Die Suchthilfe Aachen bietet mittags ein warmes Essen für ihre Klienten an. Ende Mai wurde zum vierten Mal zur Mottowoche eingeladen. Thema war diesmal: „Futtern wie bei Muttern – ein kulinarischer Streifzug durch das schöne Rheinland“.

Ein Duft von Sauerbraten, Printensoße und Rotkohl liegt in der Luft, auf den Tischen im Kontaktcafé der Suchthilfe Aachen stehen bunte Blumen auf hübschen Deckchen. Alles wirkt einladend und offen, so wie man sich es in einem Café wünscht. Das Ambiente entspricht so gar nicht dem Klischee einer Suppenküche oder Armenspeisung, wie es noch in vielen Köpfen herumgeistert.
Und genau das ist Mark Krznaric, dem Leiter der Einrichtung, wichtig. Nicht Suppe und Brötchen als Almosen nach dem Motto „nimm, wir retten dich“ würden hier verteilt, sondern es werde eine Dienstleistung angeboten, für die sich jeder der Klienten frei entscheiden könne. Das warme, frisch zubereitete Mittagessen kostet 1,80 Euro und werde damit zum Selbstkostenpreis herausgegeben. Rund 30 Besucher der Einrichtung, die sich hier mit dem hygienischen Bedarf für ihre Sucht eindecken können, sich beraten lassen, den Computer benutzen oder zur Toilette gehen, kommen auch zum Mittagessen hierher. Dabei steht dieses auch Besuchern offen, denn die Einrichtung hat in den letzten Jahren viel dafür getan, mit Nachbarn und Bewohnern der Stadt zusammenzuarbeiten.
Die Mottowoche ist ein Baustein, um dies zu erreichen. Und so habe auch ich meinen Weg hierher gefunden, um endlich einmal rheinischen Sauerbraten mit Printensoße zu probieren. Der Braten ist zart, die Soße würzig, dazu gibt es selbstgemachten Rotkohl und selbstgemachtes Apfelmus, nur die Klöße sind heute Fertigware. Vor mir steht also ein Teller feinster Hausmannskost, selbstgekocht von den Sozialarbeitern der Einrichtung. Pierre Pradella, der als Student der sozialen Arbeit bei der Suchthilfe eingestiegen ist, arbeitet als Servicekraft hinter der Theke. Vor seinem Studium hat er eine Ausbildung in der Systemgastronomie absolviert, und so geht es ihm leicht von der Hand, einen Wochenplan zu erstellen und montags für die ganze Woche einzukaufen. David Berchtenbreiter ist Sozialarbeiter und steht gerne mit am Herd – alle Mitarbeiter der Einrichtung kochen auch in der Freizeit gerne und haben Spaß daran, bei Troddwar nebenbei den Kochlöffel zu schwingen.
In die Speiseplanung werden die Besucher der Einrichtung mit eingebunden. Einmal monatlich gibt es einen Besucherrat, auch das Essen ist dort regelmäßig Thema. „Wenn sich jemand gefüllte Paprika oder mal ein Steak wünscht, erfüllen wir diese Wünsche auch“, so Mark Krznaric. Tatsächlich stehen Klassiker „wie bei Muttern“ am höchsten im Kurs, am gefragtesten sind Fleischgerichte, gerne auch mal halal, es darf auch ein Currygericht sein. Fisch sei nicht so beliebt, auch Experimente bei Salatsoßen stoßen nicht auf Gegenliebe – eben lieber klassisch.

Während ich die letzten Reste von meinem Teller kratze, herrscht reges Treiben in der Einrichtung. Am Computer wird nach Wohnungen geschaut, jemand hat seine Brille verloren, immer wieder kommen Besucher auf ein Essen oder einen Kaffee herein oder kaufen neues Spritzbesteck. Draußen vor dem Fenster beobachte ich Sozialarbeiter Laurids Elsing, der sich mit einem Klienten um die Klematis im Blumenbeet kümmert.
Trotz aller Einschränkungen, die eine Sucht-erkrankung mit sich bringt, bekommen die Menschen hier ein Stück Struktur und sinnhafte Beschäftigung geboten.
Und was strukturiert den Tag besser als ein leckeres Mittagessen? Eben.
Wer keine Hemmungen hat, ist eingeladen vorbeizukommen: Mo-Fr, 12:30-15:30 Uhr
Troddwar – Suchthilfe Aachen, Kaiserplatz 15, 52062 Aachen
suchthilfe-aachen.de/troddwar

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