Mitte der 1990er Jahre tauchte in Deutschland erstmals der Begriff „Poetry Slam“ auf: In Berlin feierte dieses damals neue, aus den USA importierte Literaturformat auf einer kleinen Clubbühne seine Premiere. Aachen beheimatet mit dem satznachvorn seit 1997 einen der ältesten Slams des Landes: Mittlerweile hat sich in der Stadt eine regelrechte Slamszene entwickelt, die fest mit dem monatlichen Dauerbrenner in der Raststätte verbunden ist.

Fünf bis sechs Minuten Redezeit, selbstverfasste Texte, keinerlei Requisiten – das sind die knappen Regeln, an die es sich beim Slamvortrag zu halten gilt. Inhaltlich ist von Lyrik über Short Story bis Gaga alles erlaubt. Dem Hype, der spätestens in den späten Nuller-Jahren des neuen Jahrtausends das Format ereilte, wurde in der Folge immer wieder ein baldiges Ende bescheinigt: uninspiriert, oberflächlich, Mainstream. Doch wie kaum ein anderes Kulturangebot hat es der Poetry Slam geschafft, sich stets eine neue Frischzellenkur zu verpassen, sodass die Zuschauerzahlen sogar stiegen und einstige Slammer heute als erfolgreiche Kabarettisten, Autoren oder Humoristen unterwegs sind – etwa Nora Gomringer, Lisa Eckhart, Marc-Uwe Kling, Sebastian Krämer oder Patrick Salmen. Bis ins Feuilleton sowie in diverse Talkshows schaffte es zudem die Bremerin Julia Engelmann, deren Slamtext „One Day“ zum viralen Hit mit aktuell weit über elf Millionen YouTube-Klicks avancierte.

Das Publikum pushen

In Aachen geht es seit nunmehr 21 Jahren etwas gemütlicher zu, was schon an der Location liegt, in der von Beginn an der satznachvorn-Slam stattfindet: Die Raststätte in der Lothringerstraße 23 verfügt weder über eine richtige Bühne, noch über einen abgeschlossenen Backstage-Bereich für die auftretenden Künstler. Doch eben das macht den Charme der Slamabende aus, wenn an jedem ersten Freitag im Monat über 130 begeisterte Zuschauer ins ehemalige Ladenlokal strömen. Seit zwei Jahren sorgen die beiden Aachener Studierenden Eric Jansen (27) und Oscar Malinowski (26) für Booking und Moderation des Aachener Poetry Slams. Da sie ihre ersten Gehversuche selbst hinter dem satznachvorn-Mikro hatten, können beide die Atmosphäre der Abende gut einschätzen: „Oft bemerkt man direkt zu Beginn, ob die Zuschauer heiß sind oder ob man sie ein wenig pushen muss“, erklärt Eric Jansen. „Die ersten drei, vier Poetinnen und Poeten eichen dann das Publikum.“ Sein Kompagnon Oscar Malinowski sieht das ähnlich: „Natürlich hat das Line-up einen großen Einfluss auf die Stimmung – sind es eher lustige oder nachdenkliche Texte? Es ist aber nicht so, dass wir da im Vorfeld an einer bestimmten Ausrichtung basteln, sondern wir lassen den Abend einfach auf uns zukommen.“

Poetry Slam im Aachener Dom

Auch der Status der Studentenstadt sorgt dafür, dass sich auf den Stühlen der Aachener Raststätte Monat für Monat ein ganz unterschiedliches Publikum einfindet. Dies wird besonders an den jeweiligen Semesterstarts deutlich: „Da hocken dann schon mal plötzlich 50 Erstis in den vorderen Reihen“, weiß Eric Jansen. Das war vor zehn Jahren übrigens nicht anders; geändert hat sich, dass Aachen mittlerweile über eine homogene Szene an vielfältigen Slampoeten verfügt. Ebenfalls durch Zuzug oder auch erste Auftritte beim satznachvorn hat sich ein gutes halbes Dutzend Künstlerinnen und Künstler zusammengefunden, das Aachen regelmäßig mit immer wieder neuen Varianten des Wortsports aufmischt: Poetry Slam vor 1.000 Zuschauern im Audimax, Poetry Slam mit Jazzband-Begleitung, Poetry Slam demnächst sogar im imposanten Dom! Und weil es nun erstmals solch eine enthusiastische Truppe gibt, steigen im kommenden Jahr gar die NRW-Landesmeisterschaften in der Kaiserstadt. Ein Gemeinschaftsprojekt, das viel Arbeit und Vorbereitung verlangt, reisen dann doch ca. 40 der besten Poetinnen und Poeten Nordrhein-Westfalens an. Sorge, dass man sich übernehmen könnte? „Wir gehören mit Mitte 20 noch nicht zu den alten Hasen, daher ist es auch für uns Neuland, solch eine große Veranstaltung zu planen“, gesteht Oscar Malinowski, „zudem studieren und arbeiten wir gleichzeitig noch.“ Eine klare Erwartungshaltung haben die Organisatoren allerdings bereits: Neben dem Stammpublikum sollen viele weitere Menschen auf die Poetry-Slam-Kultur in Aachen aufmerksam gemacht werden, und die Szene soll weiterhin belebt werden. Und zwar mit fünf bis sechs Minuten Redezeit, selbstverfassten Texten und keinerlei Requisiten.

Der Autor dieses Artikels, Robert Targan, moderierte den satznachvorn sechs Jahre, sein Vorgänger Gerhard Horriar gar zwölf Jahre lang. Beide erklimmen sie weiterhin regelmäßig Slam- und Lesebühnen
Foto: Aline Nüttgens

Poetry Slams in Aachen und Umgebung:

22.06., Jazz-Slam, Aula der RWTH, 20:00 Uhr
06.07., satznachvorn Jahresfinale, Raststätte, 20:00 Uhr
13.07., Hörsaal-Slam, C.A.R.L., 19:30 Uhr
29.09., Poetry Slam im Aachener Dom, 18:45 Uhr
11.06. + 29.09., Dichter dran!, Alter Schlachthof Eupen, 20:00 Uhr

facebook.com/satznachvorn

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