Wer hat Angst vor Virginia Woolf?


Edward Albees Psychogramm einer zerrütteten Ehe „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ gilt als die Mutter aller Zimmerschlachten. Anfang der 60er Jahre schockierte das gnadenlose Duell der Vermählten das prüde amerikanische Publikum. 50 Jahre und diverse Rosenkriege später haut uns Zuschauer nichts mehr so leicht um. Doch trotz der Gebrauchsspuren, die das Stück aufweist, geht die Geschichte um Anziehung und Abstoßung, um eine unerbittliche Hassliebe unter die Haut.
Wild und ekstatisch betreten die betrunkene Martha (Katja Zinsmeister) und angeschlagen und leicht angewidert George (Jonas Eckert) die schwarze, mit einem leuchtend weißen Rahmen eingesäumte Bühne, die sich daraufhin schließt und die Eheleute in ein vorhöllengleiches Biotop, in ein Diorama, aus dem es kein Entkommen gibt, einkerkert.

Der junge Nick (Simon Rußig) und seine Süße (Luana Bellinghausen) erhalten Einlass in diesen Tempel der ehelichen Grausamkeit und werden ungewollt zu Zuschauern und Mitspielern in dem düsteren Ritual um Provokation und Demütigung.
Regisseur Michael Helle lässt die Fetzen fliegen, es wird geschrien und geschlagen, gepöbelt und gevögelt, gekotzt und gesoffen, wie es im Buche steht, nicht weniger und leider auch nicht mehr. Es fehlt an Tiefe und Differenzierung der Gefühle, es bleibt unklar, wo das Spiel, das beide vor ihren Gästen genüsslich ausleben, aufhört und das Echte – Schmerz, Kränkung, Wut und Trauer – anfängt.

Zu viel Feindschaft und zu kurz die Momente, in denen man verstehen würde, warum diese beiden geplagten Wesen aneinander leiden, warum sie seit mehr als zwanzig Jahren diese zerfleischende Posse miteinander treiben. So wirken die Hasstiraden, die Martha und George aufeinander abfeuern, zweidimensional und mitunter komisch, eine Komik, die zur Belustigung der Zuschauer dient, jedoch keineswegs unter die Haut geht. Hier wurde Substanz verschenkt.
Dass man trotzdem mit einem flauen Gefühl den Saal verlässt, ist der letzten Szene zu verdanken. In diesem flüchtigen Moment, in dem Martha und George sich ohne Worte anschauen, kurz bevor die Lichter ausgehen, liegt etwa Echtes in der Luft, ein unermesslicher Schmerz strömt von den beiden aus und man denkt: „… Deswegen alles …“ (ek)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – von Edward Albee | Theater Aachen, Bühne | Inszenierung: Michael Helle | Bühne und Kostüme: Achim Römer

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