Christopher Ward, 1980 in London geboren, präsentiert sich im Pressegespräch charmant und strahlt viel Selbstbewusstsein und eine Mischung aus Distinguiertheit und jugendlicher Unbekümmertheit aus. Durchaus Dinge, die man sich von einem frischgebackenen Generalmusikdirektor erwartet, wenn einem der Sinn nach frischem Wind aus dem Orchestergraben steht.

Die Entscheidung darüber, wer nach Kazem Abdullah neuer GMD in Aachen werden soll, haben sich Findungskommission und Rat nicht leicht gemacht. Das Bewerberfeld startete mit immerhin sage und schreibe 78 Teilnehmern. Am Ende stand fest: Christopher Ward hat das Rennen gemacht. Laut Kulturdezernentin Susanne Schwier war unter anderem ausschlaggebend, dass sich Ward im Gespräch als als sehr offen und kommunikativ präsentierte. Man hat offenbar in ihm einen Bewerber gefunden, der Willens und in der Lage ist, neue Formate zu bedienen und auch zu vertreten. Die Arbeit mit den Aachener Symphonikern in der Phase seiner Bewerbung habe ihn begeistert, sagt er. Dem Orchester attestiert er, dass es seine Art, in Bildern zu denken, verstehe und umzusetzen wisse. Die sprichwörtliche Chemie scheint da also schon mal zu stimmen.

Quo vadis?

Zur Programmgestaltung der kommenden Spielzeit kann derzeit noch nicht viel mitgeteilt werden. Zwar sind die Opernaufführungen bereits gesetzt (und werden im Mai bekannt gegeben werden), was die Konzerte angeht, wurde aber bewusst noch nicht allzu konkret vorausgeplant, denn Ward soll und will bereits in seiner ersten Spielzeit maßgeblich Einfluss nehmen. Seiner Reputation als Verfechter zeitgenössischer Werke folgend, werden sich die Aachener wohl auf viel Neues freuen dürfen. Außerdem ist eine Akzentuierung der Chormusik, eins der Steckenpferde von Christopher Ward, der bereits in jungen Jahren eine Ausbildung als Chorsänger genoss, zu erwarten. Letzteres freut Generalintendanten Michael Schmitz-Aufterbeck, der diesbezüglich auf die lange Chortradition Aachens verweist und im Übrigen auch die Zusammenarbeit von Orchester und Bühne für ausbaufähig hält. Viel von Aachen gesehen hat der neuen GMD noch nicht, ist sich aber jetzt schon sicher, dass er in Zukunft unbedingt den Dom bespielen möchte. Den hat er bereits besucht und schwärmt von der beeindruckenden Ur-Energie des Ortes.

Ziemlich sicher ist die Fortführung der Zusammenarbeit mit der RWTH, die bereits im Rahmen des Music Lab von Wards Vorgänger aufgenommen wurde. Auch denkt man über neuartige Spielorte, wie beispielsweise das Depot in der Talstraße, nach. Nebenbei wird damit auch der Versuch einer Antwort auf die Frage gegeben, wie viel von welcher Art Kultur sich Aachen leisten kann oder soll. Ward muss ein bisschen nach der Vokabel suchen, aber dann hat er sie: Kultur gehöre doch eigentlich zur Grundversorgung. Treffender hätte man es dann auch nicht formulieren können, zumal von Seiten des Kulturbetriebs nicht nur auf neue Formate im städtischen Rahmen abgehoben, sondern auch die Einbeziehung der freien Kulturszene für die Zukunft avisiert wird. Eine Art Think Tank könne es dazu geben, wird in den Raum gestellt. Das klingt gut, denn wenn (Hoch-)Kultur dort ankommt, wo sie von einem heterogenen Publikum wahrgenommen wird, und ungewöhnliche Synergien gebildet werden, ist immer etwas gewonnen. Und mit dem neuen GMD als Vertreter einer jungen, dynamischen und undogmatischen Generation von Künstlern ist das durchaus vorstellbar. Wir sehen uns also vielleicht demnächst mal im Musikbunker, Mr. Ward?

Eine Karriere in Deutschland

Christopher Wards Ausbildung führte ihn bereits vor zwölf Jahren nach Deutschland, wo er bei verschiedenen Engagements Gelegenheit hatte, auf den Spuren seiner Helden, wie er sagt, zu wandeln. Als Beispiele nennt er Kassel, wo lange vor ihm Gustav Mahler wirkte (der angeblich dem Kasseler Orchester durch lautes Stampfen den richtigen Takt beibrachte), und München, das Ward mit Richard Strauss verbindet. Seit 2014 ist er 1. Kapellmeister am Saarländischen Staatstheater. Sein erster offizieller Arbeitstag in Aachen wird der 1. August sein. Mit dann 38 Jahren wird er zwar nicht der jüngste GMD sein, den die Stadt je hatte (das war Herbert von Karajan, der 1935 mit 27 den Posten antrat), aber möglicherweise der experimentierfreudigste. Die erste Gelegenheit, ihn in Ausübung seiner Profession zu erleben, hat man anlässlich der Kurpark Classix 2018 am Freitag, 31. August. Dann übernimmt er die musikalische Leitung des Auftakts der zwölften Auflage des Aachener Klassik-Open-Air-Festivals, zu dem in diesem Jahr Startenor Rolando Villazón geladen ist.

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