Ein Bach, der Teich heißt, viele verschwundene Orte und Neuerungen, die nicht alles besser machen. Ortsbegehung in Mariaweiler, die zweite.

Wer oder was bitte ist Mariaweiler und was hat dieser Ort zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres in einem Aachener Stadtmagazin zu suchen? Seinen unverhofften Ruhm verdankt der Stadtteil von Düren einer Challenge, der sich unsere Redaktion im Sommer 2017 gestellt hatte: Mehrere Endstationen des AVV sollten angefahren werden. Ich landete versehentlich in Mariaweiler („Ohne App und doppelten Boden: Endstation Mariaweiler“, Juli 2017). In meinem Bericht schnitt der Ort nur mäßig gut ab. Im Bus war mir schlecht geworden (dafür kann Mariaweiler natürlich nichts), ich wurde des angehenden Sportwagendiebstahls verdächtigt, konnte keine Sehenswürdigkeiten, dafür aber viele Steingärten finden und machte mich vorzeitig auf den Fußmarsch nach Düren, anstatt drei Stunden auf den nächsten Bus zu warten.
Wer konnte ahnen, dass es unter den Einwohnern Mariaweilers eifrige Leser unseres Magazins geben würde? Und so kam es, dass mich Peter Baur, ehemals Schulleiter einer Dürener Hauptschule, heute im Ruhestand und aktiver Mitgestalter des kulturellen Lebens in Mariaweiler und Düren, anrief und um eine Revanche bat. Er wolle mir Mariaweiler einmal aus seiner Sicht präsentieren. Ich sagte zu und wir trafen uns an einem kalten Märztag in Düren. Ja, in Düren, denn nach der Lektüre meines Berichtes vom Vorjahr hatte er mir offenbar nicht zugetraut, Mariaweiler ohne Navi wiederzufinden – auf Bahn und Bus hatte ich diesmal verzichtet.

Wer jetzt denkt, dass der Bericht über diesen Besuch in eine Lobhudelei ausarten muss, irrt. Schon eingangs erzählt Baur von seinen verzweifelten Versuchen, in Mariaweiler einen schönen Ort zu finden, an dem er Konzerte veranstalten kann. Bislang hat er keinen gefunden. Und er muss es ja wissen, denn schließlich wurde er 1947 hier geboren.

Schmuckstück Villa Maria

Unsere rund dreistündige Tour führt uns direkt zu Beginn an einen der schönsten (oder den einzigen schönen?) heute noch erhaltenen historischen Ort Mariaweilers. Die 1905 erbaute Villa Maria war einst Sommerresidenz und später Wohnsitz der Familie Decker aus der Nähe von Köln. Sie bewirtschaftete mit dem angrenzenden Getzerhof (der bereits aus dem 15. Jahrhundert stammt und den die Familie zuvor erworben hatte) ihre Ländereien bei Düren. Nach fast neun Jahrzehnten wurde die Anlange verkauft. Der Getzerhof wird heute als Pferdehof betrieben, die Villa daneben wurde von einem Aachener Ehepaar ersteigert, das sie aufwendig und liebevoll unter strengen Auflagen des Denkmalschutzes restauriert und auch den angrenzenden Landschaftspark in seinen Originalzustand mit Laube, Brücke und Teehaus zurückversetzen will.
Auf den kleinen Teichen im Landschaftspark fuhr Peter Baur in seiner Kindheit noch Schlittschuh („als es noch Winter gab“). Auf dem angrenzenden Feld verlor er seine Uhr, die er zur Kommunion geschenkt bekommen hatte – und fand sie Monate später wieder.
Heute sind die Felder verschwunden, stattdessen befindet sich hier ein großes Neubaugebiet mit kleinen Gärten und steinernen Vorgärten. Für derlei Gestaltung hat Peter Baur nur ein Augenzwinkern übrig: „Das könnten auch Friedhofsgärtner sein“, witzelt er und preist zeitgleich ironischerweise den Mariaweiler Friedhof als schönsten – weil grünsten – Platz im Ort an.

 

Mariaweiler historisch

Mariaweiler ist kein kleines Dorf. Immerhin 2.750 Menschen leben hier heute. Im Jahr 1972 wurde der Ort in die Stadt Düren eingegliedert. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Düren eine florierende Kleinstadt. Viele Fabriken hatten sich um den Ortskern herum angesiedelt. So auch in Mariaweiler. Vom Dorf, das 973 erstmals urkundliche Erwähnung fand, hatte sich der Ort um die Jahrhundertwende zum Industriestandort gewandelt. Bereits ab 1270 wird in Mariaweiler ein Frauenkloster, das Augustinerinnen-Konvent Nazareth, erwähnt, das später eine Mühle betrieb. Diese wechselte ihre Aufgabe von einer Mahlmühle zu einer Papiermühle. Eine Kupfermühle kam hinzu, später gab es fünf Mühlen im Ort. Aus der Rur war der Bach „Mühlenteich“ abgezweigt worden. Er speiste die Mühlen mit Wasser. Die größte Filztuchproduktion Europas war hier angesiedelt und mehrere große Firmen der Familie Kufferath.

Vom einstigen Reichtum ist heute nicht mehr viel zu bemerken. Im Zweiten Weltkrieg wurde Düren aufgrund seiner Lage als Knotenpunkt der Bahn und seiner Industrie zerbombt. Aus der einst „reichsten Stadt Deutschlands“, in der viele Millionäre lebten, wurde die meistzerstörte. Innerhalb von 20 Minuten wurde die Stadt am 16.11.1944 dem Erdboden gleichgemacht. Vier bis sieben Häuser (je nach Quelle) blieben bewohnbar. Auch die Industrie in Mariaweiler hatte gelitten. Was nicht im Krieg zerstört war, verschwand in den kommenden Jahrzehnten.
Nach dem Krieg siedelte sich zwar noch die Tura AG in Mariaweiler an und produzierte Fotopapiere und Kompaktkameras, 2005 musste man jedoch feststellen, dass man den digitalen Wandel verschlafen hatte, die Firma ging Konkurs. Zwei große Fabriken konnten sich jedoch in die Zukunft retten. Die Firma Kufferath hielt zumindest mit einem Geschäftszweig stand. Sie betreibt eine Weberei für Metall und Kunststoffe. Zum Beispiel der Indemann wurde mit einem Edelstahlgewebe in Kombination mit LED-Zeilen verkleidet, einem Patent der Kufferath AG in Zusammenarbeit mit ag4 Mediafacade GmbH.

Die Kneipe hat vor 20 Jahren dichtgemacht.

Peter Baur, der kurz nach dem Krieg hier geboren wurde, erinnert bei dem Spaziergang aber vorrangig an die kleinen Dinge, die verschwunden sind. Der Müllmann mit seinem Pferdekarren, der bei den Familien in den 50er Jahren die Asche abholte, das Eisbüdchen mit Eis für ein paar Pfennige. Die vielen Kinder, die immer draußen spielten, sei es mit Knickern (Murmeln) oder einem Fußball. Den Milchladen gibt es schon lange nicht mehr, auch nicht mehr den Bäcker und schon vor 20 Jahren hat die Kneipe dichtgemacht. Der Metzger ist noch da, der einzige Einzelhändler. Früher stand hier Fina Lürkens hinter dem Tresen. Die 100-Kilo-Frau hatte einen Bernhardiner, war nicht verheiratet und betätigte sich gerne als Schiedsrichterin bei Fußballspielen. Beim Maiball wollten alle sie ersteigern. Natürlich gab es das Geld in Form von Wurstwaren zurück, und auch für die Kinder hatte Fina Lürkens immer reichlich Wurst parat, weshalb sie auch heute noch überpräsent in den Erinnerungen auftaucht.

Ein Supermarkt am Ortseingang hat die Einzelhändler erledigt. Am Kloster hat der Zahn der Zeit genagt. Nur noch ein Torbogen und eine alte Gasse erinnern daran. Über einen schmucklosen kleinen Platz mit vier Bänken schaut man auf eine Brachfläche, wo früher die Klostermauer stand. In der zweiten Villa im Ort, früher Residenz des Allgemeinmediziners Dr. Hugo Pytlik und nach ihm benannt, befindet sich heute eine Kita. Mariaweiler hat eine große Gesamtschule, die von 1.000 Schülern besucht wird. Eine Stele vor der Tür der Anne-Frank-Schule erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus.
Seine Eltern seien gegen die Nazis gewesen, erzählt Peter Baur. Als sie das Maipaar des Ortes stellten, wurden sie von Nationalsozialisten abgesetzt und durch ein linientreues Königspaar ersetzt. In der ehemaligen Kneipe wohnten im letzten Jahr ein paar Monate lang Flüchtlinge, Anwohner aus Mariaweiler haben sich um sie gekümmert. Außer der Neubausiedlung hat man Mariaweiler auch einen riesigen sozialen Wohnungsbau, sein eigenes kleines Ghetto, beschert. Ein Hotel gibt es auch, ich habe mich schon im letzten Jahr gefragt, wer hier einkehrt. Peter Baur weiß es: Es sind Messebesucher, die hier eine günstige Bleibe finden, wenn in Köln alles belegt ist und den vierfachen Preis kostet.

Peter Baur lebt gerne hier. Nachdem er kurz im Ausland war, ist er doch zurückgekehrt. Er engagiert sich, wo er kann, ist auch in Düren in mehreren Vereinen aktiv und kümmert sich um verarmte Senioren. Als wir zum Abschluss der Exkursion einen Kaffee trinken wollen, müssen wir dafür wieder nach Düren fahren, in Mariaweiler kann man nur in einer Dönerbude einkehren, ein Lahmacun habe ich hier schon beim letzten Besuch zu mir genommen.

Muss man über einen Ort wie Mariaweiler berichten? Man muss nicht. Dennoch steht Mariaweiler wahrscheinlich für sehr viele Orte. Es hätte auch das vielzitierte Krauthausen sein können oder ein beliebiger anderer Ortsteil einer Kleinstadt. Viel ist verschwunden in den letzten Jahrzehnten, und nicht alles ist für die Anwohner besser geworden. Planlose Bausünden an großen Ausfallstraßen, falsch platzierte Gemeindezentren, die von den Bürgern gemieden werden, und die Politik lässt auf sich warten. Auch dafür steht Mariaweiler. Der für Mariaweiler zuständige Lokalpolitiker habe es noch nie die paar Kilometer von Düren bis in den Ortsteil geschafft, berichtet Peter Baur. Auch ihn hat er zu einer Begehung eingeladen. Und so hofft er, doch noch zu einem schönen Platz zu kommen, wo die Menschen sich gerne treffen und Lesungen und Konzerten lauschen können – sogar in Mariaweiler.

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