Zehn Jahre haben die beiden Autoren Ingo Deloie (langjähriger Mitherausgeber des Alemannia-Fanzines „In der Pratsch“ und Historiker an der RWTH Aachen) und Dr. René Rohrkamp (Leiter des Stadtarchivs Aachen) recherchiert, bis das gemeinsam mit der Ausstellung „Alemannia 1933 bis 1945“ konzipierte und drei Tage vor Ablauf der Ausstellung erschienene Buch vorlag.

2004 saßen sie zusammen und überlegten, wie ihr geliebter Verein, die Alemannia Aachen wohl mit seinen jüdischen Mitgliedern umgegangen ist. Direkt zu Anfang ihrer Recherchen lasen sie den Band „Olé Alemannia“ von Franz Joseph Küsters, Walter Römer u. a., der 1987 erschienen ist und auch einen Beitrag des früheren Vorsitzenden des Alemannia-Verwaltungsrates Werner Kochs enthält. In „Das war’s dann Hänschen“ erinnert sich Kochs an seinen Freund aus Kindertagen.

Hänschen Silberberg spielte mit ihm auf der Straße Fußball und gemeinsam besuchten die Kinder Spiele ihres Lieblingsvereins. Werner Kochs fieberte mit seinem Idol Reinhold Münzenberg, während der jüdische Hans großer Fan des jüdischen Spielers Max Salomon war. Die Deutsche Meisterschaft 1938 verfolgte der zehnjährige Werner schon alleine. Während die Familie von Hänschen Silberberg ängstlich zu Hause saß, war Max Salomon schon fünf Jahre zuvor aus dem Verein entfernt worden, da er seinen „Volksgenossen auch nicht mehr zumutbar gewesen wäre“. Beide – Hänschen und Max Salomon – kamen im Zuge der Judenverfolgung ums Leben. Hänschen war gerade einmal 15, Max Salomon 36 Jahre alt. Angerührt von dieser Geschichte, stand der rote Faden fest. Das auf tragische Weise fremdbestimmte Leben von Salomon und der erfolgreiche Weg seines Kollegen Münzenberg sollten nachgezeichnet werden. Sehr bezeichnend für die Geschichte ist die Tatsache, dass Familie Münzenberg sich für das Buch ausführlich äußern und Bildmaterial besteuern konnte, während sich der viel zu kurze Lebenswerk Salomons auch darin widerspiegelt, dass viele Details des letzten Leidenswegs nicht mehr rekonstruierbar sind. Das Kapitel zu Salomon bleibt auf sechs von 248 Seiten des Buches zu kurz, wie sein Leben. 13 Jahre als Topspieler der Alemannia hatten ihn nicht schützen können. In vorauseilendem Gehorsam hatte man ihn fallenlassen und seinem Schicksal übergeben.

Wissenschaftlich und sehr präzise zeichnet das Buch die Entstehung und Entwicklung der Alemannia nach. Im Jahr 1900 gründeten 18 Schüler der höheren Schulen den Verein. Gespielt wurde zunächst auf dem Neumarkt, dann im zoologischen Garten im Westpark, an Siegel und ab 1925 an der Krefelder Straße. Die meisten Spieler, Mitglieder und der Vorstand gehörten dem Bildungsbürgertum an. Viele bekannte Aachener Namen lassen sich in den Mitglieder- und Vorstandslisten nachlesen. Auch Anne Franks Onkel Julius Holländer, der einen Eisenwarenhandel am Grünen Weg betrieb, gehörte dem Verein an. Nach ein paar erfolglosen Versuchen gelang es ihm 1929 sogar, sich in den Vorstand wählen zu lassen.
Erich André war ein jüdischer Bankkaufmann und Gründungsmitglied der Jugendabteilung, zudem unterstützten zahlreiche jüdische Geschäftsleute den Verein und die Vereinszeitung finanziell. Ganz selbstverständlich spielten jüdische neben nichtjüdischen Spielern. Salomon war seit 1920 dabei, Münzenberg seit 1922. Nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 sollte sich die Situation schnell verändern, und dabei hebt sich der Umgang der Alemannia mit ihren jüdischen Mitgliedern in keiner Weise positiv vom allgemeinen Trend der damaligen Zeit ab.

Noch am 26. März war Salomon mit seiner Mannschaft aufgelaufen und zeigte eine starke Leistung. Bereits vier Tage später jedoch lief eine „neue Elf“ auf. Am 15.
April ließ sich in einem Nebensatz in der Vereinszeitung nachlesen, Salomon sei „infolge der Zielrichtung“ abgetreten. Die Mitglieder des Vorstandes waren inzwischen alle in die Partei eingetreten, fühlten sich dieser verpflichtet oder waren ausgetauscht worden. Beim Ausschluss der jüdischen Spieler und Mitglieder wurde in vorauseilendem Gehorsam gehandelt, denn erst drei Jahre später, nach den Olympischen Spielen, wurde von Berlin aus offiziell verlangt, jüdische Menschen aus den Sportvereinen auszuschließen.
Die Brüder Holländer unterstützten zu dieser Zeit den Verein immer noch mit finanziellen Mitteln, bevor sie 1938 nach Amerika flohen, wo sie verarmt als Hilfsarbeiter ihre Existenz fristeten. Schwester Edith mit ihrem Mann Otto und den Kindern Margot und Anne Frank waren nach Amsterdam geflohen – wir kennen ihre schreckliche Geschichte. Anne Frank hat sie für immer in die Köpf der Menschen geschrieben.
Auch Max Salomon und sein Bruder Robert versuchten ins Ausland zu fliehen, konnten aber in Holland und Belgien nicht Fuß fassen. Zwischenzeitlich war Max Salomon in Aachen der „Rassenschande“ verurteilt worden, weil er mit einer jungen „Arierin“ im Hotel übernachtete. Es war das erste Urteil dieser Art in Aachen – sein Status als ehemaliger Fußballstar konnte Salomon nicht helfen. Immer wieder versuchte er nach Belgien zu emigrieren, immer wieder erfolgte die Ausweisung oder er wurde wegen „Passvergehen“ verurteilt, weil er sich illegal in Belgien aufhielt. Das Schicksal sollte Max Salomon besonders übel mitspielen. Als die Deutschen 1940 den Westfeldzug starteten, wurde Salomon als Deutscher und damit als „Staatsfeind“ festgenommen, ungeachtet der Tatsache, dass er sich auf der Flucht vor ebendiesen Deutschen befand. Seinem Bruder erging es vermutlich ebenso. Ganz genau lässt sich das Schicksal der Brüder nicht verfolgen. Nach der Internierung in Gurs kam Salomon vermutlich nicht mehr frei. Nach der Verlegung in ein Sammellager wurde er nach Auschwitz deportiert. Unterwegs gehörte er zu den Häftlingen, die für die Zwangsarbeit ausgeladen wurden. Hier verliert sich seine Spur, er gilt als verschollen. Von 1.000 Menschen aus seinem Transport überlebten 27. Sein Bruder wurde kurz darauf nach Auschwitz deportiert und sofort ermordet. Dem ehemaligen Vorstandsmitglied Erich André erging es nicht besser. Der Versuch, nach England zu emigrieren, scheiterte, obwohl er bereits über die Ausreiseerlaubnis verfügte. Nach einer Flucht zu Fuß nach Antwerpen wurde auch er dort „als deutscher Staatsfeind“ verhaftet und später als Jude nach Auschwitz deportiert, wo er direkt ermordet wurde.

Und Münzenberg? Als grandioser deutscher Spieler konnte er von seiner Rolle profitieren und wurde bei Flakdienststellen in der Heimat eingesetzt. In den jeweiligen Städten spielte er in dortigen Mannschaften, denn der Spielbetrieb ging während der Kriegsjahre weiter! Bei Heimaturlauben lief Münzenberg wieder für die Alemannia auf. Als Münzenberg 1944 um die Deutsche Meisterschaft spielte, war sein ehemaliger Mannschaftskollege Salomon schon tot.

Auch nach Kriegsende sollte es mit dem Fußball sofort weitergehen. Das Bedürfnis, sich mit Fußball abzulenken, war offenbar zu keiner Zeit gebrochen. Bereits am 4. August 1945 spielte der ASV Schwarz-Rot Aachen 06 gegen eine englische Besatzungself, die 5:1 gewann. Eine Woche später folgte die Revanche, und am 19. August desselben Jahres lief auch die Alemannia mit einer neuen Elf auf. Die englischen Besatzer erlaubten offiziell Sportveranstaltungen ohne politischen Hintergrund. Von 1.248 Juden lebten nach dem Zweiten Weltkrieg noch 50 in Aachen. Den Menschen konnte es nicht schnell genug gehen, das Erlebte zu verdrängen und totzuschweigen. Man versuchte, die Ereignisse der letzten Jahre aus persönlichen Beziehungen herauszuhalten. Gerade die Menschen, die in den Jahren unter Hitler aus Angst um ihre Stellung möglichst schnell in die Partei eingetreten waren, stellten jetzt alles Mögliche an, um bei der Entnazifizierung positiv abzuschneiden. Teilweise wurden Urteile angefochten und Geschichten erfunden, um in gutem Licht dazustehen.

Auch Münzenberg musste Ermittlungen über sich ergehen lassen. Schlussendlich wurde er als „Mitläufer“ eingestuft. Die Autoren des Buches rechnen es ihm hoch an, dass er dies nicht anfocht, obwohl er seinen Bruder und dessen jüdische Frau (die Cousine von Erich André, wie René Rohrkamp auf Nachfrage ergänzt) unterstützt hatte. Letztlich hatte Münzenberg aber durch das Urteil „Mitläufer“ auch nichts zu befürchten, denn er war selbstständiger Geschäftsmann und nicht etwa in der Verwaltung tätig, wo er seinen Posten verloren hätte.

Das Buch ist nicht leicht zu lesen, denn es ist sehr wissenschaftlich aufgebaut. Alleine der Anhang mit Literaturliste und Quellenangaben umfasst 60 Seiten und 916 Fußnoten. Dennoch lohnt sich die Lektüre – auch für Menschen, die keine Fußballfans sind, denn es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Politik Hitlers innerhalb kürzester Zeit zu einem totalitären System mit völliger Gleichschaltung geführt hat. Die vielbesungene „Familie“ Alemannia war da nichts mehr wert. Ihre jüdischen Brüder und Söhne wurden geräuschlos aufgegeben und entfernt, egal wie familiär und kameradschaftlich es kurz zuvor noch zugegangen sein mag.

Deloie und Rohrkamp möchten die heutige Alemannia-Familie an den lange vergessenen Spieler Max Salomon und die anderen jüdischen Mitglieder erinnern. Und das Buch soll auch an die erinnern, die Größe gezeigt und Opfer gebracht haben in der Zeit des Nationalsozialismus – indes, es fällt einem nach der Lektüre niemand aus den Reihen der Alemannia 1933-1945 ein, auf den dies zutrifft.

Ingo Deloie, René Rohrkamp: „Und Salomon spielt längst nicht mehr …“. Alemannia
Aachen im Dritten Reich, Göttingen 2018
248 Seiten (inkl. Anhang), 17 x 24 cm, Hardcover, Fotos, 24,90 Euro

Foto oben: Erste Mannschaft Alemannia Aachen 1931; vorne der Erste von rechts: Max Salomon, stehend der Erste von rechts: Reinhold Münzenberg (Sammlung Münzenberg)

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