Bilder und Medien 1968-2018

Sich der aktuellen Ausstellung im IKOB zu nähern ist genau so schwierig wie, einen Text darüber zu verfassen. So viele Exponate. So viele Bezüge. Man weiß wirklich nicht, wo man beginnen soll. Vielleicht damit, dass eine umfassende Werkschau zu Jürgen Claus, der 1935 in Berlin geboren wurde und heute im wallonischen Baelen lebt, längst überfällig war. Gut, dass das IKOB diese Lücke nun schließt. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich viele von Clausʼ Arbeiten nur theoretisch und sekundär erfahren lassen, da sie oft temporärer Natur waren und sind oder reine Theoreme darstellen, die er in Skizzenheften und Notizbüchern sammelt. Darüber hinaus gehören auch ein umfangreiches Archiv von Vorlagen, Literatur und diversen Artefakten sowie eine Vielzahl eigener Veröffentlichungen zu seinem Kosmos, und „Kosmos“ stellt hier keineswegs eine Übertreibung dar. Bereits in den späten 1960er Jahren beginnt Claus damit, sich Umweltthemen zu widmen und sie ins Zentrum seines Schaffens zu stellen, was ihn seinerzeit zu einer Ausnahmeerscheinung machte.

Er war mit den Meeresforschern Jacques Cousteau und Hans Hass (zwei Helden meiner Jugend) bekannt, natürlich. Denn ein nicht geringer Teil seiner Kunst beschäftigt sich mit dem Ozean, den er als Bühne und Medium begreift. Unterwasserklanginstallationen, unterseeische Skulpturengärten: Claus ist gleichermaßen Forscher, Künstler und Umweltaktivist. Er stellt in seinen Werken vielfach Bezüge zu Architektur und Philosophie her und referenziert sowohl den Architekten Buckminster Fuller als auch den Naturforscher Alexander von Humboldt oder den Mediziner, Zoologen, Philosophen und Freidenker Ernst Haeckel. Neben der „Welt unter Wasser“ (Ausstellungstitel Naturmuseum Luzern, 1979) entdeckt Claus auch alle anderen Naturphänomene für sich und befasst sich unter anderem intensiv mit der Solarenergie, und das nicht nur im metaphysischen und ökologischen, sondern auch im ökonomischen Sinne. Seine Modelle und Entwürfe sind gleichermaßen visionäre wie funktionale Bauanleitungen, die lange vor dem aktuellen Diskurs um erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit entstanden und zum Teil auch realiter umgesetzt wurden.
Rund zwanzig Jahre nach seinen ersten „Seestücken“ proklamiert Claus schließlich das Ende der klassischen Kunstproduktion (der er sich allerdings in jüngeren Jahren wieder zuwendet). Ausschlaggebend für die Abkehr von traditioneller Kunstproduktion und -rezeption war nicht zuletzt der verheerende Umweltskandal, ausgelöst durch einen Großbrand beim Schweizer Unternehmen Sandoz im Jahre 1986. Claus will an jenem Tag, dem 1. November, nach Basel reisen, doch die Stadt ist hermetisch abgeriegelt. Er rekapituliert den Vorfall und die beispiellose Verantwortungslosigkeit des Unternehmens und der Politik in einer Lesung, deren Aufzeichnung man in der Ausstellung sehen kann. Clausʼ Arbeiten sind fortan noch stärker von sozialer und politischer Anteilnahme geprägt. Er ist ein Pionier der Medienkunst, setzt als einer der ersten Künstler Videoaufnahmen und Multimediainstallationen ein und wird schließlich zu einem der Mitbegründer der Kunsthochschule für Medien Köln, an der er von 1991 bis 2000 als Professor lehrt.

Wer etwas Zeit mitbringt, findet im IKOB derzeit ein Kompendium von Ideen vor, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben sondern, ganz im Gegenteil, geradezu zukunftsweisend sind. Auch zum Verständnis der Wirkweise von Kunst, die sich mit gesellschaftlichen Topoi auseinandersetzt (von Claus im Begriff „Expansion der Kunst“ zusammengefasst), kann man sich in der Ausstellung einiges aneignen. Verwiesen sei an dieser Stelle auch auf die Parallelen zur Ausstellung „Flashes of the Future“ im Ludwig Forum für Internationale Kunst, in der zwei Arbeiten von ihm zu sehen sind. Es bleibt einigermaßen unerklärlich, warum man in der Region erst durch die Ausstellung im IKOB auf Jürgen Claus aufmerksam wird, der sogar ein Atelier in Aachen betreibt und dessen Werke sich in den Sammlungen namhafter nationaler und internationaler Museen befinden (u. a. Lehmbruck-Museum, Duisburg, Sammlung Lenbachhaus, München, Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro, Atlantic Richfield Company, Los Angeles). An seinem Wohnort in Baelen leitet er zusammen mit Nora Claus das sogenannte Centre Overoth, das sich mit biosphärischer Kunst beschäftigt. Eine der öffentlichen Solarskulpturen von Jürgen Claus kann man im Römerpark in Aldenhoven sehen.

Jürgen Claus: JE SUIS ATOLL – Bilder und Medien 1968-2018
noch bis 27.05.2018
IKOB – Museum für Zeitgenössische Kunst, ikob.be, juergenclaus.de

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