Das Ludwig Forum und das Internationale Zeitungsmuseum lassen eine der wichtigsten Epochen der jüngeren Kulturgeschichte aufleben

Ludwig Forum: Flashes of the Future – Die Kunst der 68er oder die Macht der Ohnmächtigen

Gemeinhin versteht man unter den Achtundsechzigern in Deutschland jene in großen Teilen von Studenten getragene politische Bewegung, die sich gegen den Muff und die Verdrängungsmentalität der postfaschistischen 1950er-Jahre wandte. Sie stieß damit den gesellschaftlichen Diskurs an, der letztlich zur Entstehung der Friedensbewegung, zur Gründung der Partei Die Grünen und zur Etablierung einer alternativen Kulturpraxis führte, die schon bald in alle erdenklichen Lebensbereiche sedimentierte.

Doch nicht nur in Deutschland waren die 1960er-Jahre – und das symbolische Jahr 1968 – eine Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung. 50 Jahre nach 68 widmet sich das Ludwig Forum in einer großen Ausstellung einem damals nahezu weltweit zu beobachtenden Phänomen, das sich beispielsweise in den USA im Aufkommen des abstrakten Expressionismus, der Pop-Art oder der Minimal Art (als Akt der Emanzipation von der bis dato europäisch dominierten Kunstgeschichte) manifestierte. Auch in Frankreich, das in den 1960er-Jahren, ausgelöst durch den Algerienkonflikt, dem blutigen Ende seiner Zeit als Kolonialmacht entgegensah, löste die Epoche tiefgreifende Veränderungen aus, die ihren Niederschlag auch in bedeutenden künstlerischen Positionen fanden. Damit wären bereits die drei geographischen Schwerpunkte benannt, um die sich die monumentale Schau auf rund 4.000 Quadratmetern drehen wird.

Der Titel der Ausstellung verweist auf einen Umstand, der mitunter in der Rückschau zu wenig Beachtung findet und hier dankenswerterweise aufgegriffen wird. Übersehen wird nämlich oft, dass es bei den gesellschaftlichen Verwerfungen keineswegs nur um den Widerstreit von Ideologien ging, sondern um die Utopie einer egalitären Gesellschaft. Das Aufflackern der Blitze aus der (besseren) Zukunft stellte eine damals vielleicht naive und aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbare Initialzündung dar, die sich jedoch idealerweise anhand der Exponate und deren Kontextualisierung nachvollziehen lassen wird.

Setzt man voraus, dass die Ausstellung mehr sein soll als eine historisierende Zusammenstellung heute kanonisierter Werke, werden einige Debatten zu führen sein. Beispielsweise darüber, ob wir es derzeit mit einer verzerrten Wahrnehmung des gesellschaftlichen Aufbruchs in den 1960er-Jahren zu tun haben. Denn erschöpft sich einerseits die Betrachtung aus Sicht linker Kreise darin, die destruktiven Tendenzen (im Sinne der Zerschlagung überkommener Denkschemata und Gesellschaftsmodelle) zu idealisieren, kaprizieren sich konservative Kräfte (gerade heute wieder) darauf, die gleichen Tendenzen entsprechend ihrer politischen Agenda ausschließlich negativ zu konnotieren (um es einmal gelinde auszudrücken).

Was die Befragung der Kunst hinsichtlich ihrer aktuellen gesellschaftlichen Bedeutung angeht, sind also die Positionen von damals vielleicht explosiver, als man zunächst annimmt. Auch so gesehen kommt die Ausstellung zu einem perfekten Zeitpunkt und es verwundert nicht, dass sich Museumsdirektor Andreas Beitin überrascht darüber zeigt, dass außer ihm bundesweit niemand in einem großen Haus auf die Idee kam, sich anlässlich des Jubiläums mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dem Museum und der Stadt beschert er damit ganz nebenbei in den kommenden Monaten ein schönes Alleinstellungsmerkmal, das sich nicht zuletzt dem Sammler Ludwig verdankt. Der kaufte bereits 1967 seinen ersten Wesselmann und kumulierte in der Folge einen vermutlich einzigartigen Bestand damals zeitgenössischer Kunst. Beitin kann für die Ausstellung also aus dem Vollen schöpfen.

Zur Ausstellung erscheint ein 600 Seiten starker Katalog, der dank der Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung zum sensationell günstigen Preis von 7,00 Euro angeboten werden wird. Schirmherr der Ausstellung ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Flashes of the Future
20.04.-19.08.2018
Ludwig Forum für Internationale Kunst
Eröffnung: Do, 19.04.2018, 19:00 Uhr

Internationales Zeitungsmuseum (IZM): Flashes of the Past – Medienwandel und Protestkultur

Im Fokus einer komplementierenden Sonderausstellung im Internationalen Zeitungsmuseum wird die Medienlandschaft jener Zeit stehen. Den Besucher erwartet der Zeitgeist der 68er im Spiegel einer Vielzahl unabhängiger Publikationen. Auch die kritische Auseinandersetzung mit den damaligen Mainstreammedien, insbesondere der berüchtigten Springer-Presse, werden in den Exponaten thematisiert werden. Bei jenen, die die Zeit selbst noch miterlebt haben, werden Erinnerungen an die vorherrschenden Topoi der Zeit wach. Stichworte wären etwa der Generationenkonflikt, der Kalte Krieg oder die Entstehung der Sub- und Jugendkulturen. Und wer sich heute in Kenntnis oder in Unkenntnis der historischen Bezüge mit Bürgerbewegungen oder mit Frauenrechten und Emanzipation auseinandersetzt, wird Gelegenheit haben, die Ursprünge dieser Entwicklungen aus heutiger Sicht zu bewerten oder sich neu zu erschließen.

„Flashes of the Past“ startet bereits eine Woche vor der Ausstellung im Ludwig Forum.

Flashes of the Past
14.04.-19.08.2018
Internationales Zeitungsmuseum
Eröffnung: Fr, 13.04.2018, 19:00 Uhr

Für den kombinierten Besuch beider Ausstellungen wird ein ermäßigtes Ticket für 12 Euro angeboten.

Titelfoto: Berlin, 3. Februar 1968, Demonstration auf dem Kurfürstendamm gegen die griechische Militärjunta, Foto: Michael Ruetz
Unten: Martha Rosler, „Cleaning the Drapes“ aus der Serie „House Beautiful – Bringing the War Home“

zurück Unboxing – Christopher Ward wird Aachens neuer Generalmusikdirektor
weiter Steig. Nicht. Aus!