character studies, promotional material, self actualization and contemporary photography 2013-2018

Einen Tag vor der Eröffnung der Ausstellung treffen Warren Fischer und Casey Spooner die Presse. Fischer möchte ausdrücklich nicht fotografiert werden. An den Wänden hängen überlebensgroße Fotos von Spooner. Es ist der bisher wärmste Tag des Jahres.

Mit der Veröffentlichung des aktuellen Albums SIR (Februar 2018), der eine Ausstellung gleichen Titels im mumok (museum moderner kunst stiftung ludwig wien) vorausging und nun die Ausstellung im NAK folgt, legen Fischerspooner nach neun Jahren erstmals wieder ein musikalisches Werk vor. Das von Michael Stipe (R.E.M) produzierte Album wurde bisher, zumindest von der Kritik, weniger warm aufgenommen als vielleicht erhofft. Nun gut, in der Ausstellung spielt die Veröffentlichung keine Rolle, insofern muss man sich an dieser Stelle auch über die musikalischen Meriten von Fischerspooner weiter keine Gedanken machen.

Zu hören gibt es also nichts, dafür aber umso mehr zu sehen. Warren Fischer und Casey Spooner aus New York sind ein ungleiches Paar. Während Fischer im Hintergrund vor allem als musikalisches Mastermind agiert, ist Spooner das public image des Konglomerats. Von bekannten sowie gänzlich unbekannten Fotografen in privaten oder inszenierten Settings abgelichtet, zelebriert Spooner seine Homosexualität in freizügiger Weise, und was bislang in der Hauptsache auf dem Instagram-Kanal von Fischerspooner zu sehen war (instagram.com/fischerspooner), wird jetzt raumgreifend im NAK präsentiert. Praktisch alle Wände sowie der komplette Boden beider Etagen wurden wortwörtlich mit Fotos tapeziert, die Casey Spooner mal mehr, mal weniger und mal gar nicht bekleidet zeigen. Wie bereits in der Ausstellung in Wien, die seine Wohnung in New York nachstellte, geht es auch im NAK um die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum beziehungsweise um den medialen Umgang damit. Im Gegensatz zu den meisten Vertretern der Generation Selfie, die gerade dabei sind, den Begriff der Fototapete ganz neu zu definieren, machen Fischerspooner die Zurschaustellung und das konstante Mitteilungsbedürfnis, das uns zu Performern im eigenen Leben werden lässt, selbst zum Thema. Für diese medienkritische Betrachtung lässt Mr. Spooner gerne alle Hüllen fallen.

Die Dualität privater und zugleich öffentlich zelebrierter Sexualität ist kein neues Phänomen. Nicht in der Kunst, nicht in der Popkultur und am allerwenigsten in der Subkultur. So erinnert die Ausstellung in Teilen denn auch frappierend an die glory days der Westcoast-Schwulenkultur der 1970er Jahre. Regisseure wie Wakefield Poole (Boys in the Sand, 1971) oder Herausgeber wie Jack Fritscher (Drummer Magazine, ab 1977) hätten ihre helle Freude gehabt, am Exhibitionieren und am Schwulsein als Waffe und Reflex gegen eine repressive Gesellschaft (Danke, Anita Bryant).
Während die genannten und andere, auch begünstigt durch die sogenannte sexuelle Revolution der Beatniks und Hippies, dem Stigma der Andersartigkeit mit der ganzen medialen Wucht erstaunlicher und heute nahezu vergessener Underground-Magazine und -Filme entgegentraten, sedierte die Botschaft gleichermaßen in den Mainstream wie in die Popkultur. Bis Aids schwule Sexualität wieder unter Generalverdacht stellte.
Casey Spooner spricht folgerichtig von seiner Generation als der Post-Aids-Generation, die heute wieder an die Radikalisierung der Queer-Communities in den 1970ern anknüpft. Dass man sich überhaupt jemals dazu genötigt sehen würde, hätte man bis zur jüngsten Präsidentschaftswahl in den USA wohl nicht für möglich gehalten. Im August 2017 sagt Casey Spooner dem Magazin Monopol: „Nach der Trump-Wahl hat sich viel verändert. Die homosexuelle Szene ist aber viel aktiver geworden. Ich fühle so etwas wie ein Mandat zu einer hyperaggressiven Homosexualität: quasi so expressiv schwul zu sein, wie es mir nur möglich ist.“

Dem Neuen Aachener Kunstverein gereicht zur Ehre, dass er Fischerspooner erstmals mit einer Ausstellung nach Deutschland holt und ihren prallbunten Instagram-Content ziemlich konsequent und mit beeindruckendem Aufwand in die dritte Dimension auswalzt. Schade, dass die Decke nicht ebenfalls tapeziert wurde, was den Eindruck, dass man sich, metaphorisch gesprochen, in Casey Spooner drin befindet, sicher noch forciert hätte. Was ist nun anzufangen mit dieser hedonistischen Roadshow, deren schiere Monumentalität geschlechterübergreifend die Kinnladen herunterklappen lässt? Nichts weiter. Man erfreut sich ganz einfach an der Omnipräsenz von Oberfläche, alldieweil diese alles andere als oberflächlich ist. Ein letztes Spooner-Zitat aus dem Monopol-Artikel: „Da, wo ich herkomme, gab es keine andere Kunst als die Popkultur. Ich konnte also nie hinunterschauen auf sie als niedere Kunst.“

Casey Spooner trägt einen Pelzmantel und eine Lederhose. Die Frühlingssonne legt sich mächtig ins Zeug. Der Pressetermin dauert länger, als Spooner erwartet hat, und der Mime kommt langsam ins Schwitzen. Wenn es so etwas wie eine zeitgenössische, US-amerikanische Variante der Commedia dell’arte gäbe, würde sie ziemlich genau so daherkommen wie Fischerspooner. Denke ich.
Eckhard Heck
SIR: character studies, promotional materials, self actualization and contemporary photography 2013-2018
noch bis 27.05.2018
NAK – Neuer Aachener Kunstverein
neueraachenerkunstverein.de

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