Der Titel der Performance, die Mavi Garcia zusammen mit Florian Zeeh zur Eröffnung der Ausstellung „Oberflächentaucher“ zur Aufführung brachte, lautete „Mi casa es mi casa“, was übersetzt so viel wie „Mein Haus ist mein Haus“ bedeutet. Er konterkariert den Gedanken der Gastfreundschaft, welcher sich in Sätzen wie „Mein Haus ist auch dein Haus“ ausdrückt, die man so oder so ähnlich wohl in jeder Sprache kennt. Die Darbietung, die primär im Bau einer freistehenden Wand bestand, thematisierte die ebenso einfache wie bedrückende Beobachtung, dass Egoismus und nationalstaatliches Denken momentan im wahrsten Sinne des Wortes überall Raum greifen. Am Ende stand sie da: eine Mauer, symbolisch errichtet zwischen Künstlern und Publikum – inklusive Stacheldrahtkrone.

In der Einfachheit – sprich Klarheit – liegt eine Stärke von Mavi Garcias Arbeiten. Was vorschnell als Postulat profaner Wahrheiten abgetan werden könnte, will gar nicht hintergründig oder verschlüsselt sein, sondern soll in erster Linie Kommunikation in Gang bringen. Garcias Kunst mag auf den ersten Blick einfache Deutungen zulassen, weist aber eigentlich auf die mögliche Deutungsvielfalt hin. Ein (einfacher) Stuhl mit Rädern muss nicht unbedingt ein Rollstuhl sein und für (körperliche) Versehrtheit stehen. Der ins riesenhafte vergrößerte Handabdruck der Künstlerin könnte Individualität versinnbildlichen oder auch als universelles Merkmal aller Primaten gelesen werden. Ist die Person, deren Füße wir als Gipsabdruck auf einem Stuhl stehen sehen, gerade im Begriff, eine Lampe aufzuhängen oder sich selbst? Die tatsächliche Wirkung und Sinnhaftigkeit der Arbeiten stellen sich ein, wenn man es der Künstlerin gleichtut und sich fragt, wie oder warum man eigentlich zu der ein oder anderen Deutung kommt. Der Titel „Oberflächentaucher“ passt für meine Begriffe ganz gut zu dem gerade ausgeführten Gedanken (die gleichnamige Videoarbeit von 2017 ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen). Ich stelle mir einen Oberflächentaucher als ein schwebendes, unentschiedenes Ding vor. Ein legitimer Zustand, wie ich finde.

Nicht immer, aber oft setzt Mavi Garcia ihren eigenen Körper in ihren Arbeiten ein. Unvergessen blieb manchem ihre spektakuläre Performance „Empathie“ in der Galerie Freitag 18.30. Stichwort Waldmeistergrütze. Ähnlich wie Künstlerinnen wie Marina Abramović bietet sie uns an, uns der Entgrenzung von Mensch und Welt anzuschließen und dabei den nackten Tatsachen ins Auge zu sehen. Das erfordert von allen Beteiligten Mut.
Neben der erwähnten Performance, die zwar temporären Charakter hatte, deren Resultat (die besagte Mauer) aber bis zum Ende der Ausstellung zu sehen sein wird, gibt es Fotografien und Objekte zu betrachten. Manche der Arbeiten erinnern an das Werk der von mir sehr geschätzten palästinensisch-britischen Künstlerin Mona Hatoum oder jenes der jungen Wienerin Anna Vasov, die sich beide in ähnlicher Weise mit sozialen Rollen auseinandersetzen wie Mavi Garcia. Der Besuch von „Oberflächentaucher“ inspiriert in höchstem Maße dazu, sich mit dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft, aber auch mit der eigenen Rolle als Kunstrezipient zu beschäftigen. Auch das hat ja im übertragenen Sinn oft mit Mauern zu tun.

Raum für Kunst, noch bis 16.06.2018
Öffnungszeiten: Di und Do-Sa, 12:00-17:00 Uhr

Der Raum für Kunst

Die Sparkasse Aachen unterstützt nicht nur die Tätigkeit lokaler Vereine und betätigt sich als Sponsor verschiedener kultureller Aktivitäten, sondern fördert bereits seit den 1970er Jahren auch ganz dezidiert künstlerische Arbeit. Einen festen Rahmen hierfür schuf sie 1998 mit dem Raum für Kunst, der von Sabine Bücher aufgebaut und bis 2013 geleitet wurde. 2014 wurde die Leitung an die Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Helga Scholl übertragen. Der RfK befindet sich in der Elisengalerie in der ersten Etage über dem Restaurant Louisiana. Der Zugang befindet sich im Treppenhaus direkt neben dem Restaurant.

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