Michel Houellebecq, einer der umstrittensten Autoren der Gegenwart, ist bühnentauglich geworden. Mehr noch, der provocateur par excellence – er sieht sich selbst als Bettler der Liebe – wird von Bühne zu Bühne gereicht, verstört und wühlt auf, als wäre er der Laplace’sche Dämon, ein kleiner unruhiger Geist, der in Kenntnis unserer Vergangenheit in der Lage ist, die Zukunft zu determinieren. Eine unschöne, von radikal islamischen Werten geprägte Zukunft, in der die Freiheit des Geistes nur noch als vage Erinnerung in den Köpfen der Angepassten lebt.
Wiederaufnahme im September für die Spielzeit 2017/18 im Theater Aachen

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Rückblende: Wir schreiben das Jahr 1938. New York erzittert unter der Angst vor einer außerirdischen Invasion. Natürlich hat die Presse wieder mal übertrieben, es gab weder Selbstmorde noch Massenpanik, der einzige bleibende Effekt der Erstausstrahlung von „Der Krieg der Welten“ war, dass Orson Welles weltberühmt wurde.
Heute sind wir abgebrüht, abgestumpft, haben zu viel gesehen und gehört, um noch an irdisches Leben zu glauben, geschweige denn an außerirdisches. Doch plötzlich mehren sich die Gerüchte um bizarre Tollwutfälle, hinter vorgehaltener Hand munkelt man von Zombies, das Klinikum Aachen verweigert jede Auskunft. Nur bei Radio Paranoia spricht man offen über die beunruhigenden Ereignisse im schönen Dreiländereck.

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Eine Frage ist ein Wortgefüge mit einer Leerstelle, die darauf wartet, mit einer Antwort ausgefüllt zu werden. Wie weit eine Frage brisant, peinlich, intim oder belanglos ist, bestimmen die Wörter, die diese leere Stelle mit Leben und Bedeutung füllen.
Quizoola! ist im Juni und Juli 2017 in der Kammer des Theaters Aachen zu sehen.

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Der 1903 geschriebene „Kirschgarten“ ist das letzte der großen Dramen von Anton Tschechow, deren eminente Bedeutung für die Theatergeschichte mit den Dramen Shakespeares vergleichbar ist. Wie immer bei Tschechow sind die Protagonisten wie gelähmt vom damals en voguen Ennui – der melancholisch gefärbten Langeweile der Reichen und Schönen.

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Nach dem ich eine gefühlte Ewigkeit das weiße Blatt auf meinem virtuellen Schreibtisch gedankenverloren angestarrt und die Spiegelung der Außenwelt sowie das Blinken des Eingabezeigers eingehend analysiert habe, sollte ich doch langsam mit der Rezension beginnen. Die Schwierigkeit ist, dieser Text darf, kann keine ordentliche Rezension werden, denn was sollten die Zuschauer erfahren, sei es auch nur einen kleinen Hinweis oder eine Warnung, wenn nicht einmal der vortragende Schauspieler weiß, was auf ihn zukommt.

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Sie wollen Holly Golightly kennenlernen? Dann gehen Sie nicht in den Film mit Audrey Hepburn. Truman Capote hat ihn gehasst und vor allem wollte er als Leading Lady nicht die Hepburn, sondern die Monroe. Diese Maßnahme hätte nicht nur den vom Autor gewünschten Hormoncocktail aus Champagner, Amphetamin und einem Hauch naturbeschwipster Nymphomanie ins Spiel gebracht, sondern auch die Tragik seiner Figur, „die kurz in der Zeitung stehen wird, wenn sie am Grunde eines Röhrchens Veronal ihr Ende gefunden hat“.

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Aus dieser Schublade kommt er nicht mehr raus: Thomas Adès mag den Olymp der zeitgenössischen Musik schon zigfach erklommen haben (hat er), er mag Wunderkind gewesen sein, wie er will (ist er; die Oper, um die es hier geht, hat er mit gerade mal 24 geschrieben), sein Leben lang wird es aber Thomas Adès’ Markenzeichen bleiben, den ersten Blowjob der Operngeschichte vertont zu haben.

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Das Erstaunliche an Anne Franks Tagebüchern ist, dass sie trotz aller Schrecknisse unglaublich leichtfüßig, humorig und einfühlsam geschrieben sind.
Ähnlich verhält es sich auch mit den Kakophonien zeitgenössischer Musik. Die vermeintliche Zumutung, aus den Wohlfühlzonen vertrauter Harmoniewelten vertrieben zu werden, wird durch einen beträchtlichen Zugewinn an Freiheit, Abenteuer und musikalischen Erlebnisräumen mehr als ausgeglichen – oder wie es Arnold Schönberg sagte: „Ich fühle Luft von anderen Planeten.“

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