Der Reservist – Arbeiten im 21. Jahrhundert


Foto: Wil van Iersel

Dem Genie Cervantes’ verdanken wir das wunderbare Bild des Kampfes gegen Windmühlen: der einsame Ritter, wahlweise eine ganze Armee von einsamen, verzweifelten Rittern, im Kampf gegen das Unbesiegbare.
Hier und heute: die industrielle Reservearmee der marxistischen Wirtschaftstheorie, also die Beschäftigungslosen und Erwerbssuchenden, gegen das vertrackte (kapitalistische) System. Ein ebenso unlösbares Problem, wie das von Alonso Quijano aus dem schönen Spanien. Aber nur, weil man es nicht lösen oder gar besiegen kann, heißt noch lange nicht, dass man nicht damit leben kann. Man muss die Sache einfach von der anderen Seite aufrollen.
Autor Thomas Depryck, der den schmalen Grad zwischen Klamauk und Humor mit der Sicherheit eines Hochseiltänzers meistert, malt ein sonderbar irrwitziges Bild unserer schönen neuen Arbeitswelt. Eine Welt, in der die Armee der Arbeitslosen eine ständige wundersame Vermehrung erfährt, eine Welt, in der die Dreifaltigkeit der Produktivkräfte – Wissenschaft, Technologie und der Mensch – aus den Fugen geraten ist. Zwischen den Verzweifelten, deren Motto „Hauptsache Arbeit“ lautet, und denen, die man im Volksmund Schmarotzer nennt, erhebt sich einer, der seiner Verantwortung als Reservist bewusst wird. Auf der Hut und bereit, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, als Held der Arbeit gefeiert zu werden. Aber diese Arbeit muss schon passen, sonst geht es vom Jobcenter auf direktem Weg zurück aufs Sofa.

Die Geschichte eines zum Helden aufgestiegenen Antihelden, wunderbar inszeniert von Ulrike Günther, die den Akteuren eine Menge Freiraum für Improvisation ließ. Für dieses Vertrauen wurde sie von dem perfekt funktionierenden, harmonischen Dreiergespann aus Petya Alabozova, Thomas Hamm und Hannes Schumacher mehr als belohnt. Mit erfrischend starker Präsenz auf der Bühne wandern sie geschmeidig zwischen zig Charakteren, lassen mit ihrer feurigen Darstellung und ihrem Gesang die Bühne regelrecht lodern.
In dieser Grauzone zwischen Ernst und Spaß – denn so humorvoll und lustig auch alles ist, Regisseurin Ulrike Günther lässt in ihrer Inszenierung keinen Zweifel daran, dass Arbeit zu einem immer größer werdenden Problem des neuen Jahrtausends wird – stellen die drei erneut ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Mit untrüglicher Sicherheit und Lässigkeit lassen die Akteure in dieser Produktion ihren komödiantischen Können freien Lauf, mit einer völlig enthemmten Lust am Spiel schaffen sie eine solide Brücke zwischen dem Tragischen und dem Komischen, auf der sie satte 70 Minuten lang mühelos hin und her tänzeln.
Für die große Sause auf der Spielfläche stellt Bühnenbildnerin Annika Lohmann ein skurriles wie einfaches Bühnchen-Wandel-Dich zur Verfügung, eine Anhäufung von einzelnen Elementen die als Sofa, Bank, Bauchladen, Tresen, Schlachtkissen und wahlweise als Requisitenlager dienen, und mit denen sich die Darsteller nach Herzenslust austoben können.
Das ist wieder mal kleines Theater ganz groß. Abseits des glanzvollen Boulevards der Klassiker und den Schwergewichtlern am Inszenierungshimmel lässt diese Vorstellung eine äußerst wohltuende Freude und Leichtigkeit im Zuschauer zurück, so, als würde man beim Verlassen des Saals ein klein wenig über dem Boden schweben. So muss Theater sein. (ek)

Der Reservist – Arbeiten im 21. Jahrhundert – von Thomas Depryck | Stadttheater Aachen – Mörgens | Inszenierung: Ulrike Günther | Bühne und Kostüme: Annika Lohmann
Termine: 25.05., 17.06., 22.06.2018

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