Ortsbesuch. Aus Richtung Morschenich geht es von Westen an den Hambacher Forst heran. Vor zwei Jahren ist hier gerodet worden. Hier verlief eine Brücke über die ehemalige A 4. Heute ist da nichts mehr. Ein lehmiger Boden, ein paar selbstgezimmerte Straßensperren, nicht schwer zu überklettern. Die Baumstämme sind abtransportiert. Ansonsten Leere, der Blick reicht bis in den Tagebau.
Linker Hand geht es in den Wald, hier hat vor zwei Jahren die Baumrettungsaktion von Sebastian Schmidt und Todde Kemmerich stattgefunden, an der sich viele Aachener beteiligt hatten. Direkt auf einem der ersten Bäume befindet sich ein Baumhaus, in dem sich gerade ein Umweltaktivist aufhält. Hier tut sich derzeit nichts, er schickt mich zum anderen Ende des Waldes.

Es geht am Wiesencamp vorbei, ich nehme einen jungen Aktivisten mit, bringe ihn zur S-Bahn nach Buir. Er erzählt vom Vorabend und einer großen Party, nachdem dem Eilantrag des BUND-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen stattgegeben wurde und das Oberverwaltungsgericht Münster einen Rodungsstopp verfügt hatte, bis der Sachverhalt geprüft ist.
Auf dem Rückweg von Buir passiere ich einen Streckenposten der Aktivisten und fahre in eine Sackgasse über die L 276 von Osten an den Forst heran. Ein Auto kommt mir entgegen, blinkt, die Insassen gestikulieren wild. Wollen sie mich warnen? Wovor? Da sehe ich es schon. Quer über die Straße verläuft eine Schneise, die in den Boden gehackt wurde. In der Schneise Feuer. Eine brennende Straßenbarrikade, rund 20 vermummte Personen sind gerade damit beschäftigt, mit Spitzhacken den Boden weiter aufzureißen. Ich parke. Fotografieren verboten. Dies sei Vandalismus und solle nicht gezeigt werden, verlangen die Anwesenden. Nur wenige sprechen Deutsch, die Gruppe kommuniziert auf Englisch. Ich solle nach Gallien gehen und einen Pressesprecher der Aktivisten suchen. Man weist den Weg in den Wald. Gallien ist nicht weit, es liegt vielleicht zweihundert Meter entfernt im Forst. Auf dem Weg passiert man einige Sperren, die die Wege blockieren. Gallien ist groß geworden. Vor zwei Jahren waren vereinzelte Baumhäuser im Wald zu finden, jetzt sind es 30, verteilt über mehrere Dörfer und Einzelposten. Gallien ist eins dieser Dörfer.
Die Baumhäuser hier haben teils mehrere Etagen und sind mit Koch- und Schlafstellen eingerichtet, sodass sie nicht verlassen werden müssen, sollte eine Räumung anberaumt werden. Auf dem Waldboden stehen ein Kochzelt, ein Geschirrzelt, ein Aufenthaltszelt mit Bücherbrett und sogar Komposter, in denen Gemüseschalen kompostiert werden. Gegessen wird im Camp vegan. Ständig kommen und gehen Menschen, es herrscht ein reges Treiben. Die Antworten auf die Frage, wie viele Menschen sich im Wald befinden, gehen stark auseinander. Von 200 Aktivisten ist die Rede, dann wieder von 400. Zu welchen Gruppierungen sie gehören, ist nicht ganz klar, unter den Anwesenden entbrennt darüber eine Diskussion. Man einigt sich darauf, alles unter dem Namen „Hambi bleibt“ zusammenzufassen.

Bestandsaufnahme

Einst war fast die gesamte Niederrheinische Bucht bewaldet, ein stattliches Gebiet von 12.000 Hektar Größe, das sich aus mehreren Teilen mit unterschiedlichen Namen zusammensetzte, die den umliegenden Gemeinden gehörten.
Der Name Hambacher Forst stammt erst aus der Zeit ab 1978, als die Rheinbraun AG (heute RWE) den Gemeinden gegen hohe Entschädigungen den Wald – inzwischen 4.100 Hektar umfassend – abkaufte, um ihn für den Tagebau Hambach zu roden. Als Kind fuhren wir von Jülich aus mit den Fahrrädern in den Wald, um dort Räuber und Gendarm zu spielen. Menschen traf man dort wenige und der Farn duftete wunderbar. Bei Spaziergängen sah man die Spuren der Wildschweine und es schauderte einen.
Heute kann der verbliebene Wald in einer halben Stunde durchschritten werden, und er wimmelt weniger von Wildschweinen als von Menschen, die dort leben, um ihn zu schützen, oder die als Besucher vorbeischauen, um zu sehen, was noch übriggeblieben ist. Wahrscheinlich ist er das meistfrequentierte Waldstück der Region.
Der Waldboden ist von Fahrzeugspuren durchzogen, die Eichen- und Buchenblätter auf dem Boden im Matsch festgetreten. Es hat alles ein bisschen etwas von einem Abenteuercamp. Mir schießt die Frage durch den Kopf, ob hier wirklich noch sehr viele Tiere leben möchten oder ob sie bereits freiwillig umgezogen oder umgesiedelt sind, vielleicht sogar zu aufgeforsteten Flächen wie der Sophienhöhe. Während diese vor 35 Jahren noch einem nackten Sandwall glich, stehen dort, am nördlichen Ende des Tagebaus, inzwischen immerhin 35 Jahre alte Bäume. Schwäne und Frösche planschen in Teichen, Molche in Gräben und die Wildschweine hinterlassen ihre Spuren auf den Spazierwegen des neuen Naherholungsgebietes.
Todde Kemmerich, der sich seit Jahren als „Braunkohletourist“ um die Rettung des Forstes bemüht und vor einem Monat nach dreijähriger Recherchearbeit den Film „Eine Reise in die UnteRWElt“ veröffentlicht hat, kann mehr dazu sagen. Ja, die Tiere seien noch da, Rehe und Wildschweine tummelten sich noch im Wald, Jäger müssten eigentlich sogar den Bestand verkleinern, was aber momentan wegen der vielen Aktionen ausgeschlossen sei. Wie es um die Fledermäuse bestellt ist, wissen die Aktivisten im Moment nicht genau. Beobachtet wurde, dass RWE-Mitarbeiter die Schlupflöcher an den Bäumen mit Klebeband verschlossen haben, um ein Überwintern im Wald zu verhindern und dem Abholzen zwischen Anfang Oktober und Ende Februar den Weg zu ebnen.

Aktionen um Hambacher Forst polarisieren: 60.000 gegen 60.000

RWE rühmt sich mit seinen Rekultivierungsprogrammen, hat sogar eine Forschungsstelle dafür geschaffen – bei den Aktivisten können sie damit natürlich nicht punkten. Im globalen Vergleich seien die Aufforstungen sicherlich wunderbar, dennoch sollten keine weiteren Bäume dafür gefällt werden, gibt Kemmerich zu bedenken.

Der Hambacher Forst ist zum Politikum geworden. Er steht für viel mehr als für die verbliebene ca. 500 Hektar große Fläche (die ältesten Bäume hier sind 300 Jahre alt), die in den Augen der Naturschützer um jeden Preis erhalten werden soll. Es geht darum, mit der Verhinderung der Rodung des Restwaldes ein Unterfangen zu stoppen, das sinnlos geworden ist. Der Kohleausstieg ist in greifbarer Nähe, die Fläche des Waldes wird dann nicht mehr benötigt, um darunter zu graben.
Vielleicht wird es auch nie dazu kommen, selbst wenn der Wald jetzt noch abgeholzt wird. Und deshalb möchte die „Hambi bleibt“-Initiative ein Zeichen setzen für Umweltschutz, für den Kohleausstieg und gegen den Klimawandel. Ihr Symbol dafür ist der Hambacher Forst.

Während es manchen Besuchern und Aktivisten wirklich um den einzelnen Baum geht, ist die Sache an sich viel größer, und das ist auch der Grund, warum sich Aktivisten und Umweltschützer von überallher zum Forst begeben, um mitzukämpfen gegen den Riesenkonzern RWE. RWE seinerseits genießt Hausrecht und hat bislang die Rechtsprechung auf seiner Seite. Man will sich nicht erpressen lassen, zumal ein Einknicken bedeuten würde, einen Präzedenzfall zu schaffen. Vielleicht hat RWE in den letzten Jahren auch die Gelegenheit verpasst, härter durchzugreifen, nicht ahnend, dass hier ein Gallien entstehen und die Aktivisten Jahre investieren würden, um Widerstand zu leisten wie Asterix gegen den Einfall der Römer. Inzwischen ist es schwer, den Besetzern beizukommen, die nach über fünf Jahren in ihren Häusern auf den Bäumen Wohnrecht haben. Und welcher Gerichtsvollzieher sollte ihnen eine Räumungsklage zustellen?
Fraglich ist, wie RWE jetzt aus dieser Sache herauskommen wird, ohne weiter an seinem sowie schon beschädigten Image zu kratzen. Ein Beschluss von oben, der der Klage des Bundes für Naturschutz Recht gibt, würde es für alle einfacher machen, das Ergebnis zu akzeptieren. Auch ein Signal vonseiten der Politik wäre sinnvoll. Diese Chance wurde Anfang Dezember wieder verpasst und der Vorstoß der Grünen, die eine Klärung pro Hambacher Forst im Düsseldorfer Landtag gefordert hatten, abgelehnt.

Auf der anderen Seite stehen die knapp 60.000 Mitarbeiter von RWE, die um ihre Jobs fürchten und unter dem Imageverlust leiden. Am 1. Dezember haben sie ihrerseits zu einer Protestaktion gegen die Protestaktion ausgerufen. 3.000 RWE-Mitarbeiter kamen dem Aufruf nach und demonstrierten in Bergheim. Dort thematisierten sie ihr Gefühl, dass die Diskussion um den Klimaschutz zunehmend abseits der Realität geführt und von medienwirksamen Protesten der Aktivisten geleitet werde. Sie pochten darauf, beim Tempo des Kohleausstiegs mitreden zu wollen und sich nicht für ihre Jobs schämen zu müssen. Verständlich, denn welcher Mann möchte sich schon seinen Bagger wegnehmen lassen?

Derweil rüsten sich die Umweltaktivisten für den Winter und werden dabei von einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit unterstützt (Petition im Internet hat knapp 60.000 Unterzeichner), die nicht die gewaltbereiten Krawallmacher in ihnen sieht, wie Polizei und RWE es oft darstellen, sondern Menschen, die sich für eine umweltfreundliche Zukunft einsetzen. Natürlich wird dabei von allen Seiten immer wieder appelliert, auf Gewalt zu verzichten – Ausreißer gibt es dabei auf allen Seiten hier und da, wie man auf entsprechendem Videomaterial erkennen kann und in Polizeiberichten nachliest.
Das Gericht in Münster hat am 01.12. einen weiteren Vergleich vorgeschlagen. Bis zum 31.12.2017 soll die Rodung ruhen und geprüft werden, ob die Bechsteinfledermaus doch noch im Forst lebt und eine Ernennung des Restbestandes zum EU-Naturschutzgebiet rechtfertigt.

Und vielleicht heißt es eines Tages: War der ganze Forst besiegt? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hörte nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Oder wie Todde Kemmerich es ausdrückt: „Die Guten sollen gewinnen. David wird gewinnen. Goliath verliert!“
weact.campact.de/petitions/hambacher-wald-retten-klimaziele-realisieren-1

Wir haben Dipl.-Geogr. Dirk Jansen, Geschäftsleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland Landesverband Nordrhein-Westfalen e. V., um eine Einschätzung zum Thema gebeten:
https://movieaachen.de/2017/12/23/ohne-kohle-aus-hambach-gingen-die-lichter-in-deutschland-nicht-aus/

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