Wie die Jungfrau zum Kinde kamen die beiden Aachener Designerinnen Barbara Brouwers und Petra Kather vor zehn Jahren zu einer außergewöhnlichen Geschichte. Nach einem Hinweis fanden sie auf Feldern vor den Toren Aachens unzählige Porzellanknöpfe. Die Funde ließen sie nicht mehr los, immer tiefer tauchten sie in die Thematik ein, sammelten, recherchierten und befragten Zeitzeugen. Nach neun Monaten hatten sie ein faszinierendes Stück Aachener Geschichte ans Tageslicht befördert. Jetzt, nach zehn Jahren und einer kurzen erneuten Ausstellung in der Glashalle in der Annastraße, sind sie bereit, ihr Werk loszulassen, und suchen eine dauerhafte Bleibe für die Arbeit, um sie für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an die EuRegionale 2008. Viel hängengeblieben ist bei mir nicht mit einer Ausnahme: die Temporären Gärten© im Pferdelandpark in der Soers. Eine der Stationen führte in Deubners Scheune hinter dem Kinderladen Strüverweg. Dort hing ein Netzgeflecht aus Draht, in das hunderte von Porzellanknöfen eingewebt waren.Dazu Setzkästen mit Bierkronen aus Porzellan, Tonkügelchen und das Faszinierendste: Arme, Beine, Köpfe und Rümpfe von Porzellanpüppchen.

Zusammengetragen hatten das Sammelsurium Barbara Brouwers und Petra Kather. Die beiden kannten sich vom Designstudium in Maastricht. Als Künstler, Landschaftsarchitekten, Architekten und Studenten dazu aufgerufen waren, sich an dem Projekt in der Soers zu beteiligen, griffen sie eine Idee auf, die ihnen Karl-Heinz Jeiter, Mitarbeiter im Ludwig Forum und aufgewachsen in der Nachkriegszeit in Aachen, zugetragen hatte. Er erinnerte sich daran, als Kind beim Spiel auf den Feldern hinter Aachen immer auf Knöpfe gestoßen zu sein, und schlug Brouwers und Kather vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Würden sie Jahrzehnte später noch Knöpfe finden? Und was hatte es damit auf sich?
Und tatsächlich, Barbara Brouwers und Petra Kather wurden fündig, und das in weitaus größerem Ausmaß als angenommen. Schnell stießen sie auf eine Spur. In Herzogenrath hatte es eine Porzellanfabrik gegeben, die Knöpfe herstellte und die in der Wespienstraße in Aachen ein Materiallager betrieb. Im Krieg wurde es ausgebombt. Die erste Annahme, dass es sich auf den Feldern um Trümmer aus der zerbombten Stadt handelte, schien zunächst sehr schlüssig, denn diese Trümmer wurden tatsächlich aus der Stadt gebracht und verkippt. Jedoch musste die Theorie nach gründlicher Betrachtung aufgegeben werden, denn es fanden sich keinerlei wirkliche Trümmerstücke wie Ziegel oder Ähnliches. Eine neue Spur musste her.

Inzwischen hatten die Designerinnen Kontakt zu einem Nachfahren der Knopffabrik Risler & Cie. aufgenommen. Er schickte ihnen Knopfkarten, um zu überprüfen, ob es sich tatsächlich um Knöpfe aus der Produktion handelte. Dabei fiel auf, dass bereits ab 1937 Kunststoffknöpfe produziert wurden. Ein wichtiges Indiz, das in die Erkenntnis mündete, dass auf den Feldern nicht Trümmer verkippt wurden, sondern Müll, und das bereits vor Kriegsbeginn.
Durch langwierige Recherchen haben Brouwers und Kather letztlich ein bedeutendes Stück Müllgeschichte aufgedeckt. Im Jahr 1932 hatten 800 Freiwillige in Aachen den Müll von den Müllhalden abgetragen und auf die umliegenden Felder gebracht, um den Boden zu verbessern.
Das Denkwürdige daran: Müll war vor nicht einmal 100 Jahren fast ausschließlich kompostierbar. Das Einzige, was übrigblieb, war Ton und Porzellan. So zum Beispiel kaputte Püppchen und eben auch der Ausschuss der Knopffabrik Risler und Cie.

Die wunderbaren Fundstücke, eine Chronik der Recherche und ein 13-minütiger Film, zusammengeschnitten aus zwölf Zeitzeugenbefragungen, suchen nun eine dauerhafte Bleibe, damit möglichst viele Interessierte die Gelegenheit haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und da sie von zwei Designerinnen aufbereitet ist, ist die Ausstellung gleichzeitig ein Augenschmaus, angereichert auch mit kleinen Kunstwerken aus Figürchen, zusammengestellt aus den Fundstücken.
Möge diese wunderbare Ausstellung einen würdigen Ausstellungsort in Aachen finden!

Kontaktadresse: BarbaraBrouwers@gmx.de

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