Dialogues des Carmélites


Dialogues des Carmélites | Foto: Ludwig Koerfer

Der unterdrückte Mensch ist ein gefährliches Tier. Gegen Ende der zweiten Phase der französischen Revolution, die als Schreckensherrschaft in die Geschichtsbücher einging, konzentrierte sich die entfesselte Wut der Revolutionäre auf alle Andersdenkenden. Im Namen der Freiheit wurden Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes verübt. Betroffen waren nicht nur der Adel, auch die Geistlichkeit und kirchliche Gemeinschaften fielen dem Beil der vermeintlichen Gerechtigkeit zum Opfer. Trotz eines 1793 erlassenen Dekrets, das die uneingeschränkte Religionsausübung sicher stellte, tropfte von den Pariser Guillotinen am 17. Juli 1794 das Blut von 16 Karmelitinnen. Die Schwestern des Karmels von Compiègne weigerten sich, ihre Ordensgelübde zu brechen und wählten den Märtyrertod.

Die Schriftstellerin Gertrud von le Fort verarbeitete 1931 die Ereignisse in ihrer Erzählung „Die Letzte am Schafott“, und fügte zu den historischen Personen die fiktive adelige Blanche de la Force hinzu. Blanche, seit frühester Kindheit von Panikattacken und Angstzuständen gequält, sucht ihr inneres Heil bei den Unbeschuhten Karmelitinnen und wird im Orden als Schwester Blanche von der Todesangst Christi aufgenommen. Seelenheil und Ruhe findet sie jedoch erst bei ihrem Gang zum Schafott.

Doch nicht Gertrud von le Fort inspirierte Francis Poulenc zu seinem Libretto, es war Georges Bernanos und dessen Drehbuch „Les Dialogues des Carmélites“ aus dem Jahr 1949. Bereits nach dem großen Erfolg der Uraufführung (1957) in Mailand avancierte die Oper zu einem der wichtigsten und schönsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts.
Poulenc ist ein Modernist, große Arien erwartet man vergebens, es sind die an Kammer- und Kirchenmusik erinnernden zarten Dialoge, die mit unprätentiöser Sanftheit und Klarheit überwältigen.

Unprätentiös ist Regisseurin Ute M. Engelhardt wahrlich nicht, die Klarheit, mit der sie sich dem Stoff nähert ist jedoch mehr als überwältigend. Sie schafft einen geistigen Raum jenseits des großartigen Bühnenbildes von Jeannine Cleemen und Moritz Weißkopf, in dem sowohl die Musik als auch die Sänger zu ihrer vollen Entfaltung kommen. Es ist die Kunst des Weglassens, die der tragischen Geschichte eine besondere Tiefe verleiht. Die stille Strenge, die lediglich in den Szenen der revolutionären Wirren aufgebrochen wird, ist ein modernes und gleichzeitig zeitloses Bild des in sich gekehrten Lebens.
Ihr bedachter und reduzierter Umgang mit christlicher Symbolik verleiht der Inszenierung auch eine besondere Gültigkeit, die weit über die Pforten eines Klosters reicht. Überwindung der Angst, Zusammenhalt und der feste Wille, sich treu zu bleiben sind die dominierenden Aussagen und diese gelten heute wie damals, innerhalb und ausserhalb einer kirchlichen Gemeinschaft.
Die Idee, dem seelischen Zustand Gestalt zu verleihen – Blanche trifft bei ihren Panikattacken ihr inneres Kind -, die durchaus Kitschpotential hätte, fügt sich unaufdringlich in die Geschichte hinein und führt die geistige Entwicklung Blanche’ zwar etwas plakativ, dennoch einfühlsam vor Augen.

Mit „Salve Regina“ auf ihren Lippen gehen die Ordensschwestern ihren letzten Gang zu Schafott. Bei der bewegendsten Szene der Oper bleibt Regisseurin Ute M. Engelhardt weniger zurückhaltend. Dieses Mehr, dieses Hinzufügen statt Wegzulassen, ist kein Paukenschlag und keine Effekthascherei. Die Wucht aber, mit der sie auf das Gemüt haut, ist in allen Poren zu spüren.

In der spannenden Einführung berichtete Dramaturg Christoph Lang von der intensiven Auseinandersetzung mit dem Stoff und von vielen Gesprächen unter dem Ensemblemitgliedern die nicht wenig tränenreich waren. Auch ohne diese Information fühlt man einen besonderen Zusammenhalt, eine besondere Verbindung unter den Mitwirkenden. Die Gemeinschaft wird nicht gespielt, sie wird auf der Bühne gelebt.

Eine starke Inszenierung mit Sogwirkung, in der einfach alles passt. (ek)

Dialogues des Carmélites – Oper von Francis Poulenc | Stadttheater Aachen – Bühne | Musikalische Leitung: Justus Thorau | Inszenierung: Ute M. Engelhardt | Bühne und Kostüme: Jeannine Cleemen, Moritz Weißkopf
Termine: 15., 21., 29. April; 05., 17., 20., 26. Mai; 01. Juni

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