Wirtshaus Kaiser Karl – Jetzt neu: Alles beim Alten


Aus der Gastronomie gibt es derzeit einiges zu berichten. Beispielsweise hat das Alte Zollhaus (Friedlandstraße 22, direkt unterhalb der Burtscheider Brücke) nach einer kurzen Zwangspause wieder geöffnet. Ehrlich gesagt hat mich zwar in den vergangenen 20 Jahren wenig dort hingezogen, aber ich werde demnächst mal nachsehen gehen, ob trotz angekündigter Modernisierungsmaßnahmen die alte Gemütlichkeit erhalten blieb. Das Traditionsrestaurant (seit 1876!) ist ja seit jeher für seinen rustikalen Charme bekannt. Hoffentlich wurde der jetzt nicht wegrenoviert. Und wehe, das legendäre Sahneschnitzel wurde von der Speisekarte gestrichen!

Definitiv nicht wegrenoviert wurde der rustikale Charme der ehemaligen Corneliusschänke hinter dem ehemaligen Lust for Life. Die Gaststätte heißt jetzt Kaiser Karl. Am 29.03. war Neueröffnung in der Mefferdatisstraße 16, nachdem die Vorbesitzer hier vor zwei Jahren das Handtuch warfen. Die Adresse, die angekündigte Speisekarte (Hausmannskost!) und die Öffnungszeiten lassen aufhorchen. Angesichts dessen, dass das Haus eine bis in die 1950er Jahre zurückreichende Geschichte als Gaststätte hat, freut es ganz besonders, dass diese Tradition nun an Ort und Stelle weitergeführt und damit das gastronomische Angebot in der Innenstadt bereichert wird. Und zwar im Sinne einer sehr willkommenen Alternative zur rundherum grassierenden Systemgastronomie.

Inhaber und Wirt Stefan Menge ist Aachener, Gastronomieprofi und gelernter Koch. Eigentlich war er schon mit einem Fuß in der Karibik, hat sich dann aber vor sechs Monaten dazu entschlossen, seine von dort stammende Frau Jenny nach Aachen zu holen und es hier nochmal mit einer Gaststätte zu probieren. Jetzt führen sie das Kaiser Karl gemeinsam. Die Mischung aus Öcher Bodenständigkeit und südamerikanischer Exotik spiegelt sich denn auch auf skurrile Weise in der eklektizistischen Musikauswahl wider. Die Spanne reicht am Abend meines Besuchs von Lili Marleen bis zu aktuellem hispaniolischem Hip-Hop. Kurios.

Ab Ende April wird es täglich Gutes aus der Küche geben. Alles frisch und selbstgemacht, betont Stefan Menge. Als Vorgeschmack wurden dem Verfasser Reibekuchen gereicht, die durchweg überzeugen konnten. In Kombination mit den Öffnungszeiten (bis mindestens drei Uhr morgens) bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als dass Aachen wieder eine Spätgastronomie bekommt, wie sie der ein oder andere noch vom legendären Ludwig am Kaiserplatz her kennen könnte. Den Gast erwarten bezahlbare Preise (Hauptgerichte wie Schnitzel Wiener Art oder Sauerbraten um die 10 Euro) und eine Atmosphäre, die vermutlich ihresgleichen suchen wird.
Wo wir gerade bei der Atmosphäre sind. Dieses Wirtshaus ist für alle und im Umkehrschluss nichts für jeden. Wer gehobenes Ambiente und gedämpft geführte Konversation erwartet, geht besser woanders essen und trinken. Das Kaiser Karl ist laut und die Leute nehmen kein Blatt vor den Mund. Dafür ist hier der Service allzeit „präsent“ und Qualität und Preis stimmen (kleines Bit frisch vom Fass 1,50 Euro). Schön, dass so was mal wieder priorisiert wird und sich in der Mefferdatisstraße Widerstand gegen den Selfiekompatibilitäts- und Rentabilitätswahn regt, der ansonsten in der Gastronomie um sich greift. Menge schwimmt hier ganz bewusst gegen den Strom, lässt sich allerdings zu der steilen Behauptung hinreißen, dass sein Wirtshaus schon deshalb Kult sei. Was Kult ist oder was Kult wird, das bestimmt allerdings immer noch der Gast und nicht der Gastronom. Einstweilen kann man sich darauf einigen, dass man dem Kaiser Karl einen gewissen Kultfaktor schon wenige Tage nach der Eröffnung nicht ganz absprechen kann.

Ist das jetzt die Wiedergeburt des Wirtshauses in seiner ursprünglichen, volkstümlich-bürgerlichen Form? Die Rückkehr der Altherrenkneipe als besondere Ausprägung des Zeitgeistes? Der Aufstand der Schnitzelkartenversteher? „Die Kaiserstadt erlebt […] eine bemerkenswerte Renaissance der Wirtshauskultur“, schreibt die Aachener Zeitung. Auch wenn ein Kaiser Karl und ein paar andere Gaststätten noch keinen Sommer machen, könnte da was dran sein. Bleibt zu hoffen, dass dabei nur Gutes im Dienste der viel gerühmten Aachener Gastlichkeit herauskommt. Regionale und nationale Selbstbesoffenheit und Stammtischparolen, mit denen sich die Generation unserer Väter in jenen rauchgeschwängerten Etablissements benebelten, aus denen noch ein Teil der Einrichtung des Kaiser Karl unverkennbar stammt, dürfen gerne draußen bleiben.
Kaiser Karl, Wirtshaus – Restaurant, Mefferdatisstraße 16
Öffnungszeiten: Mo-Sa, 11:00-03:00 Uhr, sonntags Ruhetag
Warme Speisen bis spät in die Nacht, von Mo-Fr auch Mittagstisch

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