns aus den Daten jedoch nicht ziehen.

Interview & Fotos: Jessica Behrends
Bearbeitung: Birgit Franchy

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