doc/fest hinter Gittern – Kinobesuch hinter Sicherheitsschleuse und mit ohne Smartphone


Bei diesem Kinobesuch fallen mehrere Dinge sofort auf und aus der Reihe. In den Kinosaal gelangen nur bis zu 10 Personen auf einmal. Vorher müssen sie durch eine Sicherheitsschleuse und ihren Ausweis abgegeben. Ins Gebäude kommt nur, wer vorher schon namentlich angemeldet ist. Die Besucher werden von behandschuhten Polizeibeamten abgetastet und ein Smartphone darf garnicht erst in das Gebäude. Wir befinden uns bei einer Veranstaltung des doc/fest on tour. Es zeigt dokumentarische Kurzfilme an besonderen Orten und wir sind am 19. April 2018 zweifelsohne an einem besonderen Ort, nämlich in der JVA Aachen, in der 800 Gefangene inhaftiert sind und wo heute zwei Kurzfilme gezeigt werden, die sich mit ihrem Alltag befassen.
Die Veranstaltung wird von rund 70 Personen besucht. Es sind Leser mit einem Abonnement einer Zeitung des Aachener Zeitungsverlages, sowie die beiden Regisseure der Filme „Raumfahrer“ und „Tag für Tag“, sowie Inhaftierte und Teilnehmer der Film-AG Podknast. Von der hinteren Stuhlreihe beobachten 10 bewaffnete Polizisten das Geschehen.

Der 42-minütige Film „Raumfahrer“ des Regisseurs Georg Nonnenmacher begleitet einen Gefangenentransport. Ein junger Mann wird von seiner Haftanstalt quer durch Deutschland gefahren und wieder zurück. Lange Einstellungen zeigen die monotone Fahrt über die Autobahn. Manchmal hält der Transporter, um die Gefangenen auf die Toilette zu lassen. Schwere Türen, Tore, Gitter werden auf- und zugeriegelt. Es wird wenig gesprochen. Aus dem Off sind alle paar Minuten Gedanken verschiedener Gefangener zu hören. Manchmal verharrt die Kamera auf dem Gesicht des jungen Mannes, der begleitet wird. Wir erfahren wenig über ihn. Kriminell wurde er schon mit 10, war mehrfach im Gefängnis, seit er 15/16 ist. Transporte mag er nicht. Er fühlt sich wohler, wenn er die Beständigkeit seiner Zelle hat und möchte nicht, dass die Routine unterbrochen wird und er an draußen erinnert wird. 42 Minuten sind lang. Der Film spiegelt gut die Eintönigkeit und Tristesse der langen Fahrt, auf der die Insassen zur Untätigkeit verdammt sind – in einer winzigen Kabine und mit einem kleinen Seeschlitz in die Freiheit, in die sie nur blicken, aber nicht ausbrechen können.

Raumfahrer | Foto: HIHEAD FILM

Die Idee zum Film kam Nonnenmacher, als er an einer anderen Doku arbeitete. Er interessiert sich für die Randthemen der Gesellschaft, wirkt an einer Doku mit, in der es um Mörder ging, die aus Liebe getötet haben. Dort sah er des öfteren die Busse für die Gefangenentransporte und beschloss einmal etwas darüber zu drehen. Die Gelegenheit ergab sich schließlich zufällig. Er lernte einen jungen Gefangenen in einer Theater-AG kennen, der bald zu einem Prozess gefahren werden sollte. Dieser willigte ein, sich begleiten zu lassen. Die Dreharbeiten erlebte das Filmteam als sehr intensiv, saßen sie schließlich selber bei der Dreharbeit mit im Transport und in der winzigen Zelle, erzählt Nonnenmacher im Anschluss an den Film.

„Tag für Tag“ ist in der JVA Aachen entstanden. Verantwortlich zeichnet Regisseur Michael Chauvistré, der sich in den letzten Jahren mit vielen Produktionen aus Aachen einen Namen gemacht hat. Mehrere Filme (z. B. „Wie geht Deutschland“, „Eine Banane für Mathe“) entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Flüchtlingen in Aachen. „Beer Brothers“ lief zuletzt erfolgreich im Rahmen der Ausstellung „Bier und Wir“ im Centre Charlemagne.
Zusammen mit Lehrer Frank Lennartz, der in der JVA fest angestellt ist und die Film-AG Podknast leitet, entstand nun die Produktion „Tag für Tag“. Die 8-minütige Doku zeigt das Leben im Gefängnis und begleitet drei Probanden zu ihrer Arbeit. Der Film hat sowohl humorige Ansätze, beispielsweise wenn ein älterer Insasse den Boden schrubbt und über sein Leben sinniert, aber – wie es das Thema erfordert – werden auch ernste Aspekte nicht ausgespart, als ein Insasse erzählt, dass er jeden Tag an die Freiheit denke, aber auch jeden Tag an sein Opfer. Da wird auch dem Zuschauer wieder klar, wo er eigentlich gerade ist.

Die Häftlinge Peter und Thomas stellen sich im Anschluss an die Filme den Besucherfragen. Beide wirken intelligent, wissen sich auszudrücken. Beide verbüßen eine lange Haftstrafe, einer der beiden ist schon 13 Jahre in der JVA. Sie erzählen hauptsächlich über die Film-AG und die Bedeutung von Beschäftigung im Gefängnis. In ihren Filmen würden sie gerne auch kritischere Töne anschlagen, meint Peter, wollen erzählen, was nicht so gut laufe und wollen nicht zensiert werden.

Lehrer Frank Lennartz hat das letzte Wort. Erst einmal in sieben bis acht Jahren, seit er die Film-AG anbietet, habe man einen Beitrag zensieren müssen. Er spricht die Gradwanderung an, die man bei der Arbeit im Blick haben müsse. Schließlich gäbe es Opfer und Leid hinter den Geschichten, das dürfe man bei aller Sozialromantik nicht vergessen.

Auf die Minute pünktlich um 20 Uhr endet die Veranstaltung. In Zehnergruppen begeben sich die Besucher wieder in die Schleuse, besorgen ihre Ausweise und verlassen das mit hohen Mauern umgebene Gebäude in strahlenden Sonnenschein hinter der Soers.
Dies war nicht nur eine sehr intensive Veranstaltung, sondern seit Jahren auch die erste, die ich besucht habe, bei der niemand auf sein Smartphone schaut, kein Handy klingelt und keiner Fotos oder Videos macht.

Wer sich für die Filme interessiert, kann doc/fest on Tour am Samstag, 9. Juni 2018 im Tuchwerk besuchen. Die Filme sind dann noch einmal zu sehen, allerdings mit Handy und ohne Sicherheitsschleuse. Im Anschluss läuft der Indisch-Deutsche Film „Machines“ (71 Min.).
Tickets wird es unter www.docfest.eu geben und an der Abendkasse.

 

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