Der große Kiosk-Report | Nummer 4: Euro-Kiosk an der Grenze zu Vaals

Orhan Aras betreibt seit 25 Jahren den Euro-Kiosk an der oberen Vaalser Straße. Für seine Gäste ist er Häuptling, Streetworker und gute Seele des Viertels in Personalunion. Um 10 Uhr trifft man sich zu Feierabendbier, Frühschoppen und Kaffee. Sogar Elvis ist Stammgast.

Morgens 10 Uhr an einem Mittwoch im April: Kasim Aras arbeitet wie jeden Tag im Kiosk seines Vaters Orhan Aras. Um 6:30 Uhr hat er seine Schicht begonnen. Nach seiner Erinnerung wird er in die Arbeit eingespannt, seit er fünf Jahre alt ist. Damals hat sein Vater den Kiosk übernommen und die Söhne sind in dieser Umgebung aufgewachsen. Der andere Sohn, Nazim, betreibt inzwischen selbst einen Kiosk: Knubbens Häusgen in Burtscheid (siehe Kiosk-Report Nummer 1). Vater Orhan ist gerade unterwegs, er will noch Croissants für unseren Termin besorgen. Kasim bewirtet mich schon einmal mit Cappuccino und Kuchen – hier werde ich bestimmt nicht verhungern.
Um einen Stehtisch vor der Tür steht eine bunte Gruppe Kundschaft, ich werde ohne jegliche Berührungsschwierigkeiten in ein Gespräch verwickelt. Ed, Tün und Dirk sind Stammgäste. Ed und Tün kommen gerade von der Nachtschicht. Sie arbeiten als Lieferfahrer, waren wie jede Nacht in der Woche viele Stunden auf Tour. Bei Orhan treffen sie sich gerade zum Feierabendbier. Ed kommt seit 20 Jahren hierher. Dirk, der Aachener Elvis-Imitator, ist seit 15 Jahren Stammgast bei Orhan. Er holt sich morgens gemütlich einen Kaffee.
Der stille Niederländer Tün wohnt noch nicht so lange in der Nachbarschaft. Er schätzt besonders, dass er bei Orhan so schnell Kontakte knüpfen kann, schneller als in einer Kneipe, versichert er. In einer Kneipe seien die Menschen jeder für sich oder in einer Gruppe, hier komme man automatisch ins Gespräch, wenn man sich an den Stehtisch oder an den großen Tisch unter dem Sonnenschirm setzt.
Eine alte Dame steht auch dabei. Sie, Ed und Dirk kennen die Ecke seit Jahrzehnten, erinnern sich noch an die Grenze und an die Straßenbahn vor der Tür. Der heutige Kiosk war damals eine Mischung aus Trafohäuschen und Fahrkartenschalter, auch Zeitungen konnte man damals schon kaufen. Die Gruppe schwelgt in Erinnerungen, die Vergangenheit ist auf dem Smartphone griffbereit. Dirk googelt nach alten Bildern.

Man kommt auf Orhan Aras zu sprechen. Er sei der Häuptling, der Streetworker und dies sei der soziale Treffpunkt des Viertels. Ed zieht Parallelen zum Ruhrpott. Dort sei es normal, dass sich das arbeitende Volk am Kiosk treffe, in Aachen bleibe das langsam auf der Strecke, wenn das Ordnungsamt so viele Verbote aufstelle. Dabei gebe es wirklich andere, dringlichere Probleme, sind sich alle einig. Man habe doch genug mit Kriminalität zu tun und solle sich lieber um die Jugendlichen kümmern. An der oberen Vaalser Straße mache das Orhan, er resozialisiere sogar die Jugend, kümmere sich um alle, halte die Straße sauber.
Inzwischen ist Orhan Aras wieder da. Ich bekomme ein Croissant und noch mehr Cappuccino und eine Orange. Orhan Aras schätzt seinen Job. Schon sein Vater sei ein geselliger Mensch mit einem offenen Herzen gewesen. Orhan Aras suchte deshalb vor 25 Jahren nach einem Wirkungsfeld, wo er mit Menschen in Kontakt war und sich kümmern konnte. Den Kiosk brachte er mit viel Eigenleistung auf Vordermann. Den Standort Vaalser Straße findet er optimal und mit einer Wegstrecke von einer Stunde zu Fuß in die Innenstadt zentral gelegen. An Aachen vermisst er einen Fluss. Von seinen täglichen Gästen kennt er 80 Prozent und kann viele Geschichten erzählen von verirrten Senioren und von zu Hause abgehauenen Jugendlichen, um die er sich gekümmert hat. Oder von Menschen, die nach dem Krieg Lebensmittel aus Vaals bekamen, als es in Deutschland nichts zu essen gab, und die deshalb immer wieder nach Vaals zu Besuch kommen.

Dass er hier der Häuptling ist, glaubt man sofort. Er sorgt auch dafür, dass sich alle vertragen, egal wo sie herkommen. Radikale Ansichten bleiben draußen, da setzt sich Orhan Aras mit seiner ruhigen Art durch. Ein neuer Kunde betritt den Kiosk. „Hast du verschlafen, Jung?“, fragt er. „Der kennt uns alle“, sagt der Kunde, „der kennt sogar Gott.“

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