Ich habe ja ab und an schon mal Angst vor Zwangsgedanken. So einmal die Woche mindestens. Wenn gewisse Sätze oder Melodien mir auf einmal nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen, steigt in mir die Angst, in Kürze durchzudrehen. Ich kriege Panik vor einer Endlosschleife und fange an, mein Gesicht im Spiegel zu betrachten mit der Frage auf den trockenen Lippen: Schaue ich schon zu lang? Nun. Bisher habe ich immer noch die Kurve gekriegt. Gehe auch viel unter Menschen. Aber was ist, wenn ich eines Tages alt und einsam bin, nicht mehr vor die Türe komme, nichts Neues mehr entdecken kann? Kommen dann die Mantras, die Jingles, die Worte, die es auf einmal wert sind, tausendmal hintereinander aufgesagt zu werden?

Ich begegne auf den Straßen hin und wieder solchen Menschen. Es sind Junkies, Obdachlose oder einfach nur alte Menschen. Die, die vor die Türe gehen, scheinen also doch nicht verschont zu bleiben. Ein Bekannter erzählte mir, dass er mal auf jemanden gestoßen sei, der immer nur sagte: „Glück der Erde, Rücken der Pferde. Glück der Erde, Rücken der Pferde. Maria! Maria!“ Tragisch. Schwer, die Geschichte dahinter zu erraten. Maria muss ja nicht direkt immer die Mutter Gottes sein. Ich kannte auch mal eine Maria. Diese wohnte im Nachbarhaus meiner Eltern. Sie hatte das Türchen der Kuckucksuhr zugeklebt, damit der Vogel nicht mehr rauskam. Habe da mal einen Kaffee getrunken. Sie sprach auch mit ihrem toten Sohn. In meinem Beisein. Fühlte sich seltsam an. Man darf vor allem nicht anfangen, solchen Menschen zu glauben. Sie ist später in einem Heim gestorben. Keine Angehörigen. Keine Ahnung, wie lange schon nicht mehr. Viel Zeit, um sich Stimmen einzufangen. Mir ging vor kurzem einen Tag lang das Lied „Donʼt Pay The Ferryman“ von Chris de Burgh nicht mehr aus dem Kopf. Es war auf einmal da.

„Don’t pay the ferryman. Don’t even fix a price. Don’t pay the ferryman, until he gets you to the other side“

Ich bin kein Chris-de-Burgh-Fan, aber mit der Zeit fing ich an, die Sätze magisch zu finden. Woher kamen sie auf einmal? Den Fährmann erst bezahlen, wenn er einen auf die andere Seite gebracht hat. Klug. Ein ehrlicher Fährmann dürfte aber auch nichts dagegen haben. Aber darum geht es gar nicht. Was wäre, wenn dieses Lied mich ab diesem Tage nicht mehr verlassen hätte? Wie lange hält man so etwas durch? Und wäre „U Canʼt Touch This“ von MC Hammer nicht schlimmer? Gut. Bin drüber weg. Läuft nicht mehr. Einen Tag später war es dann mal kurz „Die Frau, die dich liebt“ von Gitte Haenning. Da kommt neben der Angst vor Zwangsgedanken natürlich auch die Frage auf, warum immer Lieder, die ich nicht mag? Ja, ich war mit elf Jahren mal in Gitte verliebt. Na und?! Vielleicht sollte ich den Sohn von Maria mal fragen. Sitzt gerade neben mir.

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