Liebe Leser,
eines meiner liebsten Filmgenres sind Hitchcock-Filme ohne Mitwirkung von Alfred Hitchcock. Brian de Palmas „Der Tod kommt zweimal“ (1984), Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ (2010) und insbesondere „Todesstille“ von Phillip Noyce (1989): Ein australisches Ehepaar unternimmt einen Segelturn durch den Pazifik, um ein traumatisches Ereignis hinter sich zu lassen – bis sie auf offener See den einzigen Überlebenden eines Schiffbruchs aufnehmen.
Es zeugt von meinen großen Sympathien für diesen Film, dass es mir beim Lesen der vorausgegangenen Zeilen bereits so vorkommt, als dürfte es keine anderen Handlungen geben, oder zumindest, als müsste jeder Film mit dieser Prämisse beginnen. Nach „Todesstille“ werden jedenfalls keine weiteren Kammerspiele benötigt. Dabei ist schwer zu fassen, warum dieser Film so gefällig ist: Phillip Noyce war kein ungeschliffenes Ausnahmetalent, als er „Todesstille“ abdrehte, auch später reichte es maximal zu einer Karriere als grundsolidem Thriller-Regisseur („Die Stunde des Patrioten“, „Das Kartell“). Das Casting wirkt im ersten Moment bizarr bis mutig. Eine blutjunge Nicole Kidman – mit der annähernden Originalbesetzung ihres Gesichts und der roten Lockenpracht – spielt die Ehefrau des zwanzig Jahre älteren Sam Neill. Genau, der aus „Jurassic Park“. Der dort und vielleicht auch nur hier mitspielen durfte, weil Harrison Ford gerade keine Zeit hatte. Dazu gesellt sich mit Billy Zane als einsamem Schiffbrüchigen ein Darsteller, der es zwar später immerhin zum schnöseligen Bösewicht in „Titanic“ gebracht hat, danach aber mehr oder weniger in Vergessenheit geriet. Zu Unrecht.
Kleinster Wermutstropfen bleibt das im Nachdreh entstandene und um noch mehr Spannung bemühte Ende, dem man leider eine zu lange Nacht am Schneidetisch anmerkt. Den Gesamteindruck trübt es zum Glück kaum, denn über die restliche Spielzeit entschädigt der Streifen mit einer Atmosphäre und Suspense, die gerade in modernen Thrillern nahezu ausgestorben ist. „Todesstille“ ist über Amazon Prime und über YouTube-Filme (ab 2,99 Euro) erhältlich.
Thomas Glörfeld

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